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Ski nordisch Wenn Skispringer langlaufen könnten

 ·  Der deutsche Langlauf-Cheftrainer Jochen Behle ist verzweifelt auf der Suche nach einer guten Frauen-Staffel. Die Biathletinnen Magdalena Neuner und Miriam Gössner sollen im helfen.

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Sicher, die Beine sind ihre stärkste Waffe im Kampf gegen die Konkurrenz, aber dennoch ist Magdalena Neuner durch und durch Biathletin. Und was für eine: Schließlich ist sie mit 22 Jahren schon sechsmal Weltmeisterin geworden. Trotzdem fühlt sich die Skijägerin aus Wallgau von dem Wunsch Jochen Behles durchaus „geehrt“. Der Cheftrainer der deutschen Langläufer hatte schon Anfang November auf dem offiziellen Dienstweg beim Biathlon-Kollegen Uwe Müssiggang angefragt, ob die flinke Skijägerin Interesse habe, bei den Olympischen Spielen in Vancouver in seiner Langlauf-Staffel fremdzugehen. Um der Medaillenchancen willen. „Warum nicht“, hat Müssiggang geantwortet. Zumal es vom olympischen Zeitplan passen würde, inklusive zwei Tagen Regeneration zwischen dem letzten Biathlon-Rennen und der Langlauf-Staffel. Aber der Trainer der Skijägerinnen sagt auch: „Das ist im Moment nur ein virtuelles Thema.“ Eine Option, mehr nicht.

Genauso sieht es Magdalena Neuner. „Meine Priorität liegt klar auf Biathlon, aber ein Langlauf-Einsatz ist nicht ausgeschlossen.“ Immerhin hat sie die formalen Voraussetzungen dafür schon erfüllt - beim Testrennen des Internationalen Skiverbandes (Fis) in Muonio: Platz 20 bei 165 Konkurrentinnen. „Ich habe jetzt sogar Fis-Punkte“, sagt sie. Vielleicht hat sich aber bis Vancouver (12. bis 28. Februar) das Thema längst erledigt. „Wir müssen doch erst mal sehen, ob die mich überhaupt brauchen“, sagt Magdalena Neuner, die es „unfair“ fände, „mich da reinzudrängen“. Ist auch reichlich früh, wo die Biathleten doch erst Mitte nächster Woche in Östersund in die Weltcup-Saison starten.

Die Deutschen sind eher eine Biathlon-Nation

Sie fühlt sich in ihrer unfreiwilligen Retterrolle gar nicht wohl. „Wir haben doch gute Langläuferinnen in Deutschland. Und ich finde es nicht richtig, nach dem ersten Wochenende zu sagen: Da geht nichts“, sagt sie. „Ich bin auch nicht so die Frühstarterin.“ Gleichwohl war nach dem mäßigen Saisonstart der Langläuferinnen am vergangenen Wochenende, als Claudia Nystad und Evi Sachenbacher-Stehle in Beitostölen mit Zwei-Minuten-Abständen auf Plätzen jenseits der zwanzig gelandet und die Staffel mit anderthalb Minuten Rückstand Fünfte geworden waren, die Diskussion neu entflammt. Peter Schlickenrieder, der Vizepräsident des Deutschen Skiverbandes (DSV), hatte von einer „echten Watsch'n“ gesprochen und gesagt: „Es sieht aus, als ob wir die Biathletinnen bei Olympia ganz dringend brauchen.“

Er sprach in der Mehrzahl, weil auch Miriam Gössner wieder auf Behles Wunschliste steht. Die 19 Jahre alte Biathletin vom SC Garmisch hat ihren größten Erfolg schließlich nicht als Skijägerin, sondern bei der nordischen Ski-WM im vergangenen Februar in Liberec gefeiert als ungemein starke Aushilfe der deutschen Langlaufstaffel, die Silber gewann, was die insgesamt schwache Bilanz in etwas hellerem Licht erstrahlen ließ. „Da hat sich auch keiner beschwert“, sagt Behle, der die Aufregung nicht versteht. „Die Norweger haben doch auch kein Problem, Biathleten einzusetzen, wenn die besser sind.“ Ole Einar Björndalen war 2002 Olympiafünfter, Lars Berger wurde 2007 sogar Weltmeister, Ronny Hafsaas hat gerade den Weltcup-Auftakt in Beitostölen gewonnen. Und die Norweger sind die Langlauf-Nation schlechthin.

Behle würde sogar Skispringer nehmen, „wenn die schneller wären“

Die Deutschen sind keine. Sie sind eher eine Biathlon-Nation, bei der die Kette hochveranlagter Nachwuchskräfte gerade bei den Frauen nicht abreißt. Höchstwahrscheinlich zu Lasten des Langlauf-Nachwuchses. „Biathlon ist lukrativer, attraktiver, medial besser aufbereitet: Klar schlägt sich das nieder“, sagt Behle, der bei Ausfällen seiner Stammkräfte schon Probleme bekommt. „Die Personaldecke ist dünn, es gibt kaum Alternativen.“ Und er schielt ein bisschen neidisch zum Kollegen Müssiggang, den ein Luxusproblem plagt. Er könnte zwei konkurrenzfähige Biathlon-Olympiastaffeln besetzen. Das wiederum dürfte Behle in die Hände spielen. Dass sich Miriam Gössner, die gerade an die Tür zum Weltcup klopft, auch im Kampf um die fünf Vancouver-Tickets gegen die etablierten Kräfte durchsetzen könnte, steht eher nicht zu erwarten. „In jedem anderen Team wäre sie längst im Weltcup“, sagt Müssiggang, aber derzeit bietet der Langlauf noch die bessere olympische Perspektive: „Miriam bringt im Moment extreme Laufleistungen. Da müssen sich die Langlauf-Mädels langmachen“, sagt der Biathlon-Bundestrainer.

Dass die Spezialistinnen, die am Wochenende beim Nordic Opening im finnischen Kuusamo einen neuen Anlauf nehmen, über diese Gedankenspiele um fremde Hilfe nicht besonders amüsiert sind, versteht sich von selbst. Sie müssen ohnehin erst einmal mit den neuen Tönen und Trainingsmethoden des Oberwiesenthalers Janko Neuber zurechtkommen, der den beliebten, aber wenig erfolgreichen Finnen Ismo Hämäläinen als Trainer abgelöst hat. Wobei Behle die Gedankenspiele nicht als Misstrauensvotum verstanden wissen will. „Ich will doch nur, dass die Schnellsten in der Olympiastaffel laufen. Ich würde sogar Skispringer nehmen, wenn die schneller wären.“ Und seine Mädels müssten doch nur ihre Leistung anbieten, „dann haben sie nichts zu befürchten“. So erzeugt man Druck.

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