115 Tage vor den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Oberstdorf kamen in Düsseldorf Frühlingsgefühle auf, der Winter schien bei T-Shirt-Wetter ganz weit entfernt. Zumindest für Passanten, die ein Alt im Freien genossen - und dabei ab und zu einen Blick warfen auf die Skistrecke vor ihrer Nase.
Ein gut 800 Meter langer Rundkurs am Rheinufer, mit 4000 Kubikmetern Kunstschnee aus der Neusser Skihalle präpariert, bildete am Wochenende schon zum dritten Mal die Bühne für den Weltcupauftakt der Skilangläufer. 110 Starter aus 18 Ländern - wer 2002 noch von einem wohl einmaligen, aus einer Bierlaune geborenen Ereignis gesprochen hatte, muß inzwischen zugeben, daß dieses Rennen funktioniert, von Aktiven, Zuschauern und Sponsoren begeistert angenommen worden ist. Dabei haben sich die Veranstalter über nicht geringe Schwierigkeiten hinweggesetzt. Im vergangenen Jahr ging der Versuch mit der Bottroper Skihalle als Schneelieferant und einer neuen Agentur finanziell schief. Die Schneequalität sorgte obendrein für Kritik bei den Sportlern. Zum Glück konnte man zum alten Partner zurückkehren.
Skandinavier dominierten
Über den sportlichen Rang darf man zwar streiten, doch die Weltcuppunkte von Düsseldorf sind für die Gesamtwertung nicht weniger wert als die eines Rennens bei Minusgraden in Skandinavien. Marit Bjoergen aus Norwegen und der Schwede Peter Larsson stehen nach ihren Siegen vom Samstag zunächst an der Spitze des Weltcups und dürfen das Gelbe Trikot tragen. Für Larsson war es der dritte Erfolg in Düsseldorf nacheinander, Marit Bjoergen hatte schon vor zwei Jahren die Premiere gewonnen. Ebenfalls immer in der Spitze dabei war die Italienerin Gabriella Paruzzi; 2, 1, 3, so lauteten ihre Plazierungen.
Vom Gletscher an den Rhein
Mit der Zahlenkombination 8, 6, 4 war Claudia Künzel aus Oberwiesenthal überaus zufrieden. Ihr gelang als Vierte wieder eine Steigerung und damit der beste Saisonauftakt ihrer Karriere, obwohl sie sich "völlig im Arsch" fühlte. Denn bis Donnerstag hatte die Mannschaft von Bundestrainer Jochen Behle in der Höhe des Dachstein-Gletschers noch einen "Ausdauer-Block" absolviert. Alles andere als ideal für Sprinter. Die Wärme im Rheinland strapazierte den Organismus zusätzlich. Auch fehlt zum jetzigen Zeitpunkt den meisten noch das Bewegungsgefühl auf Schnee, da bislang die Trainingskilometer überwiegend in ruhigem Tempo auf Rollen absolviert worden sind. "Ich hatte von Runde zu Runde absteigende Form", gab Claudia Künzel zu.
Als in Düsseldorf Wettkampfgeschwindigkeit und Kurventechnik gefragt waren, offenbarten sich hier und da Probleme. Nicht bloß Evi Sachenbacher hatte Mühe, einen Sturz zu verhindern. Dennoch war Trainer Behle "insgesamt sehr zufrieden". Tobias Angerer wurde Siebter, Manuela Henkel Vierzehnte. Im Teamsprint am Sonntag deuteten die Deutschen ebenfalls das große Potential für die WM an: Jeweils hinter einem norwegischen Duo wurden Manuela Henkel und Evi Sachenbacher ebenso Zweite wie Axel Teichmann und Tobias Angerer.
"Das war an der Grenze der Fairness"
"Das Maximum", kommentierte Behle dieses Resultat. "Wir haben in der Vorbereitung nicht alles falsch gemacht", bilanzierte Manuela Henkel vorsichtig, die sich allerdings noch "kaputt von der Höhe" fühlte. Angerer beklagte sich über das Ellbogenverhalten vor allem des estischen Konkurrenten Erki Jallai auf dem engen Kurs. "Das war an der Grenze der Fairness. Es wird von Jahre zu Jahr schwieriger. Aber das ist eben Sprint."
Den Charakter des Düsseldorfer Wettkampfs benannte Claudia Künzel unverblümt: "Ich will nicht sagen, daß dieses Rennen zu früh kommt. Es liegt aber deutlich außerhalb der Saison." In Kürze geht es zum weiteren Grundlagentraining nach Finnland, "in die Dunkelheit", wie Manuela Henkel feststellte. Das grelle Fest am Rhein nannte Claudia Künzel "ein schönes Showrennen, eine Party zur Auflockerung". Den zweiten Renntermin Ende November in Östersund in Schweden bezeichneten am Wochenende einige in ihren Kommentaren als "Weltcupauftakt". Düsseldorf ist und bleibt in erster Linie eine Werbeveranstaltung für den Langlauf.
Larsson: "Düsseldorf und ich sind ein Liebespaar"
In diesem Schaufenster standen Athleten wie der letztjährige Gesamtweltcupsieger René Sommerfeldt aus Oberwiesenthal (Rang 31) und Evi Sachenbacher aus Reit im Winkl (35) noch im Hintergrund. Aber beide haben ihr Training umstellen müssen, sind eher Ausdauerleister als Freunde der Kurzstrecken und wissen überdies, wann sie auf den Punkt fit sein müssen: im Februar bei der WM in Oberstdorf. Sommerfeldt fand im Kleinen positive Signale für die WM-Saison. Neuerdings kann er wieder schmerzfrei laufen. Seit Mai plagte er sich nämlich mit einer Entzündung an der Kniescheibe. "Ich bin schon sehr erleichtert." Es kann eben nicht allen so gehen wie dem Schweden Larsson, der nach seinem "Hattrick" behaupten durfte: "Düsseldorf und ich sind ein Liebespaar." Am Sonntag war er aber wohl etwas verträumt; er stürzte im Staffelfinale.