http://www.faz.net/-gtl-74a0u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.11.2012, 11:21 Uhr

Ski alpin Zurück im Stangenwald

Skirennläufer Felix Neureuther hat sich von einer Rückenverletzung erholt. Bei seinem verspäteten Weltcupauftakt im Slalom in Levi waren die Erwartungen gering - trotzdem reichte es zu einem respektablen siebten Platz.

von
© imago sportfotodienst „Nach Wochen des Darbens“ zurück auf Ski: Felix Neureuther steigt leicht verspätet in die Weltcupsaison ein

Es war frustrierend. Da hatte sich Felix Neureuther also intensiv auf die Ski-Weltcupsaison vorbereitet, intensiver noch als sonst, gezwungenermaßen. Denn der Internationale Skiverband hatte für diesen Winter den Einsatz neuer Ski vorgeschrieben, längerer, schmalerer, weniger taillierter Ski, um die Verletzungsgefahr für die Athleten zu verringern. Was für Fahrer und Firmen bedeutete: testen, testen, testen, um so zusammen mit Serviceleuten und Skiausrüster das optimale Material für die neue Zeitrechnung zu finden.

Bernd Steinle Folgen:

Neureuther ging die Herausforderung also mit viel Ehrgeiz an, er testete, testete, testete und stellte dabei fest: Er kam mit den neuen Ski wunderbar zurecht. Der Riesenslalom ist eigentlich die Nebendisziplin des Slalomspezialisten, mit den neuen Ski aber kam neue Hoffnung. „Man muss jetzt noch spritziger sein“, sagt Neureuther, „muss noch aggressiver fahren, mit noch mehr Kantwinkel, um die Ski am Ende des Schwungs ums Eck zu bringen. Und das sind wir Slalomfahrer eher gewohnt als Abfahrer.“ So trainierte Neureuther viel Riesenslalom, erste Vergleiche mit Konkurrenten fielen vielversprechend aus. Mit seinem Fahrstil, sagte Männer-Cheftrainer Karlheinz Waibel, habe sich Neureuther nicht schwergetan, „das neue Material gleich am Limit zu bewegen“.

Operationen an Schulter und Knie

Doch dann kamen die Rückenschmerzen. „Brutale Rückenschmerzen“, so Neureuther. So brutal, dass er den Weltcup-Auftakt in Sölden vor zwei Wochen abschreiben musste. Grund: eine Lendenwirbelentzündung in Folge eines Bandscheibenvorfalls. Der Start in den Weltcup-Winter fand für Felix Neureuther vor dem Fernseher statt.

Mehr zum Thema

Der Skirennsport ist eine verletzungsträchtige Branche, wer sich darauf einlässt, nimmt das in Kauf, Berufsrisiko, gewissermaßen. Neureuther hat das immer wieder am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er hat ein paar Operationen an der Schulter hinter sich und ein paar am Knie, er kämpfte mal mit einer Herzbeutelentzündung, und einen Bandscheibenvorfall hatte er auch schon, vor drei Jahren. Die Liste der Leiden des Felix Neureuther ist lang, nie aber war sie lang genug, um ihm die Lust am Skirennsport vollends zu nehmen, seinen Antrieb, der beste Slalomläufer der Welt zu werden, entscheidend zu bremsen. Neureuther, ein grundsätzlich eher positiv denkender Mensch, hält sich da lieber an das Gute an der Leidensgeschichte, und das ist, neben dem allgemeinen Grundkurs Medizin, der einem auf diese Weise über die Jahre unfreiwillig zuteil wird, die Gewissheit: „Ich bin immer jemand gewesen, der sich schnell von Verletzungen regeneriert.“

Ein Siebter Platz zum Auftakt

Diese Fähigkeit sollte ihm nun auch bei seinem zweiten Anlauf in den Weltcup-Winter 2012/2013 helfen, beim Slalom in Levi an diesem Sonntag.  Bislang hatte Neureuther in Finnland nur einen 18. Platz als bestes Resultat zu Buche stehen, schaffte am Sonntag aber als Siebter direkt die Qualifikationsnorm für die WM in Schladming. Auf den siegreichen Schweden André Myhrer und dem Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher aus Österreich fehlte ihm aber mehr als eine Sekunde. „Von den Schmerzen ging es heute, aber ich kann mich nicht so locker und frei bewegen“, meinte Neureuther.

Das ganz große Glück fehlt noch

Auch das deutsche Gesamtergebnis gefiel. „Wir sind sicher zufrieden mit dem Auftakt im Slalom. Das war eine deutliche Steigerung im Vergleich zu Sölden“, sagte Alpin-Direktor Wolfgang Maier. „Was die Jungs gezeigt haben, war aller Ehren wert“. Dem 26 Jahre alten Philipp Schmid gelang als Zehnter das beste Ergebnis seiner Karriere - und das mit Startnummer 47. Fritz Dopfer schüttelte nach seiner Fahrt auf Platz 16 hingegen leicht enttäuscht den Kopf.

Finland Alpine Skiing World Cup © dapd Vergrößern Auf Anhieb in den Top-Ten gelandet: Neureuther wird Siebter

Einen Platz unter den besten 15 hatte Neureuther sich vorgenommen. Und nun also locker erreicht. Trotzdem geht es für ihn weiterhin darum, „sich im Wettkampf ans Limit heranzutasten und damit Sicherheit zu gewinnen“, so Bundestrainer Waibel. Wenigstens über eins muss er sich aber nicht den Kopf zerbrechen: Der Slalom ist die einzige Disziplin im Weltcup, in der es in Sachen Ski keine Regeländerungen gab - Neureuther kann auf das Material zurückgreifen, mit dem er in der vergangenen Saison zweimal Zweiter, einmal Dritter und einmal Vierter geworden war. Der Speed also war da, nur an der Konstanz haperte es hier und da, und so hat er im Training nun besonders „auf die technischen Dinge geschaut, um stabiler zu werden“. Neureuther hat in seiner Karriere viel erreicht, er fährt seit Jahren in der Weltspitze, zweimal stand er im Weltcup ganz oben.

Doch das ganz große Glück bei einem ganz großen Wettbewerb, bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen, das fehlt ihm noch, mit Ausnahme des Siegs bei der WM 2005 im damals erstmals ausgetragenen Teamwettbewerb. In diesem Winter geht es für die besten Kurvenkünstler in Schladming um WM-Medaillen, gleich im Anschluss an die Hochsaison im Januar, wenn Schlag auf Schlag die Slalomrennen in Zagreb, Adelboden, Wengen und Kitzbühel folgen. Das Beste für Felix Neureuther an alldem ist: Bis dahin bleibt noch jede Menge Zeit, um richtig in Fahrt zu kommen.

Ski alpin, Weltcup in Levi/Finnland

Slalom
1. André Myhrer (Schweden) 1:49,55 Min. (53,86/55,69 Sek.);
2. Marcel Hirscher (Österreich) 1:49,61 (54,13/55,48);
3. Jens Byggmark (Schweden) 1:50,16 (54,17/55,99);
4. Manfred Mölgg (Italien) 1:50,28 (54,40/55,88);
5. Patrick Thaler (Italien) 1:50,50 (54,79/55,71);
6. Reinfried Herbst (Österreich) 1:50,59 (55,44/55,15);
7. Felix Neureuther (Partenkirchen) 1:50,65 (54,44/56,21);
8. Ivica Kostelic (Kroatien) 1:50,91 (54,77/56,14);
9. Mattias Hargin (Schweden) 1:51,05 (54,50/56,55);
10. Philipp Schmid (Oberstaufen) 1:51,06 (55,01/56,05);
...16. Fritz Dopfer (Garmisch) 1:51,37 (54,94/56,43)

Quelle: F.A.S.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Rekordserie Game of Thrones Auf zur letzten Schlacht um den Thron

Noch nie war eine Serie für so viele Emmys nominiert wie Game of Thrones. Hat das Epos sie verdient? Der letzten Staffel fehlte gar die Romanvorlage von R. R. Martin. Doch siehe da: Es geht auch ohne. Mehr Von Nina Rehfeld, aus Phoenix

24.07.2016, 16:09 Uhr | Feuilleton
Kammerphilharmonie Bremen Rebellen im Kulturbetrieb

In Bremen spielt eines der besten Orchester der Welt. Dahinter steckt ein besonderes Gesellschaftermodell mit Musikern in Doppelfunktion. Mehr

25.07.2016, 15:50 Uhr | Wirtschaft
Fußball-Bundesliga Darmstadt wartet auf die gebratenen Tauben

Darmstadt 98 bereitet sich derzeit mit zu wenigen Feldspielern auf die neue Bundesliga-Saison vor. Der Klub muss sich dringend verstärken – doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Mehr Von Alex Westhoff, Darmstadt

24.07.2016, 08:27 Uhr | Rhein-Main
Ermittlungsfortschritte Amokläufer von München zu Freund: Hass auf Menschen

Der Todesschütze von München hat sich laut Polizei vor seiner Tat eng mit einem Freund ausgetauscht. Gemeinsam hielten sich die Jugendlichen, die sich in einer Psychatrie kennen gelernt hatten, etwa in der Nähe zum späteren Tatort auf. Mehr

25.07.2016, 17:26 Uhr | Gesellschaft
Ferrari in der Krise Vettel muss sich die Wirklichkeit schönreden

Eigentlich müsste Ferrari die Formel-1-Saison schon vor dem Großen Preis von Ungarn an diesem Sonntag abhaken. Doch es ist wie einst: Eine Niederlage dürfen sich die Scuderia und ihr Top-Fahrer nicht eingestehen. Mehr Von Hermann Renner, Budapest

24.07.2016, 12:06 Uhr | Sport

Wer soll euch das noch glauben?

Von Christoph Becker

Mit ihrer Entscheidung, russische Athleten in Rio starten zu lassen, hat das IOC der Sportwelt einen schwarzen Sonntag beschert. Der Präsident und sein Komitee fallen vor den Verrätern der olympischen Idee auf die Knie. Mehr 64 79