27.12.2005 · Petra Haltmayer ist zwar schon 30 Jahre alt, aber dennoch die neue Hoffnungsträgerin des Deutschen Skiverbands für die Winterspiele in Turin. Die Abfahrtsspezialistin fährt schließlich immer öfter auf und davon.
Von Roland Wiedemann, RettenbergIm Radio laufen die Ramones. Petra Haltmayr mag die Surf-Punk-Musik der amerikanischen Kultband, einen Sound, der auf Bayern 3 ziemlich selten gespielt wird. Deshalb hört Petra Haltmayr FM4, eine österreichische Station, die Musikwünsche abseits des Mainstreams erfüllt. "Die spielen geile Musik. FM4 ist mein absoluter Lieblingssender", sagt Petra Haltmayr und setzt sich an den Küchentresen in ihrer kleinen, gemütlichen Wohnung im Rettenberger Ortsteil Wagneritz, ihr Refugium zwischen Wettkämpfen und Trainingslagern.
FM4 und die Ramones passen zu Petra Haltmayr. Spontan, dynamisch, bisweilen etwas chaotisch, so ist sie, die Allgäuerin. Die passionierte Motorradfahrerin, die am Samstag vor einer Woche mit ihrem vierten Platz bei der Abfahrt in Val d'Isere für einen der wenigen Lichtblicke im so arg gebeutelten Lager des Deutschen Skiverbands (DSV) sorgte, ist ein ganz anderer Typ als Martina Ertl oder Hilde Gerg. Die beiden Oberbayerinnen kann man sich im Dirndl sehr wohl vorstellen, Petra Haltmayr mit ihrem Nietengürtel an der schwarzen Hose eher nicht. Sie ist anders, auf keinen Fall ein Sonderling, aber ein bißchen der Paradiesvogel im DSV-Team. Bei Außenstehenden erweckt die Dreißigjährige manchmal den Eindruck, als sei sie etwas gleichgültig, zu wenig ehrgeizig. Doch der Schein trügt. "Häufig muß ich mich im Training selber bremsen", stellt sie klar.
„Ich war nie Jahrgangsbeste“
Begonnen hat alles am Wagneritzer Skilift zu Füßen des Grünten. "Wenn ich die Wahl zwischen Torlauf und Waldabfahrt hatte, habe ich mich für die Waldabfahrt entschieden", erzählt Petra Haltmayr. In der Grundschule fährt sie die ersten Rennen - mit mäßigem Erfolg, aber um so größerer Begeisterung. "Ich war nie Jahrgangsbeste", sagt Petra Haltmayr. "Aber es reichte immer, um eine Stufe höher zu steigen." Weil den Eltern eines Tages Zweifel kommen, fragt Vater Werner Haltmayr bei den Trainern nach, ob sich der Aufwand wirklich lohne. "Lassen Sie die Petra weiter bei uns mitfahren, die ist mit so viel Freude dabei", bekommt er zur Antwort. Die Haltmayrs gönnen ihrer Tochter den Spaß, auch wenn sie bei 20 von 25 Rennen nicht ins Ziel kommt. Und ein paar Jahre später schafft die Gymnasiastin tatsächlich den Sprung in die Nationalmannschaft.
Daß sie abgesehen von ihren beiden Weltcup-Siegen in Lake Louise nie ganz oben auf dem Stockerl stand, ärgert Petra Haltmayr bisweilen schon. Sie kann aber ganz gut damit umgehen. "Ich trainiere genauso hart wie die anderen. Aber an eine Hilde Gerg oder Maria Riesch komme ich nicht ganz ran. Die sind einfach einen Tick besser", lautet die Selbsteinschätzung der Speedspezialistin, die in der vergangenen Weltcup-Saison regelmäßig unter die Top ten fuhr.
Nicht dem Rummel ausgesetzt
Manchmal findet es Petra Haltmayr sogar ganz gut, nicht dem Rummel eines Skistars ausgesetzt zu sein. "Ich mag es lieber, wenn sich die Journalisten auf die anderen konzentrieren." Aber "die anderen" gibt es derzeit nicht. Maria Riesch, normalerweise Petra Haltmayrs Zimmerkollegin, hat es mit dem zweiten Kreuzbandriß in nur zwölf Monaten schlimm erwischt, Hilde Gerg mußte vor ein paar Wochen unter Tränen gar das Ende ihrer Karriere bekanntgeben. Bleiben noch Martina Ertl-Renz, die allerdings ihre besten Jahre wohl schon hinter sich hat, und das "ewige Talent" Annemarie Gerg, die wie Petra Haltmayr bereits 30 Jahre alt ist und derzeit im Slalom positiv überrascht.
Trotz dieser Konstellation spürt Petra Haltmayr keinen stärkeren Druck auf ihren Schultern. Die deutsche Öffentlichkeit müsse akzeptieren, daß "die fetten Jahre" mit Seriensiegen von Katja Seizinger, Hilde Gerg und Martina Ertl vorbei seien. "Ich mache mein Ding und sonst nichts. Ich bin schon lange genug dabei, um mich nicht gleich aus der Ruhe bringen zu lassen", fügt sie hinzu. Zu viele Höhen und Tiefen hat die Sportsoldatin schon durchlebt. Zum Beispiel die "Katastrophensaison 2002/2003", in deren Folge sie im Winter darauf beim DSV 10.000 Euro Kaution hinterlegen mußte - ein Fahr-gut-oder-zahl-Modell. Petra Haltmayr fuhr wieder gut und bekam ihr Geld zurück.
Fahr-gut-oder-zahl-Modell
Sie ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als Anfang Dezember der Saisonstart in Lake Louise zum Fiasko geriet. Ausgerechnet dort, wo sie ihre größten Erfolge gefeiert hatte, ging gar nichts. "Das lag zum Teil an mir, zum Teil aber auch am Ski, der bei minus zwanzig Grad nicht lief." Zuvor hatte Petra Haltmayr in der Vorbereitung auf den Winter konstant gute Leistungen gezeigt. "Ich kann doch das Skifahren nicht verlernt haben", dachte sie sich deshalb nach den Plätzen 41 und 38 beim Auftakt in den Rocky Mountains. Wenige Tage später landete Petra Haltmayr in Aspen immerhin schon auf Platz 15.
Es folgte das Zittern in Val d'Isere. Die DSV-Läuferin hatte im Training angedeutet, daß mit ihr zu rechnen ist. Aber wegen des starken Schneefalls und heftiger Windböen stand das Rennen mehrmals kurz vor der Absage. "Ich habe so gehofft, daß sie den Abfahrtslauf durchziehen", sagt die Allgäuerin. Am Ende bekam Petra Haltmayr ihre Chance und nutzte sie mit Platz vier, was die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele in Turin im Februar bedeutet. "Das war ein tolles Lebenszeichen unseres Teams", kommentierte Cheftrainer Wolfgang Maier das überraschende Ergebnis.
Und dann sagte Maier noch, daß Petra Haltmayr ein enormes Potential habe. "Aber die Lücke, die Hilde und Maria hinterlassen haben, kann sie nicht schließen. Damit wäre Petra überfordert." Sie fahre nicht konstant genug und könne zwischen Platz fünf und fünfzehn jeden Rang erreichen. "Er meinte wohl zwischen Platz vier und fünfzig", korrigiert ihn Petra Haltmayr in Anspielung auf Rang 32 im Super-G in Val d'Isere - nur einen Tag nach dem vielversprechenden Resultat in der Abfahrt.