18.10.2011 · Weltmeisterin 2009, Weltcup-Siegerin 2010. Doch 2011 rennt Kathrin Hölzl von Arzt zu Arzt. Zwar kehrt sie ins Training zurück, aber beim Saisonstart in Sölden guckt sie noch zu.
Von Bernd SteinleEs hätte ein ganz besonderer Moment in ihrer sportlichen Laufbahn werden sollen - und es wurde ein Desaster. Kathrin Hölzl hatte schon während der ganzen vergangenen Weltcup-Saison mit rätselhaften Rückenschmerzen zu kämpfen gehabt, doch sie biss sich durch, sie kann zäh sein, auch sehr stur, und schließlich war da dieses große Ziel: die Titelverteidigung im Riesenslalom bei der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen. Dort aber war dann nach dem ersten Durchgang endgültig Schluss. Mit dem Rennen, mit der WM, mit der ganzen Saison. Die Schmerzen waren zu stark. Und so blieb als einer der traurigsten Momente der Titelkämpfe das Bild, wie sich Kathrin Hölzl auf dem Weg aus der Garmischer WM-Arena schmerzgeplagt ein paar Treppenstufen hoch quält.
Nun ist Kathrin Hölzl zurück, oder besser: Sie hat den ersten Schritt zur Rückkehr gemacht. Vor knapp zwei Monaten stieg sie wieder ins Konditions- und Athletiktraining ein. Die Zeit dazwischen würde sie wohl am liebsten vergessen. „Nach der WM ging es mir erst mal sehr, sehr schlecht, wochenlang“, sagt die 27 Jahre alte Skirennfahrerin. „Ich hatte Schmerzen am ganzen Körper, bin von einem Doktor zum nächsten. Jeder hat immer gesagt, er weiß jetzt, was es ist, das haben wir gleich, und Fakt war letztendlich, dass gar nichts geholfen hat und ich durch ganz Deutschland und Österreich und was weiß ich wo rumgereist bin und kein Mensch mir helfen konnte.“
Sie bekam Hunderte von Spritzen, sie wurde am Rücken operiert und zweimal an den Zähnen, was prompt wieder eine schmerzhafte und langwierige Kieferknochenentzündung zur Folge hatte. Es stellte sich heraus, dass sie wegen einer genetisch bedingten Schwäche der Immunabwehr besonders anfällig ist für Bakterien und Viren, und so muss sie nun bei einem Infekt umgehend mit Antibiotika dagegenhalten, was wiederum zu Magen-Darm-Problemen führt. „So kam immer eins zum nächsten“, sagt Kathrin Hölzl.
Irgendwann in diesem Leidenssommer war klar: Die Schmerzen haben nichts mit dem Rücken zu tun, es muss „was Systemisches sein, das mit der Muskulatur zusammenhängt“, sagt sie. Auf komplementär-medizinischem Weg stieß Kathrin Hölzl dann mit Hilfe einer Ärztin aus Ansbach auf die Ursache: eine Stoffwechselstörung, die sich offenbar nach einer Herzmuskelentzündung vor vier Jahren schleichend entwickelt hatte. Die Konsequenz war eine monatelange Sportpause, um dem Körper Zeit zu geben, sich zu regenerieren, das ganze System neu zu starten, von Grund auf neu aufzubauen. Dazu stellte sie die Ernährung um. Und die Therapie schlug an.
Für Kathrin Hölzl war allein schon die Diagnose eine Riesen-Erleichterung gewesen. In der Zeit davor war sie „oft am Ende gewesen, weil man überhaupt nicht mehr weiß, was los ist“, sagt sie. „Man kriegt irgendwann Panik, wenn man jeden Tag in der Früh aufsteht, und es tut einem immer was anderes weh. Da kriegt man Angst, dass es irgendwas Schlimmes ist, man irgendwann im Rollstuhl sitzt. Man stellt sich ja die schlimmsten Sachen vor.“ Mit dem Gedanken, ganz mit dem Skifahren aufzuhören, habe sie auch in dieser Zeit nie gespielt, nicht nur, weil ihr das Skifahren so viel bedeutet, sondern auch, „weil es in erster Linie nur noch darum gegangen ist, dass ich gesund werde für ein normales weiteres Leben“. Das hat Kathrin Hölz nun offenbar geschafft.
Eine andere Frage ist, wie es mit dem Skifahren weitergeht, wie es mit der Rückkehr auf den Schnee aussieht. Acht Monate stand sie jetzt nicht mehr auf Ski, und deshalb hat sie „immer noch das letzte Mal im Kopf, und das war halt leider bei der WM, das war nicht so ein gutes Erlebnis“. Der Cheftrainer der deutschen Frauen, Tom Stauffer, sagt: „Sie wird sicher erst zurückkehren, wenn sie körperlich so weit ist, dass sie wieder da weiterfahren kann, wo sie aufgehört hat. Sie wird nicht zurückkommen, um sich nur für den zweiten Lauf zu qualifizieren.“ So sieht das auch Kathrin Hölzl. „Ich möchte vorne mitfahren und nicht um Platz 30 kämpfen.“ Konkrete Pläne aufzustellen, hat sie sich inzwischen abgewöhnt - „es kommt sowieso immer wieder anders“. In diesem Jahr aber soll es mit der Rückkehr auf Schnee auf jeden Fall noch klappen.
Das Skifahren, sagt Kathrin Hölzl, „fehlt mir brutal“. Doch bis auf weiteres ist Geduld angesagt, und wenn sie was gelernt hat aus der ganzen Leidensgeschichte, dann ist es die Notwendigkeit, dem Körper die Zeit zur Regeneration zu geben, wenn er sie braucht. Auch wenn es auf diese Weise eine langsame Rückkehr in den Weltcup wird. Für den Saisonauftakt, den Riesenslalom in Sölden am Samstag, hat sie zwar schon etwas geplant - aber nur als Zuschauerin: Sie will sich das Rennen mit den anderen beiden Langzeitverletzten im deutschen Frauen-Team, Susanne Riesch und Gina Stechert, zusammen im Fernsehen anschauen.