29.01.2012 · Maria Höfl-Riesch gewinnt die Superkombination von St. Moritz - ihr erster Weltcupsieg in diesem Winter. Lindsey Vonn ist trotzdem weit enteilt.
Von Michael Eder, St. MoritzDrei Wettbewerbe, drei Handtaschen. Beim Ski-Weltcuprennen der Damen in St. Moritz gab es für die Siegerinnen nicht nur Punkte und Preisgeld zu gewinnen, sondern auch eine Handtasche von ortsüblichem Luxus, 1300 Franken teuer. Lindsey Vonn, die überragende Skifahrerin dieses Winters, holte sich die ersten beiden in der ersten Superkombination und Abfahrt, und bei der Superkombination am Sonntag hatte sie neben ihrem 50. Weltcupsieg auch die dritte Tasche im Blick - schließlich habe sie zwei Schwestern, und da seien zwei Handtaschen natürlich eine zu wenig.
Doch es blieb bei zwei, die dritte nahm Maria Höfl-Riesch mit nach Hause. Drei Hundertstelsekunden fehlten der Amerikanerin am Ende nach Super-G und Slalom, drei Hundertstel ließen Maria Höfl-Riesch im Zielraum jubeln. Es war der erste Saisonsieg für die Partenkirchenerin in einer bisher holprigen Saison. Tags zuvor hatte sie in der Abfahrt Platz zwei hinter Lindsey Vonn belegt. Beim Sieg der Amerikanerin am Freitag war sie nach einem Patzer im Slalom nur als 21. ins Ziel gekommen.
Am Sonntag war es ein knapper, ein großer Sieg für Maria Höfl-Riesch, die nach dem Super-G 27 Hundertstelsekunden Rückstand hatte auf die Amerikanerin. „Das gibt viel Selbstvertrauen“, sagte sie. „Ein Traum.“ Nach sportlich schweren Wochen kann sie das gut gebrauchen. Am Freitag und am Samstag war Lindsey Vonn noch in einer anderen Liga gefahren und hatte der Konkurrenz nicht den Hauch einer Chance gelassen.
Die Abfahrt hatte sie mit dem sagenhaften Vorsprung von 1,42 Sekunden vor Maria Höfl-Riesch gewonnen. 1,42 Sekunden lagen zwischen der Ersten und der Zweiten - genauso viel wie zwischen der Zweiten und der Neunzehnten. Platz zwei, besser ging es nicht, und Maria Höfl-Riesch war daher mit ihrer Abfahrt zufrieden. Sie war, immerhin, die Beste des Rests geworden, die „Siegerin der Ohne-Lindsey-Wertung“, wie sie lächelnd sagte.
Doch damit wollte sie sich nicht begnügen. Klar, Lindsey Vonn, die Skikönigin dieses Winters, hat den Gesamtweltcup schon fast sicher, ihr Vorsprung ist nach acht Saisonsiegen riesig, sie wird nach 2008, 2009 und 2010 wohl die nächste große Kristallkugel holen. Für Maria Höfl-Riesch, die Titelverteidigerin, geht es noch um Platz zwei. Dazu muss sie Tina Maze abfangen, was machbar ist, auch wenn sich die Slowenin bisher als konstante Punktesammlerin erweist.
Aber Maria Höfl-Riesch musste in St. Moritz nach drei Ausfällen endlich auch mal wieder die Kurve im Slalom kriegen, um zu punkten und zumindest in der Superkombination eine Chance gegen die Amerikanerin zu haben. Am Freitag war ihr das noch nicht gelungen, am Sonntag aber war sie mit neuem Material angetreten, und das sollte sich lohnen.
Im vergangenen Jahr hatte Lindsey Vonn den Gesamtweltcup an Maria Höfl-Riesch verloren, was das vorübergehende Ende ihrer Freundschaft mit der Deutschen bedeutete. Eine Wachablösung hätte man damals vermuten können oder zumindest den Beginn eines langen Zweikampfs auf Augenhöhe, zumal Lindsey Vonn zu Beginn der neuen Saison in private Turbulenzen geriet. Doch die Trennung von ihrem Trainer und Ehemann Thomas Vonn machte sie nicht langsamer, sondern schneller.
In St. Moritz hat die Amerikanerin angekündigt, ihre Karriere bis zur WM in Vail 2015 fortzusetzen und womöglich noch einmal drei Jahre bis zu den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea dranzuhängen. „Das ist keine gute Nachricht für die junge Konkurrenz“, sagte Maria Höfl-Riesch, die wie ihre amerikanische Konkurrentin 27 Jahre alt ist. „So lange fahre ich auf keinen Fall mehr.“ Olympia in Sotschi 2014 ist ihr Ziel, was danach kommt, darüber möchte sie noch nicht befinden. „Mal schauen, wie lange ich noch Spaß habe. Wenn sich mein Körper mal nicht mehr nach Leistungssport anfühlt, höre ich auf. Natürlich wäre es ein Traum, in Sotschi noch mal nachzulegen.“
Aber bis dahin werden noch zwei Jahre vergehen, und da will sich die Deutsche nicht auf Dauer mit einem Spitzenplatz in der Ohne-Lindsey-Wertung zufriedengeben. Sie weiß, sie muss ihre Leistungen im Slalom stabilisieren, ihrer einstigen Paradedisziplin, und sie muss in den Speed-Disziplinen den Abstand zu Lindsey Vonn verringern. Kann sie auf das Niveau der Amerikanerin kommen? „Ich werde es versuchen“, sagt die Partenkirchenerin. „Lindsey fährt die beste Linie und hat die beste Position auf den Ski, um die Radien auch halten zu können“, sagt sie. „Wir schauen immer wieder Videos von ihr an.“
Mit einem Programm, das zwei Läufe, ihren und den der Amerikanerin, nebeneinander laufen lässt, machen sie die Unterschiede sichtbar. „Da kann man versuchen, sich etwas abzuschauen“, sagt Maria Höfl-Riesch. „Aber man muss es dann auch auf die Piste bringen.“ Die Superkombination in St. Moritz war für Maria Höfl-Riesch ein Anfang. Lindsey Vonn ist nicht unschlagbar, das ist die Botschaft. Sie muss nicht alles gewinnen, nicht jeden Wettkampf, jedes Preisgeld, jede Handtasche.