19.12.2009 · Fünfzehn Jahre nach Markus Wasmeier sind die Abfahrer noch immer die Sorgenkinder im deutschen Wintersport. In Gröden belegte Stephan Keppler Rang 38 - und war damit noch der beste Deutsche vor Hannes Wagner und Andreas Strodl.
Von Elisabeth Schlammerl, St. ChristinaImmer wieder schweifte Stephan Kepplers Blick von der Leinwand zur Anzeigetafel und zurück. Er schüttelte ein paarmal den Kopf, als er am Samstag im Zielraum der Weltcup-Abfahrt von Gröden seine Sachen zusammenpackte und einen wärmenden Anorak überstreifte. Der 26 Jahre alte Ebinger hatte nach seiner verkorksten Fahrt auf der „Saslong“ viele Fragen, fand aber keine Antworten. „Ich weiß nicht, was los ist“, sagte er und wirkte dabei wie die personifizierte Verzweiflung. Im Flachstück sei er nicht richtig auf Zug gefahren, aber das ist keine Erklärung für die 2,62 Sekunden Rückstand im Ziel. Er landete auf Rang 38, und dass er damit am Samstag noch der Beste der drei deutschen Starter war, konnte für ihn kein Trost sein. Denn er hatte bessere äußere Bedingungen vorgefunden, sie aber nicht nutzen können.
Die Voraussetzungen für seine Kollegen im Weltcup sind ohnehin noch andere. Andreas Strodl steht nach einer Knieoperation im Sommer erst seit September wieder auf den Skiern und kommt im Superriesenslalom derzeit viel besser zurecht. Zweimal fuhr er in dieser Disziplin schon in die Punkteränge, in der Abfahrt „läuft es aber noch nicht so“. Eine wilde Fahrt, bei der sich der junge Garmisch-Partenkirchner oft weit weg von der Ideallinie bewegte, brachte ihn auf Rang 48, mit einem Rückstand von 3,93 Sekunden.
Der Ausfall von Stechert tut weh
Fünf Plätze besser und knappe acht Zehntelsekunden schneller war Hannes Wagner. Den beschäftigte noch immer der Ausfall im Superriesenslalom am Tag zuvor. Mit sehr guter Zwischenzeit war er am Freitag am Tor vorbeigefahren und hatte damit eine beachtliche Platzierung verpasst – und das in seinem ersten Weltcup-Superriesenslalom. „Das hätte dem ganzen Team so gut getan“, sagte Wagner.
Vor allem weil sich drei Tage zuvor Tobias Stechert das Kreuzband gerissen hatte. „Dieser Ausfall tut uns sehr weh“, sagt Cheftrainer Charly Waibel, weil sich der Oberstdorfer „unheimlich gut entwickelt“ habe. Wieder einmal erwischte es einen, der sich an die Elite heranpirschte. „Das zieht sich durch bei uns.“
Ein kapitaler Sturz versetzte Keppler einen Knacks
Die Hoffnungen ruhten zu Saisonbeginn in erster Linie auf Keppler. Immerhin hatte der schon einmal bewiesen, mit den Schnellsten halbwegs mithalten zu können. Vor drei Jahren wurde er im Superriesenslalom von Gröden Achter, genau wie ein paar Wochen zuvor in der Abfahrt von Lake Louise. Damals war er unbekümmert drauflos gefahren, hatte seine technischen Defizite mit Risikobereitschaft wettgemacht und schien sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen zu lassen. „Die Psyche“, sagte Sportdirektor Wolfgang Maier, „ist seine große Stärke. Es ist erstaunlich, wie trocken er an Dinge herangeht.“
Es schien wieder ein deutscher Skirennfahrer heranzureifen, der erste seit Florian Eckert, der die Voraussetzungen erfüllte, ein Siegfahrer zu werden. Aber ein kapitaler Sturz in Val d’Isère im Januar 2007 versetzte ihm einen ersten Knacks. Er ließ sich dadurch den Schneid abkaufen und schaffte es nicht mehr, an die Leistungen vom Saisonbeginn anzuknüpfen. Aber immerhin fuhr er noch regelmäßig in die Punkteränge. Dann riss ein Jahr später das Kreuzband, und seither bewegt sich Keppler oft jenseits des 30. Platzes. Er bastelte zu Saisonbeginn länger an der Abstimmung zwischen Schuh und Ski. Das immerhin passt nun, spiegelt sich aber weder in den Resultaten noch in der Fahrweise wider.
Nur Eintagssieger seit Wasmeiers Rücktritt
Charly Waibel übernahm im Frühjahr das Amt des Cheftrainers bei den Männern, und obwohl er bald das „Rennfahrer-Gen“ bei den meisten seiner Athleten vermisste, rief er das optimistische Ziel aus, mit zwei Schnellfahrern zu den Olympischen Spielen nach Vancouver reisen zu wollen. Das wären immerhin zwei mehr als in Turin vor vier Jahren. Damals waren ein paar Monate vor den Winterspielen Florian Eckert und Max Rauffer zurückgetreten – die einzigen beiden Abfahrer, die dem Deutschen Ski-Verband in diesem Jahrtausend Glücksmomente beschert hatten.
Eckert weckte 2001 mit WM-Bronze berechtigte Hoffnungen auf ein Ende der seit Markus Wasmeiers Rücktritt 1994 währenden deutschen Schnellfahrerkrise, aber bald danach verletzte sich der Lenggrieser schwer und musste schließlich seine Karriere beenden. Rauffer war der letzte deutsche Abfahrtssieger im Weltcup, er gewann vor fünf Jahren in Gröden. Allerdings kam der Erfolg auf der „Saslong“ eher unerwartet, denn davor und danach war Rauffer eher ein seltener Gast unter den besten fünf der Welt gewesen. Waibel und seine Athleten haben Vancouver noch nicht ganz abgeschrieben. „Ich kann meine Ziele jetzt doch nicht herunterschrauben“, sagt Keppler. Vermutlich muss er es aber demnächst.