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Ski alpin Brummi-Rennen im Steilhang

 ·  Die umstrittenen Änderungen am Material stehen beim Auftakt des alpinen Weltcups auf dem Prüfstand. Im Dienste der Sicherheit werden die Ski länger, schmaler, weniger stark tailliert.

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© dpa Vergrößern Riesenslalom-Fahrer Dopfer: „Wenn das die Zukunft ist...“

Es war vor knapp einem Jahr im amerikanischen Skiort Vail, als Fritz Dopfer einen Ausflug in die Zukunft machte. Zum ersten Mal war der beste deutsche Riesenslalomfahrer auf einem Prototyp der neuen Ski unterwegs, die von dieser Saison an im Weltcup vorgeschrieben sind. Es war ein Versuch zu erspüren, wohin die Reise gehen wird in seinem Sport, und Dopfer erinnert sich noch gut an dieses Experiment. Es ist ihm im Gedächtnis geblieben, aus gutem Grund, oder besser: aus schlechtem Grund. „Ich bin kopfschüttelnd im Ziel abgeschwungen und hab gedacht: Hey, wenn das die Zukunft wird ...“

Es ist die Zukunft geworden, und an diesem Wochenende beginnt sie nun auch offiziell, mit dem Weltcup-Auftakt in Sölden. Ein Riesenslalom der Damen am Samstag und einer der Herren am Sonntag finden dort statt - es geht also um genau jene Disziplin, in der sich die Änderungen am Material, die der Internationale Ski-Verband (Fis) Firmen und Fahrern für diese Saison vorgesetzt hat, am gravierendsten auswirken. Nur im Slalom blieben die Ski unverändert, ansonsten lauten die Kennzeichen der neuen Generation: länger, schmaler, weniger stark tailliert.

Die Fis will damit die Sicherheit der Athleten verbessern, die Ski weniger aggressiv machen, das Verletzungsrisiko reduzieren. So wurde bei den Riesenslalomski der Herren der Radius von bisher 27 auf 35 Meter angehoben, um die extremen Kräfte, die in den engen Kurven wirken, besser in den Griff zu bekommen. Die Regeländerungen, so die Fis, basierten auf den Ergebnissen jahrelanger Untersuchungen der Universität Salzburg und des Trauma-Forschungszentrums in Oslo.

Das änderte nichts daran, dass sie bei vielen Athleten einen Sturm der Entrüstung hervorriefen: Sie fürchteten um die Attraktivität ihres Sports für Zuschauer, Sponsoren und Nachwuchs, weil er der Faszination der engen, messerscharf in den Schnee geritzten Carving-Schwünge beraubt und um Jahre zurückgeworfen werde. Das sei, so der amerikanische Riesenslalom-Weltmeister Ted Ligety, wie der Umstieg „von einem Sportwagen auf einen Lastwagen“.

Brummi-Rennen im Steilhang? In diesen Tagen, vor dem Saisonstart in Sölden, nach einem Jahr des Testens und Tüftelns, des Entwickelns und Verfeinerns der Ski, ist die Polemik vielerorts verschwunden - die große Harmonie aber immer noch fern. Die Ski „brauchen etwas mehr Kraft, aber so lange der Schnee hart ist, fahren sie gut“, urteilt etwa Rädelsführer Ligety. Auf weicher Piste freilich sehe die Sache wieder ganz anders aus. Und, so Ligety: „Für die jüngeren, kleineren Fahrer werden sie die Hölle sein“ - wegen des höheren Kraftaufwands, den sie erfordern.

Ähnlich hat das auch Dopfer erfahren. „Langsam kommt das Gefühl vom letzten Jahr wieder zurück“, sagt er. Ein Unterschied aber ist geblieben: „Es ist schon schwieriger zu fahren“, sagt Dopfer, der nach seinem starken Winter 2011/2012 in die erste Startgruppe vorgestoßen ist, sprich: unter die besten sieben Fahrer der Welt. „Wenn es weicher und die Geschwindigkeit nicht so hoch ist, ist es utopisch, so einen Radius zu fahren wie letztes Jahr“, sagt er.

Viel Einfluss auf das neue Fahrgefühl wird daher auch die Kurssetzung haben. Ein offener, flüssig gesteckter Lauf ist weiter problemlos zu bewältigen - ein enger, stark drehender Kurs kann zur Quälerei werden, zu einem einzigen „Kampf“, so Doppel-Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch: „Da ist man halt immer einen Tick hinterher.“ So ist künftig auch verstärkt körperliche und technische Präzision auf dem Ski gefragt. „Man muss technisch sauberer fahren, um schnell zu sein“, sagt Dopfer. „Du brauchst mehr Körperspannung, weil du mehr Kraft brauchst, um den Ski wirklich auf Radius zu bringen.“

Wie mit Trockenreifen im Regen

Sein Teamkollege Felix Neureuther findet: „Das Problem mit diesen Ski ist, dass man am Schwungansatz relativ wenig vom Ski zurückbekommt. Wenn die Verhältnisse weich sind, kann man sich das so vorstellen, wie wenn ein Formel-1-Fahrer mit Trockenreifen auf eine regennasse Straße kommt. Der sucht dann immer irgendwo nach Grip.“ Neureuther selbst wird dazu in Sölden keine Gelegenheit haben - wegen einer Lendenwirbelentzündung in Folge eines Bandscheibenvorfalls musste er auf den Saisonauftakt verzichten.

Bleibt die Frage: Was bringt das Ganze? Hat die Fis ihr Ziel erreicht? Ist der Skisport sicherer geworden? Erfahrene Athleten wie der Kroate Ivica Kostelic oder der Österreicher Benjamin Raich sagen: Ja, weil die Ski wieder besser zu kontrollieren seien. Neureuther sagt: nein. „Sicherer ist dadurch mit Sicherheit überhaupt nichts geworden.“ Riesenslalom-Spezialisten wie Dopfer oder Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg bemängeln, dass zwar die Ski öffentlichkeitswirksam verändert wurden - andere sicherheitsrelevante Parameter wie Pistenpräparierung, Kurssetzung oder das Material der Rennanzüge aber außen vor blieben. „Das sind die Themen, an denen man zuerst einhaken sollte“, sagt Viktoria Rebensburg. So werden sie nun in Sölden alle ganz genau hinschauen, wie sich die umstrittene Umstellung im Rennen auswirkt. Denn in einem sind sich Kritiker wie Befürworter einig: „Ob die Änderungen sinnvoll waren“, sagt Dopfer, „wird sich im Lauf der Saison zeigen.“

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