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Skandalspringen : Heftige Kritik nach dem Sturzspringen von Kuusamo

  • Aktualisiert am

Schlimmer Sturz: Thomas Morgenstern Bild: dpa/dpaweb

Ein schwerer Sturz des Österreichers Thomas Morgenstern hat das Weltcupspringen in Kuusamo beendet und eine Diskussion über die Sicherheit ausgelöst. Morgenstern überstand den Sturz unerwartet glimpflich.

          Ein schwerer Sturz des 17 Jahre alten Österreichers Thomas Morgenstern hat am Samstag das zweite Weltcupskispringen in Kuusamo beendet und eine kontroverse Diskussion über die Sicherheit in diesem Sport ausgelöst. Morgenstern überstand den Sturz unerwartet glimpflich. Er kam nach dem letzten Stand mit Prellungen und einer Gehirnerschütterung davon. Das Springen wurde am Sonntag - ohne seine Beteiligung - nachgeholt. Weil sich die Bedingungen nicht wesentlich verbessert hatten, wurde dieser Wettbewerb nach nur einem Durchgang für entschieden erklärt.

          Nicht nur Mannschaftskameraden von Morgenstern wie Andreas Kofler und Martin Höllwarth äußerten ihr Unverständnis darüber, daß überhaupt noch ein neuer Versuch unternommen wurde. Höllwarth sagte, er habe sich unter den Kollegen umgehört, ob sie zu einem Boykott bereit seien - doch er fand keine Unterstützung. Auch der Deutsche Martin Schmitt und Bundestrainer Wolfgang Steiert gehörten zu den Kritikern der Entscheidung für ein weiteres Springen.

          „Heute war überhaupt kein Feuer in mir"

          Sie hätten angesichts der Vorfälle vom Samstag - vor Morgenstern war schon Kofler von einer Windböe zu Boden gedrückt worden - gerne verzichtet. "Ich bin nicht glücklich und fahre mit einem komischen Gefühl im Magen ab. Normalerweise brenne ich vor jedem Wettkampf. Aber heute war überhaupt kein Feuer in mir", gab Steiert zu. "Der Bogen wurde am Samstag ein bißchen überspannt. Ich war daher nicht gerade heiß darauf, noch einmal zu springen. Die Gesundheit ist schließlich das größte Kapital, das man als Sportler hat", sagte Schmitt, der geschickt einen Sturz hatte vermeiden können.

          Der 17jährige Morgenstern wurde von einer Windböe erfaßt und stürzte schwer

          Den deutschen Siegertypen in der Nordischen Kombination und im Skilanglauf, Ronny Ackermann und Axel Teichmann (siehe nebenstehenden Bericht), standen beim "Nordic Opening" in Kuusamo im Nordosten Finnlands enttäuschte und auch verärgerte Skispringer gegenüber. Sven Hannawald gelangen am Freitag abend (Platz fünf) und bei der Verlängerung des Weltcup-Auftakts am Sonntag morgen (Rang acht) die besten Resultate für die Mannschaft des neuen Bundestrainers Steiert. Schmitts Auftritt war mit den Plätzen zwanzig und neun noch wechselhafter.

          Eigentlich nur Nieten in der Windlotterie

          Steiert machte neben dem Wind auch einen Trainingsrückstand auf Schnee, individuelle Absprung- und Technikfehler sowie eine schlechte Skipräparierung für das schwache deutsche Abschneiden verantwortlich. Doch der Sport - Matti Hautamäki aus Finnland und der Norweger Sigurd Pettersen gewannen die Springen - spielte nicht die Hauptrolle in Kuusamo. Fand schon der erste Wettbewerb unter schwierigen Bedingungen statt, unter denen selbst erfahrene Athleten leiden mußten, wurde der Samstag zu einem vermeidbaren Ärgernis.

          Windlotterie klingt nett, aber eigentlich können fast alle nur Nieten ziehen. Die sportliche Aussagekraft tendiert gegen Null, im schlimmsten Fall gibt es Stürze und Verletzungen. "Ich verstehe nicht, warum die FIS den Wettkampf mit aller Macht durchgedrückt hat", kritisierte Kofler. Steiert gab sich am Sonntag keine Mühe, sein Unbehagen zu verbergen: "Selbst wenn einer meiner Springer aufs Treppchen gekommen wäre, hätte ich mich nicht freuen können. Die ganze Einstellung zum Wettkampf war heute nicht positiv."

          Viel Kaltschnäuzigkeit notwendig

          Es gehörte schon viel Kaltschnäuzigkeit dazu, am frühen Sonntagmorgen wieder auf die Schanze zu gehen. Hannawald gelang es ganz gut, die Eindrücke abzuschütteln. "Ich habe vom Sturz nicht viel mitbekommen und verdränge solche Sachen. Wenn ich ständig daran denken würde, was passieren kann, brauchte ich gar nicht die Schanze runterzufahren", meinte er. Teamkollege Schmitt machte sich die Sache schwerer. "Es war eine Unsicherheit da, obwohl ich den Sturz nicht gesehen habe. Einigen Springern ist es egal, aber ich mache mir viele Gedanken darüber", sagte Schmitt. Der österreichische Mannschaftsführer Toni Innauer bekannte: "Mir wäre es lieber gewesen, der Wettbewerb wäre abgesagt worden. Aber es ist die Perversion des Leistungssports, daß am nächsten Tag viele Dinge vergessen sind. So ist das Spiel, bei dem die Athleten gutes Geld verdienen, wenn sie ein hohes Risiko eingehen."

          Walter Hofer, Sprung-Direktor beim Internationalen Skiverband (FIS), hatte alle Mühe, die von ihm gesteuerte Jury-Entscheidung zu verteidigen. "Wir schätzen als Jury das Risiko ein und vertrauen auf die Rückmeldung der Trainer und Sportler. Ein Jurymitglied war nach Koflers Sturz am Trainerturm, dort wurden keine Einwände gegen eine Fortführung des Wettkampfes erhoben." Einen Ausfall gleich zum Saisonauftakt wollte er wohl auch nicht einfach hinnehmen. Der Sprung-Direktor bestritt, daß er und die Jury unter dem Druck von Fernsehen und Sponsoren stünden. Er habe "ein gutes Gewissen". "Die Jurymitglieder haben ihre Arbeit gemäß dem Reglement gemacht. Auf den Flug haben wir keinen Einfluß mehr." Was hätte Hofer wohl gesagt, wenn Morgenstern schwer verletzt worden wäre?

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