18.01.2011 · Der Belgier Seppe Smits hat in einer Skihalle mit dem Snowboarden angefangen. Heute ist er einer der besten Fahrer der Welt. Sein großes Ziel ist Olympia 2014 - dort hätte er eine historische Chance.
Von Sebastian Eder, LaaxMan kann schon einen Schreck bekommen, wenn man dieser Tage die Bergstation der Seilbahn in Laax verlässt. Schaut man Richtung Tal sieht man monströse Schanzen, eine nach der anderen. Helikopter kreisen über den Bergspitzen, Kamerateams versuchen, sich ihren Weg durch den Schnee zu bahnen. Auch akustisch rechnet der unvorbereitete Besucher im Hochgebirge mit etwas anderem: Rockmusik dröhnt über den Berg. Überall schwirren junge Menschen mit Snowboards herum, in den Liften wird fast nur englisch gesprochen. Snowboarder werden nach ihren Läufen mit Hubschraubern zurück an den Start geflogen.
Die „European Open“ gastieren in Laax, der wichtigste Freestyle-Wettbewerb in Europa. Die besten Snowboarder der Welt treten gegeneinander an. Zwei Disziplinen gibt es: Slopestyle nennt sich die Fahrt über einen Parcours, der in Laax aus acht Schanzen und Hindernissen besteht. Der Snowboarder, der sich am spektakulärsten und gleichzeitig elegantesten in diesem Park austobt, gewinnt. Die zweite Disziplin kennt spätestens seit den Olympischen Spielen fast jeder: Über die Kanten einer Halfpipe katapultieren sich die Fahrer in schwindelerregende Höhen. Der Wettbewerb in der Schweiz ist eines von sieben Sechs-Sterne-Events der „TTR World Snowboard Tour“, die aus weltweit 163 Wettkämpfen besteht. Je mehr Sterne der Wettkampf hat, desto mehr Punkte bekommt der Sieger. So entsteht die Weltrangliste der Freestyle-Snowboarder.
„Boarders Paradise“ in Belgien
Als Spitzenreiter dieser Rangliste kam der 19-jährige Seppe Smits in die Schweiz. Ehrfurcht ist dem jungen Mann anzumerken, wenn er über den Slopestyle-Parcours in Laax spricht. „Jede Schanze ist ungefähr doppelt so groß wie die bei mir zu Hause.“ Bei ihm zu Hause? Sieht man ihn, wie er über die Schanzen fliegt, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht, denkt man an die Vereinigten Staaten, Kanada, vielleicht an Finnland. Er muss mit einem vergleichbaren Park vor der Haustür aufgewachsen sein, wie fast alle der anderen Stars. Aber der Eindruck täuscht. Seppe Smits kommt aus einem Land, dessen höchster Berg 690 Meter über dem Meeresspiegel liegt: aus Belgien.
1997 war ein entscheidendes Jahr, will man die Geschichte von Seppe Smits verstehen. Im belgischen Ort Peer, wo er aufgewachsen ist, eröffnete eine Skihalle, ein riesiger Kühlschrank. Smits war begeistert: Endlich war der Schnee direkt vor der Haustür. 2001 eröffnete in Peer dann das „Boarders Paradise“, Smits war gerade 10 Jahre alt. Die Halle ist 85 Meter lang und 30 Meter breit, und in ihrer Mitte steht eine einzelne kleine Schanze. „Es gibt zwar nur diese eine Schanze, aber gerade deswegen kann man Sprünge sehr oft und sehr schnell hintereinander probieren. Immer und immer wieder.“ Und das machte er.
„Mein großer Traum“
Irgendwann wurde es ihm zu eng im Boarders Paradise. Smits wollte raus, sich mit anderen Snowboardern auf richtigen Bergen messen. 2004 überzeugte er seine Eltern, mit ihm nach Österreich zu einem Wettkampf zu fahren. Donnerstags fuhren sie los, zehn Stunden saßen sie im Auto. Freitag und Samstag war der Wettkampf, Sonntag ging es wieder zehn Stunden zurück.
In der Snowboardwelt wurde der kleine Belgier am Anfang belächelt, „Fridge-kid“ nannten sie ihn, das Kind aus dem Kühlschrank. Doch Smits biss sich durch. Bei seinem ersten Wettkampf wurde er Zweiter und erste Sponsoren wurden auf ihn aufmerksam. Seitdem ging es steil bergauf mit dem Belgier. Mit 17 schaffte er den Durchbruch, wurde Zweiter bei den FIS-Weltmeisterschaften im „Big Air“, dem Sprung über eine einzelne Schanze. Im vergangenen Dezember wurde er Zweiter beim Air&Style in Peking. In Laax reichte es für Platz vier.
Smits Ziel ist Olympia 2014 in Sotschi. „Ich hoffe, dass Slopestyle wirklich olympisch wird, das wäre mein großer Traum“, sagt er. Die Chancen stehen gut. Das Internationale Olympische Komitee hat Präsident Jacques Rogge persönlich die Verantwortung für die Entscheidung übertragen, und die Chancen stehen gut, dass Smits und seine Kollegen 2014 dabei sind. Der Belgier hätte dann eine historische Chance. „Ich habe keine Ahnung“, antwortet er auf die Frage, wie viele Goldmedaillen Belgien denn bei olympischen Winterspielen gewonnen habe. Es war genau eine. 1948, im Eiskunstlauf.