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Schneetreiben „Temporodeln und Hacklschorschen“

11.02.2006 ·  Der ganze Kerl ist zum Synonym für seine Sportart geworden. Wer über Rodeln redet, spricht über ihn. Kein Mensch sagt „Georg“, oder gar Herr Hackl. Sondern eben „Hacklschorsch“. Schneetreiben - die FAZ.NET-Olympia-Kolumne.

Von Achim Dreis, Sestriere
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Im modernen Sport wird häufig von Markenbildung gesprochen, doch nur selten schafft es ein Name tatsächlich ins kollektive Bewußtsein. Geschafft hat es, wer zum Gattungsbegriff für einen ganzen Produktzweig geworden ist. „Tempo“ ist so ein Beispiel für Taschentücher, „Selters“ war es mal für Sprudelwasser. Und beim Rodeln gibt es den „Hacklschorsch“.

Nicht sein spezieller Stil, sondern der ganze Kerl ist zum Synonym für seine Sportart geworden. Wer über Rodeln redet, spricht über ihn, den dreifachen Olympiasieger. Und zwar genau so. Kein Mensch sagt „Georg“, oder gar Herr Hackl. Sondern eben „Hacklschorsch“. Weil er als urig gilt, und so lustig. Obwohl er eigentlich eher ein Grantler ist und ein Perfektionist. Egal.

Von Pauli Siitonen bis Jan Bokloev

Es ist nur ganz wenigen Wintersportlern gelungen, mit ihrem Namen Sportart-prägend zu sein. Meist durch Revolutionen. Pauli Siitonen aus Finnland spaltete in den 80er Jahren die Langlaufbewegung, als er zum Beschleunigen ein Bein ausstellte. Er lief dank „Siitonen-Schritt“ schneller als die anderen, wurde aber auch als Loipenzerstörer beschimpft. Der Kompromiß: es gibt nun Wettkämpfe für klassische Langläufer und welche für „Siitonisten“. Die haben den Halbschlittschuhschritt perfektioniert - doch längst wird von Skating oder Freistil gesprochen.

Jan Bokloev war ein namenloser schwedischer Skispringer, bis er 1986 einen verunglückten Sprung rettete, indem er die Beine zum V spreizte. Zu seiner eigenen Überraschung flog er weiter als je zuvor. Er kultivierte den „Bokloev-Stil“, mußte aber mit Abzügen in den Haltungsnoten leben, da die konservative Sprungwelt am Parallelstil festhielt. 1989/90 gewann er trotzdem den Gesamtweltcup und kurz danach sprangen alle im V-Stil. Der namenlose Schwede verschwand freilich wieder von den Sprungschanzen und aus dem kollektiven Gedächtnis.

Einsitzerrodeln gleich „Hacklschorschen“

Im Rodeln existiert seit fast 20 Jahren das Phänomen „Hacklschorsch“. Drei Mal Weltmeister, drei mal Olympiasieger, und irgendwie immer präsent. Es ist ein Wunder, das man noch rodeln sagt, und nicht „hackln“. Doch diesen Sonntag endet die Ära: „Ich befinde mich definitiv in den letzten Läufen meiner Rodelkarriere“, sagte er feixend: „Gell, das glaubt's ihr nicht.“ Doch es werden wohl seine Abschiedsspiele. Der Mensch sei nicht dafür gemacht, mit 40 noch zu rodeln, weil sonst die Wirbelsäule zu zerbröseln drohe. Dennoch gilt der ewige Olympiasieger wieder als Medaillenbank. Verletzt? Zu alt? Alles kein Thema: Der „Hacklschorsch“ wird's schon richten.

Doch wenn der Schorsch nun wirklich zum letzten Mal durch einen Eiskanal hacklt? Was dann? „Als erstes ein Weizenbier im Kufenstüberl“, freut sich der Hacklschorsch. Egal, welchen Platz er rausrodelt. Alle werden sie ihn feiern: die Edelfans und Gelegenheitssportgucker, die Weißbierfreunde und die Deutschlandfahnenschwenker. Und sogar die, die ihn einst als „rasende Weißwurst“ verulkten. Sie alle wollen anstoßen mit dem Olympiasieger im „Hackln“: mit dem Rodel-Schorsch, der ultimativen Marke für Tempo. Und dann werden sie eine Bahn nach ihm benennen. Damit er ewig im Gedächtnis bleibt.

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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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