22.01.2009 · Sanfte Musik, dezentes Kratzen der Schlittschuhe, ansonsten Stille: Aljona Savchenko und Robin Szolkowy verzauberten bei der Eiskunstlauf-EM mit einem betörenden Kunstwerk. Dabei stecken die Eisläufer in einem komplizierten Binnenverhältnis.
Von Roland Zorn, HelsinkiAls es bis auf die sanfte Musik und das dezente Kratzen der Schlittschuhe fast mucksmäuschenstill geworden war in der Hartwall-Arena, verdichtete sich die Kür von Aljona Savchenko und Robin Szolkowy in ihren Gleit- und Hebepassagen zu einem kleinen, intensiven, betörenden Kunstwerk. Das schwebeleichte Signal, welches das Chemnitzer Paar an das Publikum gesendet hatte, mündete in Vibrationen der Faszination und des Angerührtseins.
So stellt sich der Eiskunstlauf-Fan die perfekte Harmonie von zwei lautlosen Kunstläufern auf dem Weg in ihr All aus großen Gefühlen, grandiosen Sprüngen und gewagten Hebungen vor. Savchenko/Szolkowy prägten am Mittwoch vor 6000 Zuschauern in der Hartwall-Arena einen Abend, der am Ende ihnen allein gehörte. Und das nicht nur, weil die 25 Jahre alte Blondine und ihr 29 Jahre alter Partner zum dritten Mal nacheinander Europameister – vor den Russen Kawaguchi/Smirnow und Muchortowa/Trankow – geworden waren.
„Entweder es schlafen jetzt alle, oder alle genießen es“
Vor allem die Art und Weise, wie sie die Zuschauer zur Musik aus dem Film „Schindlers Liste“ auf ihre Seite zogen und bis zum großen Finale, einem von ihr mit Grandezza gelandeten Dreifachwurfsalchow, in Atem hielten, machte die Kür der Europa- und Weltmeister zu einem Ereignis.
Großes Sportkino eben aus der Sparte Eiskunstlauf, das Aljona Savchenko so empfand: „Ich habe mitgekriegt, wie die Leute still wurden, und eine Gänsehaut bekommen.“ Robin Szolkowy ging, als der goldene Augenblick vorbei war, lieber auf ein Stück selbstironischen Abstand. „Als es extrem leise wurde, habe ich gedacht, okay, entweder es schlafen jetzt alle, oder alle genießen es. Ich glaube, dass alle es genossen haben.“
Eine stilsichere Paarlauf-Demonstration
„Es“, das war nicht nur „die beste Kür in dieser Saison“, wie die alte und neue Europameisterin richtigerweise anmerkte, es war vermutlich das schönste, schwierigste und heikelste Programm, das Savchenko/Szolkowy bisher zelebriert haben. Schließlich geht es in Steven Spielbergs Film um den sudentendeutschen Unternehmer Oskar Schindler, der 1200 von ihm während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten bewahrte.
Aus diesem Akt von Zivilcourage eine stilsichere, geschmackvolle, nie überladene, nie kitschige Paarlauf-Demonstration zu machen, war ein Kunststück, das Savchenko/Szolkowy und ihrem Trainer Ingo Steuer gelungen ist. Der Paarlauf-Weltmeister von 1997, tags zuvor noch ein strenger Kritiker seines Meisterschülers Szolkowy, stieß nach vollbrachter Kürtat ungewohnt emotional die rechte Faust gen Hallendach und entledigte sich damit des Drucks, der auch auf ihm gelastet hatte.
„Überheblich“ sei Szolkowy gelaufen, moserte Steuer
Was am Mittwochabend nach sächsischer Dreieinigkeit ausgeschaut hatte, ist in Wirklichkeit eine komplexe Dreierbeziehung, die immer wieder von Zoff, Krach, Zickerei in Frage gestellt wird. Szolkowy war am Dienstag beim Dreifachtoeloop im Kurzprogramm krachend zu Boden gegangen, was dazu führte, dass er und seine Partnerin nach dem ersten Wettkampfabschnitt nur Platz zwei hinter Muchortowa/Trankow belegt hatten.
„Überheblich“ sei Szolkowy gelaufen, moserte Steuer anschließend, und das sei ja auch kein Wunder, da er, seit er Weltmeister sei, den Rat (oder das Diktat) des Trainers „nicht mehr wie früher annehme“. Dabei müsse man, zürnte der Coach, „für jeden Sieg hart arbeiten und den Fokus auf das Training und nicht auf die Freunde richten“. Harsche Worte, die tags darauf vergänglich anmuteten, als Steuer davon sprach, wie „stolz“ er auf sein bestes Paar sei.
Nicht störungsfrei und reibungslos im Illusionstheater
Szolkowy, der Stoiker neben dem manchmal autokratischen Steuer und der gelegentlich launischen Savchenko, wurde erst nach der alle Zweifel und Fragen eindeutig beantwortenden Kür mit den Aussagen seines Trainers konfrontiert und wehrte sich auf seine feine Weise. „Gestern ging halt ein Toeloop daneben, aber auch nicht mehr.
Er ist ja da gewesen“ – wie jedermann in der Kür bei einer makellosen Dreifach-Dreifach-Toeloopkombination der beiden sehen konnte. Was den kaum verhohlenen Steuer-Vorwurf des fehlenden Trainingsfleißes anging, konterte Szolkowy so: „Ich wüsste nicht, was ich sonst noch machen sollte, um mich auf meinen Sport zu konzentrieren.“
Das Ziel ist Olympiagold
Störungsfrei und reibungslos scheint es im Chemnitzer Eisklima jedenfalls nicht vorangehen zu können. Das weiß auch der in Helsinki gescholtene und gefeierte Robin Szolkowy. „Es gibt Phasen“, definierte er das komplizierte Binnenverhältnis in dieser Zweckgemeinschaft, „da läuft es super, da haben wir Spaß, da wird mehr als früher auf dem Eis gelacht. Aber die anderen Phasen gibt es auch noch.“
Illusionen gibt sich der dreimalige Europameister auch für die Zukunft mit dem hohen professionellen Ziel Olympiagold nicht hin. „Besser“, sagt Szolkowy, „wird es bei uns eh nicht. Dafür sind wir die falschen Kandidaten“ – in einem allerdings richtig schönen Illusionstheater, genannt Eiskunstlaufen.