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Rodel-WM Deutsch-russische Eiszeit

11.02.2012 ·  Streit um die Kufen: Der Weltverband prüft russische Vorwürfe gegen die deutschen Rennrodler. Der WM-Titel geht zum dritten Mal an Felix Loch.

Von Anno Hecker, Altenberg
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© dpa Schneller ist keiner im Eiskanal von Altenberg: Felix Loch holt WM-Golf im Rodeln

Platz eins, zwei, drei. Das kennt man. Rennrodeln ist eine Domäne der deutschen Damen unter geflissentlicher Duldung der internationalen Konkurrenz. Inzwischen nähern sich die Herren dieser Dominanz. Am Samstag gewann Felix Loch zum dritten Mal den WM-Titel, diesmal in der Eisröhre von Altenberg vor den Altmeistern Albert Demtschenko (41 Jahre/Russland) und Armin Zöggeler (38/Italien). Knapp dahinter folgten auf den Rängen vier bis sechs Lochs Teamkollegen Johannes Ludwig, Andi Langenhan und David Möller. Und so gab es die deutsche Hymne als Trompetensolo, deutsches Bier und eine Gratulation von Deutschlands Sportchef Thomas Bach bei Kaiserwetter.

Die Sonnenkraft reichte bei minus 15 Grad Celsius aber nicht für ein sportpolitisches Tauwetter. In manchem Lager der Konkurrenz scheint der permanente Frost den Frust fixiert zu haben. Die Stärke der Deutschen hat zumindest bei den Russen ein Stirnrunzeln ausgelöst. Seit den Winterspielen 2010 in Whistler hat Bundestrainer Norbert Loch, Vater des 22 Jahre alten Champions und Olympiasiegers, seine Gewinnerriege erweitert. Wäre bei einer Weltmeisterschaft die Zahl der nationalen Starter nicht auf maximal vier begrenzt, Deutschlands Rennrodler hätten sich in Altenberg breitgemacht wie vor einer Dekade Österreich im Ski-Weltcup. Damals tauchten mitunter sieben Österreicher unter den ersten Zehn auf.

Der allseits beliebte Zöggeler erklärt sich diese geballte Macht vor allem mit der „athletischen“ und „fahrerischen“ Entwicklung: „Sie sind am Start sehr stark und haben zuletzt im Weltcup kaum noch Fehler in der Bahn gemacht. Welchen Einfluss das Material hat, das ist schwer zu sehen, aber es ist sicher auch sehr gut.“ Die Basis der deutschen Schlitten inklusive Kufen kommt aus der Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte, kleinere individuelle Veränderungen übernehmen Athleten, Trainer und Betreuer. „Da sind die Deutschen Spitze“, sagt der Präsident des Internationalen Verbandes (Fil), Josef Fendt, aus Berchtesgaden, „natürlich gehen sie an die Grenzen des Reglements.“

Die Russen sehen das anders. Gegenüber der Nachrichtenagentur Ria Novosti (vom 2. Februar) hat der Cheftrainer Valery Silakow den Deutschen einen Verstoß gegen das Reglement und überhaupt zu viel Einfluss in allen Gremien vorgeworfen: „Nicht alles ist sauber bei den Deutschen.“ Anlass war die Disqualifikation eines Schweizers bei den Olympischen Jugendspielen vor wenigen Wochen in Innsbruck. Die Rodlerin war nicht nur verblüfft, dass ihre Kufen angeblich zu flexibel gewesen sein sollen. Sie erklärte, die gesamte deutsche Equipe sei entsprechend ausgerüstet.

Seitdem sieht sich der Bob- und Schlittenverband (BSD) Unterstellungen aus Russland ausgesetzt. „Das ist schon ein starker Hund“, sagte BSD-Generalsekretär Thomas Schwab, „wissen denn die Russen nicht, dass unser Schlitten von der Technischen Kommission abgenommen worden sind?“ Das ist laut BSD länger her. Schon vor den Winterspielen in Whistler bestand Lochs Modell die Prüfung. Seit dem gab es laut BSD keine Beanstandung. „Die Schlitten sind tausendmal auseinandergenommen worden“, sagt Schwab.

Die Nervosität ist groß zwei Jahre vor den nächsten Winterspielen 2014 in Sotschi. Denn Deutschlands Dominanz wird keine vorübergehende Erscheinung sein. Die Teams sind homogen, bestehen aus erfahrenen wie jungen Athleten mit Talent und Biss. Der Generationswechsel wird fließend sein. Diese Aussicht setzt vor allem die Russen unter Druck. Ihr Weg zum avisierten Gold bei den Spielen in der Heimat ist gepflastert mit Rubeln. Nichts erscheint zu teuer. Was in Deutschland über die Jahrzehnte mit intensiver staatlicher Unterstützung aufgebaut worden ist, lässt sich aber nicht kurzfristig kopieren. Schon gar nicht das Know-how der Schlittentechnik.

Zwar sind Dämpfungselemente verboten. Um den gewünschten längeren Eiskontakt der Kufe zu erreichen, der eine bessere Steuerung und höhere Geschwindigkeiten auf hartem, ruppigem Eis ermöglicht, suchen Tüftler aber Jahr für Jahr nach Lösungen. „In allen Inspektions-Kommissionen umgehen sie ein bisschen die Regeln“, behauptete Silakow laut Ria Novosti und bestätigte am Samstag seine Haltung gegenüber dieser Zeitung: „Ich verbeuge mich vor Felix Loch, großartig. Aber dass die anderen Deutschen an Albert und vor allem an Armin Zöggeler im Weltcup vorbeigefahren sind, auch wenn sie Fehler machen, nein.“

„Wir haben das prüfen lassen“

Seine Vorwürfe haben im internen Rodelzirkus längst die Runde gemacht. Vermutlich war es kein Zufall, dass ein Technischer Kommissar, der erstmals in dieser Saison zur Prüfung schritt, den Schlitten von Möller einziehen wollte. „Da bin ich rein und habe ihm gesagt, dass der David den Schlitten seit drei Jahren fährt“, sagt Schwab. „Das haben sie dann eingesehen.“ Die Fil hat den Vorwurf der Russen ernst genommen. „Wir haben das prüfen lassen. Bisher ist nichts dabei herausgekommen“, sagt Fendt: „Im Frühjahr werden wir darüber noch einmal beraten und dann entscheiden.“ Dann könnte die Entwicklung der Deutschen verboten oder Allgemeingut werden.

Den BSD wird weder das eine noch das andere aus der Bahn werfen. Schon nach den ersten Vorwürfen zog der Verband die Kufen ein. Das Resultat: Beim Weltcup in St. Moritz Ende Januar erschienen die deutschen Damen und Herren auf der Anzeigetafel in der besten Rangfolge: jeweils auf Platz eins, zwei und drei.

Rodel-WM

Männer, Einsitzer: 1. Felix Loch (Berchtesgaden) 1:47,332 Min. (53,590/53,742 Sek.); 2. Albert Demtschenko (Russland) 1:47,660 (53,840/53,820); 3. Armin Zöggeler (Italien) 1:47,746 (53,821/53,925); 4. Johannes Ludwig (Oberhof) 1:47,883 (53,873/54,010); 5. Andi Langenhan (Zella-Mehlis) 1:47,904 (53,904/54,000); 6. David Möller (Sonneberg/Schalkau) 1:48,149 (54,019/54,130); 7. Samuel Edney (Kanada) 1:48,622 (54,342/54,280); 8. David Mair (Italien) 1:48,662 (54,318/54,344)

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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