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Robin Szolkowy im Gespräch „Ich will mit Pauken und Trompeten abtreten“

 ·  Das deutsche Eiskunstlaufen hat nur noch zwei Namen: Aljona Savchenko und Robin Szolkowy. Gold in Sotschi 2014 ist ihr erklärtes Ziel. Im F.A.Z.-Interview spricht Szolkowy über die harte Gangart seines Trainers und die Launen seiner Partnerin.

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© REUTERS Mit 0,11 Punkten Vorsprung zum vierten WM-Titel: Aljona Savchenko (links) und Robin Szolkowy

Sind Sie am Samstag mit dem linken Bein aufgestanden?

Wieso?

Weil sie am Freitagabend die Paarlaufpirouette mit links statt wie vorgesehen mit rechts gedreht und damit den vierten Weltmeistertitel wegen der damit verbundenen Punktabzüge noch aufs Spiel gesetzt haben.

Ich bin immer noch über mich selbst verärgert. Das war nicht einmal ein Faselfehler, sondern etwas, was nie passieren darf in einer Kür, in der ich schon gedacht hatte, jetzt sind wir durch, jetzt haben wir gewonnen. Ich hätte das Ding ruhig nach Hause laufen müssen. Und dann waren es am Ende nur noch 0,11 Punkte Vorsprung vor den Russen Wolososchar/Trankow. Wenn wir diesen Titel, der schon auf dem Präsentierteller lag, noch verspielt hätten, wäre das ein gewaltiger Rückschlag gewesen.

Wie kann so was passieren?

Ich habe keine richtige Erklärung. Ich war jedenfalls nicht abgelenkt und habe auch nicht an irgendetwas anderes gedacht. Es war, als ob ich volle Kanone von der falschen Seite in eine Einbahnstraße gefahren wäre. Ich kann noch froh sein, dass Aljona in diesem Moment mitgespielt und versucht hat, irgendetwas Gutes aus meiner Verirrung zu machen.

Ihr Trainer Ingo Steuer hat nach der Kür zur Musik aus dem Tanzfilm „Pina“ gesagt, dass vor allem Ihre Partnerin diesmal den Weltmeistertitel gewonnen und Ihnen „durch das Programm geholfen“ habe. Sehen Sie das auch so?

Ich bin kein Freund von solchen Äußerungen - egal in welche Richtung.

Was zeichnet denn Ihre Partnerin aus?

Vom Temperament her sind die Ausschläge bei ihr nach oben oder nach unten manchmal extrem, bei mir ist es eher eine leichte Wellenlinie. Wir sind jetzt knapp neun Jahre zusammen, in denen es mit uns beiden recht gut funktioniert. Wir kennen die Phasen, in denen es mir oder ihr gut oder schlechtgeht. Wir haben es dabei im Großen und Ganzen gelernt, richtig miteinander umzugehen, auch wenn wir vom Charakter, und da schließe ich meinen Trainer Ingo Steuer mit ein, alle sehr verschieden sind. Jeder hat mal seine Aussetzer, aber es passt schon.

Was ist Steuers große Stärke?

Was er hat, ist ein unwahrscheinlich gutes Gefühl für das Eiskunstlaufen, die Bewegung, den Rhythmus. Er hat das Auge dafür und die Ideen. Er ist ein Vollbluteiskunstläufer und kann jeden, den er trainiert, an der Hand nehmen und auf dem Eis zu neuen Zielen führen. Er hat mehrere Gesichter. Seine Gangart ist zuweilen aber sehr hart, wenn Ingo wie ein Panzer über manche Dinge hinwegfährt. Andererseits haben wir deshalb auch immer ein bisschen mehr als andere Paare gemacht und uns so eine große Wettkampfhärte angeeignet. Man muss immer gucken, wie weit man mitgeht und dass man seine Freiräume behält. Ich habe mich schon oft gefragt, warum mache ich das Ganze und wo kann es mich hinbringen.

Hatten Sie auch schon Momente, in denen Sie dachten, es geht nicht mehr gemeinsam weiter?

Natürlich. Das ist wie im Privatleben. Wir unterhalten insgesamt mehr eine Arbeitsbeziehung, aber der Erfolg gibt uns recht. Gerade an Tagen, da es unter uns nicht so gut läuft, denke ich an den gemeinsamen Erfolg, und dann geht es schon ein bisschen besser.

Sie sind mit Aljona viermal Europa- und viermal Weltmeister geworden. Was bedeutet Ihnen Erfolg?

So richtig kann ich die Dimension noch nicht begreifen. Dafür bin ich zu sehr mit dem Hier und Jetzt verwurzelt. Ich habe schon gelernt, damit umzugehen, dass es Menschen gibt, die sich viel Geld vom Mund absparen und wegen Aljona und mir ein Flugticket kaufen, um uns beispielsweise hier laufen zu sehen. Aber es gibt auch Leute in meinem engeren Umfeld, die mich nach Meisterschaften montags oder dienstags in Chemnitz fragen, wo warst du eigentlich letzte Woche, war da irgendwas? Ich weiß noch nicht, was mir in ein paar Jahren unsere vielen Titel und Siege bedeuten werden. Mir ist schon bewusst, dass wir seit Freitag mit einem wunderbaren Paar wie den Russen Gordejewa/Grinkow gleichgezogen haben, die zwischen 1986 und 1990 viermal Weltmeister waren. Dieses Paar war großartig, das denke ich heute noch.

Was ist Ihrer Meinung nach das beherrschende Markenzeichen des Weltmeisterpaars Savchenko/Szolkowy?

Es sind ganz sicher unsere kreativen Programme, an die sich die Fans erinnern. Wir hatten jedes Jahr neue Küren, und die sind immer besser geworden. Wir werden nicht über einen phantastischen Wurfsalchow definiert.

Nervt Sie deshalb die ständige Frage nach dem bei dieser WM erstmals und allein von Ihnen gezeigten dreifachen Wurfaxel?

Gerade bei dem Axel besteht die Gefahr, dass es nur noch um ihn geht nach dem Motto: Stehen sie ihn, oder stehen sie ihn nicht? Wenn der Axel aber sauber und regelmäßig kommt, ist das Thema durch.

Ein anderes Dauerthema für Sie sind die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, bei denen Sie und Ihre Partnerin erklärtermaßen Gold gewinnen und danach abtreten wollen.

Ich kann da gut drüber reden. Ich kann mein Ziel und meinen Anspruch auch an die Wand schreiben und das jeden Tag lesen. Macht nichts, das ist halt die Wahrheit. Wichtiger aber ist der Weg, der dorthin führt, und damit die Klärung der Frage, was wir dort vorhaben und wie wir um Gold kämpfen wollen. Da müssen wir uns zusammenfinden. Ich will heiß darauf sein, das ist für mich entscheidend. Meine Neugier und mein Verlangen, dort erstmals bei Olympia ganz oben auf dem Podium zu landen, sollen so brennen wie vor meiner ersten Europa- oder Weltmeisterschaft. Ich will Sotschi und die ganze Vorbereitung darauf genießen.

Olympia zum Genießen war Ihnen bisher nicht vergönnt. 2006 reichte es in Turin nur zu Platz sechs unter vielen Turbulenzen, nachdem Ihr Trainer als Stasimitarbeiter enttarnt worden war; 2010 wollten Sie Gold, es wurde aber nur Bronze. Warum haben Sie danach trotzdem weitergemacht?

Ich habe die Situation relativ schnell akzeptiert wie sie ist. Ich war 2010 eigentlich noch nicht richtig fertig mit meiner Karriere, ähnlich wie auch Aljona. Jetzt ist in meinem Kopf alles geklärt. In Sotschi wollen wir gewinnen, und danach hören wir als Paar, das um die großen Titel kämpft, auf. In Sotschi will ich mit Pauken und Trompeten abtreten.

Sie haben in Wolososchar/Trankow aber zwei Rivalen um den Olympiasieg, die fast genauso stark sind wie Savchenko/Szolkowy. Wie ist das Verhältnis zu den beiden?

Es ist ein sehr gespaltenes Verhältnis. Ich habe mit den beiden kein Problem, weiß aber auch, dass unsere Gespräche aus Gründen der Rivalität auf das Nötigste reduziert sind. Man passt auch auf, worüber man redet. Sagt man, mir geht’s schlecht heute, muss man damit rechnen, dass der andere irgendwohin geht und sagt, der hat’s mit dem Fuß. Solange wir aktiv in derselben Liga laufen, werden wir nie abends an der Bar mal richtig ins Quatschen kommen. Das bringt der Spitzensport Eiskunstlauf so mit sich. Grundsätzlich gilt: Wir konzentrieren uns nur auf das, was wir machen. Für andere Paare interessiere ich mich nicht so sehr.

Sie haben 2006 die Bundeswehr verlassen müssen - Ihr Arbeitgeber hätte sonst einen Trainer bezahlen müssen, der stasibelastet war. Wie sehr hat Sie dieses Thema seitdem belastet, und hatten Sie das Gefühl, das Leben ist manchmal ungerecht?

Es gibt Themen wie Ingo und die Stasi, die interessieren mich persönlich nicht. Natürlich gab es in diesem Zusammenhang Dinge, die auch mich berührt haben. So habe ich vor dem Verwaltungsgericht Chemnitz ohne Erfolg auf Wiedereinstellung in die Bundeswehr geklagt. Ob wir nun eine Instanz höher Berufung einlegen, kann ich noch nicht sagen. Ich muss mich über diese Dinge nicht mehr aufregen. Ich lebe davon, dass ich auf dreißig mal sechzig Metern zu Musik eislaufe.

Auch später, wenn die Sportlerkarriere 2014 vorbei ist?

Da sind in unserem Team noch einige Dinge zu klären, was nicht so einfach ist. Ich habe da ein paar Ideen. Naheliegend wäre, dass wir noch ein paar Jahre Shows zusammen laufen. Der Eislauf wird mich auch später begleiten, solange ich mich noch bewegen kann.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z.
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