05.07.2011 · Olympia-Entscheidung für 2018: Sarkozy fehlt, das monegassische Fürstenpaar ist da, Beckenbauer und Wulff kommen. Das Wahlverhalten der IOC-Mitglieder ist unberechenbar. Die Angst vor Ohrfeigen in Runde eins bleibt.
Von Evi Simeoni, DurbanPrinzessin zu sein ist schwer. Charlène Wittstock zum Beispiel darf die ersten Tage ihrer Ehe mit Fürst Albert von Monaco nicht etwa in einem romantischen Just-Married-Paradies verbringen. Nach den pompösen Hochzeitsfeierlichkeiten in Monte Carlo ist das Jubelpaar nach Durban abgeflogen, zur 123. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Schönes Flittern auch noch!
Der Ehemann, ein IOC-Mitglied, hat seine cremefarbene Märchenuniform mit Zivil vertauscht. Das Studium eines hundertneunzehnseitigen technischen Berichts der Evaluierungskommission sollte er bei Ankunft am besten bereits abgeschlossen haben. Wie etwa hundert andere Sportfunktionäre sollte er sich intensiv mit den Vor- und Nachteilen der drei Kandidatenstädte Pyeongchang, München und Annecy befassen, die am Mittwoch (live in der ARD, im ZDF und in vielen anderen Sendern gegen 17 Uhr) auf den Zuschlag zur Austragung der Winterspiele 2018 hoffen. Aufmerksame Olympier erinnern sich, dass der Fürst bei der letzten Gelegenheit vor vier Jahren in Guatemala eine auffallende Rolle spielte, weil er jeden einzelnen Kandidaten fragte, ob bei ihm im Winter auch genug Schnee falle.
Immerhin hat seine Frau, die ehemalige Olympiateilnehmerin im Schwimmen – 2000 in Sydney – nun endlich Gelegenheit, ihre südafrikanische Heimat wiederzusehen, in die sie angeblich vor der Hochzeit ein paar Mal beinahe geflohen wäre. Das ganze Land ist stolz auf sie, und Durban wartet gespannt auf den großen Empfang im „Oyster Box Hotel“ am Donnerstagabend.
Verbeugungsfestival für Sportchefs
Wer dort wohl alles gesichtet wird nach dem Wahl-Mittwoch? Und mit welchem Gesichtsausdruck? Bei den Hochzeitsfeierlichkeiten, an denen etwa vierzig IOC-Mitglieder teilnahmen, versuchten die Repräsentanten der Bewerbungen noch einmal, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Bundespräsident Christian Wulff war da, der Multi-Olympier Thomas Bach, der französische Präsident Nicolas Sarkozy und das koreanische IOC-Mitglied Dae Sung Moon erwiesen Albert II. und seiner Braut die Ehre.
Nur einer von ihnen, Sarkozy, wird bei der Entscheidung in Durban fehlen. Der koreanische Staatspräsident Lee Myung Bak hingegen weilt schon seit Sonntag in Durban. Die Vergaben Olympischer Spiele sind seit einigen Jahren zum Verbeugungsfestival für Staatschefs geworden. 2009 in Kopenhagen musste sich sogar der amerikanische Präsident Barack Obama als Werber für Chicago von dem nicht unbedingt demokratisch legitimierten Funktionärsklub in der ersten Runde abwatschen lassen – auf eine solche Erfahrung hat der mächtigste Franzose keine Lust. Mit Schaudern denkt die Grande Nation noch daran, wie Präsident Jacques Chirac 2005 in Singapur Paris zum Triumph hatte führen wollen und am Ende von seinem britischen Rivalen Tony Blair gnadenlos ausgestochen wurde – die Spiele 2012 gingen nach London.
Annecy könnte wichtige Stimmen kosten
So lässt Sarkozy gerne Premierminister Francois Fillon den Vortritt – schließlich ist diesmal Pyeongchang Favorit, München der hartnäckige Verfolger und Annecy Außenseiter. Das malerische Alpenstädtchen könnte selbst wohl kaum gewinnen, aber München in Runde eins überlebenswichtige Stimmen kosten. Wenn ein Bewerber bereits in der ersten Runde die absolute Mehrheit erringt, ist die Wahl entschieden. Andernfalls scheidet der schwächste Kandidat aus.
Die Frage, welches Verhalten so kurz vor dem Showdown noch Stimmen bringen oder Stimmen kosten könnte, lässt die Delegationen nicht mehr zur Ruhe kommen. „Ich war eigentlich ein guter Schläfer“, sagt Cho Yang-ho, der Chef der koreanischen Bewerbung. „Aber jetzt bin ich es nicht mehr.“ Zumal ihn das Erlebnismuster von zwei gescheiterten Kandidaturen verfolgt. Und Kim Yu-na, die Eiskunstlauf-Olympiasiegerin von 2010 in Vancouver, behauptet, sie habe noch nie so viel Druck verspürt. Fieberhaft wird geprobt – die deutsche Mannschaft ließ sich vergangene Woche noch einmal in einem dreitägigen Trainingslager für die Präsentation am Mittwochmorgen bimsen.
Mit Sicherheit lässt sich voraussagen, dass die deutsche Eis-Diva Katarina Witt zur einstündigen Show im perfekten Outfit antreten wird. Zumindest bei Unentschlossenen und Wechselwählern könnte selbst das den Ausschlag geben. Oder auch der Besuch von Fußball-Ikone Franz Beckenbauer in Durban, der wie Altkanzler Gerhard Schröder oder Anne-Sophie Mutter das Daumendrücken für München fest zugesagt hat.
Intrigen gegen München?
In den Hotellobbys heißt es ja, die Fürsten der großen Wintersport-Verbände bevorzugten sowieso die neuen asiatischen Märkte. Und IOC-Schwergewicht Mario Pescante intrigiere gegen München, weil Rom sich für die Sommerspiele 2020 bewirbt und im Moment keinen europäischen Sieger gebrauchen kann. Doch was bewegt die schweigende Mehrheit? Das Wahlverhalten der IOC-Mitglieder ist unberechenbar, zumal im Fall von Winterspielen, deren Disziplinen in Afrika und einem großen Teil Asiens keine Rolle spielen.
Politik, touristische oder geopolitische Interessen oder auch einfach persönliche Vorlieben und Freundschaften könnten entscheidende Bedeutung bekommen, jenseits der Qualität von Abfahrtsstrecken und Bobbahnen. Die offiziellen Argumentationslinien sind schon lange festgelegt: Pyeongchang bietet „Neue Horizonte“, also Entfaltungsmöglichkeiten für Sport und Wirtschaft. München das Bewährte, die Wiederbelebung des Olympiaparks und Stärkung der Tradition. Und Annecy die atemraubende Mont-Blanc-Region – allerdings auch einen Berg Probleme. Wohl deshalb hat Charles Beigbeder, ein Geschäftsmann, der erst im Dezember die Führungsrolle der französischen Bewerbung übernahm, zuletzt ein wenig übellaunig agiert. „Für Winterspiele braucht man Berge“, sagte er jüngst der Nachrichtenagentur AFP. „Wir haben sie. Der Mont Blanc ist fast 5000 Meter hoch. Wir sind keine Mega-Stadt, die sich Berge mieten muss.“
Das kann eigentlich nur eine Anspielung auf die Münchner Grundstücks-Schwierigkeiten mit Garmisch-Partenkirchen gewesen sein. Bernhard Schwank, der Münchner Geschäftsführer, blieb beherrscht. „Wir waren bisher faire Kandidaten und wollen es auch bis zum Schluss bleiben.“ Doch die Nerven flattern, es wird Zeit, dass endlich gewählt wird.
Deutsche Bewerbungen
In der olympischen Geschichte hat es bisher fünf erfolgreiche deutsche Bewerbungen und vier Ablehnungen gegeben.
Zuschlag
Berlin (1936) und München (1972) wurden Ausrichter von Sommerspielen, Garmisch-Partenkirchen war 1936 Veranstalter von Winterspielen. Die Zuschläge für Berlin 1916 und Garmisch-Partenkirchen 1940 fielen den beiden Weltkriegen zum Opfer.
Ablehnung
Nicht erfolgreich waren beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Bewerbungen für die Winterspiele 1960 (Garmisch-Partenkirchen) und 1992 (Berchtesgaden) sowie für die Sommerspiele 2000 (Berlin) und 2012 (Leipzig).
Neuer Anlauf
Am 8. Dezember 2007 entschied der deutsche Sport: München (Eis-Wettbewerbe) bewirbt sich zusammen mit Garmisch-Partenkirchen (Ski-Wettbewerbe) und dem Berchtesgadener Land (Bob-, Rodel- und Skeletonbahn in Schönau am Königssee) um die Winterspiele 2018. Die Entscheidung fällt das IOC am Mittwoch in Durban/Südafrika zwischen München, Annecy/Frankreich und Pyeongchang/Südkorea. (dpa)