04.09.2010 · Bei den Olympischen Spielen in Vancouver gewannen Maria Riesch und Viktoria Rebensburg alpine Goldmedaillen. Im Doppel-Interview sprechen die beiden Skistars über Sommerfreuden, ihren neuen Trainer und die kommende WM in Garmisch.
Maria Riesch war der deutsche Skistar bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Sie holte im Slalom und der Super-Kombination gleich zwei Goldmedaillen. Viktoria Rebensburg komplettierte das starke Ergebnis der deutschen Frauen und gewann im Riesenslalom ebenfalls Gold. In der Sommerpause sind die Gedanken noch immer beim großen Erfolg.
Wenn Sie von hier aus, vom Trainingslager in Neuseeland, an Olympia zurückdenken - welches war der größte, der überwältigendste Moment?
Viktoria Rebensburg: Der überwältigendste Augenblick war der Morgen, an dem ich die Medaille überreicht bekam. Aber natürlich war es schon ein unbeschreibliches Gefühl, als wir im Zielbereich standen, die letzte Läuferin ins Ziel kam und ich realisierte, dass ich gerade Olympiasiegerin geworden war.
Maria Riesch: Am emotionalsten sind für mich die Momente direkt nach dem Rennen, wenn man alles noch gar nicht richtig fassen kann. Ins Ziel zu kommen und zu wissen, ich habe das zweite Gold, ist unbeschreiblich. Ich hatte vorher ja schon Gold in der Super-Kombination, und als ich dann noch den Slalom gewann, habe ich mir gesagt, genieße das, der Tag rennt ja so schnell vorbei, und am Abend liegst du wieder im Bett und denkst, schade dass es so schnell vergangen ist.
Was hat sich durch die Olympiasiege geändert?
Rebensburg: Ich habe mich nicht verändert. Nach der Saison war ich zu Hause und habe gemeinsam mit meiner Familie und Freunden ein paar ruhige Tage verbracht. Es ist wichtig, dass man wieder ein wenig Abstand bekommt. Der Sieg in Vancouver brachte natürlich mehr Termine mit sich, der Sommer war ein bisschen stressiger als sonst, aber das ist kein Problem. Ich mache das gern, weil es auch zeigt, dass ich etwas Besonderes erreicht habe.
Riesch: Als ich Weltmeisterin geworden bin, hat sich meine Bekanntheit schon gesteigert, aber durch die Olympiasiege noch einmal ungleich mehr. Schwierig waren die Tage danach. Ich hatte zwei Goldmedaillen gewonnen, und dann waren noch drei Wochen Saison. Ich wusste erst einmal nicht, wie ich das schaffen sollte. Wir sind in München groß empfangen worden, nach dem Empfang sind wir nach Crans Montana geflogen, wo es gleich weiterging. Ich war fix und fertig, hatte drei Tage lang fast nicht geschlafen und habe mir gedacht, mein Gott, wie soll ich morgen ein Abfahrtsrennen fahren! Ich wollte nichts mehr riskieren, weil ich körperlich und vom Kopf her leer war. Vor mir lag die Woche wie ein riesiger Berg, im Slalom ging es auch noch um den Disziplinen-Weltcup. Dann habe ich aber noch mal einen Schub bekommen, und es lief super.
Wie lange haben Sie die Ski anschließend in die Ecke gestellt?
Rebensburg: Von Mitte April bis Juli waren wir überhaupt nicht im Schnee. Ende Mai ging es auf Zypern zum Konditionstraining. Radfahren, Laufen, Gewichtheben - die Grundlagen für den Winter schaffen. Die Zeit ohne Skifahren ist für mich wichtig, um mich wieder auf die neue Saison konzentrieren zu können. Danach ist die Freude umso größer. In Urlaub gefahren bin ich dieses Jahr nicht, weil ich ein Sportmanagement-Studium angefangen habe.
Riesch: Ich habe nach dem Weltcupfinale noch vier Tage auf der Kandahar in Garmisch trainiert, aber dann habe ich die Ski erst einmal radikal in die Ecke gestellt. Ich habe dreieinhalb Monate Skipause gemacht, bis Anfang Juli. Von Mitte März bis Ende April habe ich nur für mich gelebt, und das habe ich genossen, wenngleich ich mich immer regenerativ bewegt habe. Zuletzt ging es in dieser Zeit zwölf Tage in den Urlaub auf Mauritius, und danach konnte es Anfang Mai wieder losgehen, wir haben dann konditionell sehr viel trainiert. Die Wochen ohne jeden Kontakt mit irgendwelchen Leuten vom Skifahren haben mir gut getan. Meine Pause nach der Saison war lang - aber es war eben auch eine extreme Saison, mit Olympia, dem Druck, den ganzen Erwartungen.
Der Abschied von Cheftrainer Mathias Berthold, der zum österreichischen Verband wechselte, kam reichlich überraschend. Wie sind Sie damit umgegangen?
Rebensburg: Ein wenig hatte es sich abgezeichnet, doch letztlich war es für mich schon überraschend, dass er ging. Aber man darf nicht vergessen, dass wir hervorragende Disziplintrainer haben, der Kontakt zu ihnen ist sogar enger als zum Cheftrainer. Und die Disziplintrainer haben alle weitergemacht, deshalb ist die Umstellung nicht so groß.
Riesch: Für mich kam der Abschied sehr überraschend. Beim Weltcupfinale, zwei Wochen bevor Mathias seine Entscheidung bekanntgab, hat er noch alles dementiert und gesagt, dass er kein Interesse habe zu gehen. Wir haben sieben Jahre zusammengearbeitet und gute und schlechte Zeiten zusammen durchgestanden. Zu erst einmal ist das ein Bruch, eine Veränderung, weil man im ersten Moment nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Man hat Angst, dass es sich negativ auswirken könnte. Aber mit Abstand betrachtet war es vielleicht genau der richtige Zeitpunkt, um ein bisschen frischen Wind hereinzukommen. Nach sieben Jahren sind viele Dinge doch eingefahren. Man kann es Mathias nicht verübeln, dass er diesen Schritt gemacht hat. Das ist ein sehr begehrter Posten, den er bekommen hat. Er ist gegangen, als der Erfolg am größten war, und vielleicht ist es auch deswegen der richtige Zeitpunkt gewesen. In meinem Training hat sein Weggang nichts verändert, auf der Skipiste haben wir ja immer mit denselben Leuten zu tun.
Bertholds Nachfolger ist der Schweizer Thomas Stauffer. Was ist er für ein Typ? Wie kommen Sie mit ihm zurecht?
Riesch: Er ist ein bisschen ruhiger, er hält sich im Hintergrund, was mir auch ganz angenehm ist. Es sind die Trainer an der Piste, die uns die technischen Tipps geben, der Cheftrainer muss schauen, dass die Pistenreservierungen klappen, die Reisen organisiert sind, das ist ohnehin schon stressig genug. Das läuft bis jetzt sehr gut. Es ist auch in den letzten Jahren sehr gut gelaufen, aber mit Mathias Berthold gab es auch kleinere Reibereien bezüglich seiner öffentlichen Äußerungen, wenn es mal nicht gelaufen ist. Die Kommunikation war nicht immer optimal.
Wie groß ist der Druck vor der Heim-WM in Garmisch, wie groß die Vorfreude?
Riesch: Der Druck wird da sein, aber es überwiegt die Freude. Ich versuche, mir möglichst wenig Druck zu machen, ich habe alles erreicht in meiner Karriere. Natürlich wäre es schön, wenn es auch in Garmisch funktionieren würde, aber alles, was ich bisher gewonnen habe, kann mir keiner mehr nehmen.
Rebensburg: Wir haben ein starkes Riesenslalom-Team mit mir und Kathrin Hölzl, die ja Titelverteidigerin ist. Aber auch andere aus der Mannschaft können mit der Weltspitze mithalten. Deshalb liegt nicht der ganze Druck auf mir. Für mich ist es wichtig, dass der Saisonstart klappt und ich schnell in die Saison finde. Ich möchte von Anfang an konstant vorne mitfahren. Bisher war es bei mir oft so, dass ich die Topergebnisse erst spät in der Saison erreicht habe, das soll sich dieses Jahr ändern.
Man sagt Ihnen einen sehr attraktiven, aber auch sehr riskanten Fahrstil nach. Werden Sie ihm treu bleiben?
Rebensburg: Ich bin Olympiasiegerin geworden, deshalb gibt es keinen Grund, meinen Fahrstil zu ändern. Aber ich möchte mich natürlich verbessern und weiterentwickeln, deshalb arbeiten meine Trainer und ich daran, Kleinigkeiten zu verfeinern und zu optimieren, um das Bestmögliche rauszuholen. Langfristig will ich auch in der Abfahrt und im Slalom Punkte sammeln, auch im Hinblick auf den Gesamtweltcup. Im Moment liegt der Fokus aber darauf, sich auf Dauer in der Weltspitze im Riesenslalom festzusetzen und im Super-G in die erste Startgruppe zu kommen.
Frau Riesch, hat Ihre Freundschaft zu Lindsey Vonn unter der Konkurrenzsituation gelitten? In Vancouver war eine gewisse Distanz unübersehbar.
Riesch: Bei Olympia, wo es wirklich um alles ging, gab es natürlich Spannungen. Da hat sich jeder auf sich selbst konzentriert und versucht, alles andere nicht an sich heranzulassen. Aber als wir dann beide eine Goldmedaille hatten, war es auch wieder in bester Ordnung.
Ein Thema war letzte Saison der Männerski, mit dem Lindsey Vonn die Abfahrten dominierte. Werden Sie ihrem Beispiel in der neuen Saison folgen?
Riesch: Ich hatte vor Vancouver einen Männerski getestet, aber nur weil ich mir nicht im Nachhinein einen Vorwurf machen wollte. Es hat nicht funktioniert. Ich hatte eine sehr gute Saison in der Abfahrt, auch wenn Lindsay schwer zu schlagen war. Ich habe alles herausgeholt, deswegen bleibe ich bei meinem Ski.
Welche Rolle spielt die WM in Ihrer Saisonvorbereitung?
Riesch: Man kann sich nicht speziell auf ein Großereignis vorbereiten. Ich will aus jeder Saison das Beste herausholen. Aber natürlich versuche ich auch, die Kräfte einzuteilen, was schwierig ist, weil ich weder etwas auslassen noch etwas erzwingen möchte, entweder man hat die Form zu dem Zeitpunkt, oder man hat sie nicht. Und es ist wirklich wichtig, dass man einen guten Saisonstart hat, dann kann man mit Selbstvertrauen in die Saison gehen und bei Großereignissen richtig loslegen.
Und der Gesamtweltcup?
Riesch: Im Gesamtweltcup haben wir uns natürlich schon etwas überlegt. In den letzten Jahren war es immer knapp, ich war immer auf dem Podest, aber habe nie gewonnen. Also schauen wir, wo noch Potential ist. Lindsay Vonn hat letztes Jahr im Prinzip mit nur zwei Disziplinen gewonnen, mit Abfahrt und Super-G, mit den anderen Rennen hat sie kaum Punkte gemacht. Ich fahre alle vier Disziplinen, bleibe aber im Super-G unter meinen Möglichkeiten. Ich habe vor drei Jahren die Kugel gewonnen und seither viele Punkte liegenlassen.
Was waren die Gründe?
Riesch: Das lag daran, dass wir im Sommer keinen adäquaten Trainingsplatz für den Super-G hatten. Wir waren immer nur hier in Neuseeland, wo es gut ist für Techniktraining, aber nicht zum Speedtraining. In der Abfahrt macht das nicht so viel aus, da hat man immer noch die Trainingsläufe. Aber im Super-G muss einfach der erste Lauf passen. Und wenn man nur zehn Fahrten Super-G in den Beinen hat, dann ist das zu wenig. Deswegen sind wir jetzt in Neuseeland zum Techniktraining, und dann geht es nach Chile zum Speedtraining. Mit vier Disziplinen ist der organisatorische Aufwand natürlich groß, man muss immer schauen, wie man alle Disziplinen in seinem Tag unterbekommt, ohne dass etwas anderes darunter leidet. Das ist halt die Kunst.