11.11.2008 · Die Winterspiele 2014 sollten das Denkmal für Wladimir Putin werden. Nun kriselt es aber bei der Organisation. Zeitdruck, Chaos, Finanznot, Widerstand aus der Bevölkerung und kein Generalplan - die Spiele von Sotschi müssen bereits jetzt gerettet werden.
Von Gerald Hosp, MoskauDmitrij Kosak soll es richten. Der bisherige russische Minister für Regionalentwicklung amtiert seit dem vergangenen Monat als sogenannter Olympiaminister und soll neuen Schwung in die Vorbereitungen für die Winterspiele 2014 im Badeort Sotschi bringen. Er gilt als Mann für alle Fälle des Ministerpräsidenten Wladimir Putin. Kosak werden ausgezeichnete Managementfähigkeiten nachgesagt, in Moskau wurde ihm auch der Spitznamen „Reformbulldozer“ verliehen. In seiner Funktion als Sondergesandter für den Süden Russlands und den Nordkaukasus zur Herstellung von Ruhe und Ordnung in den schwierigen Gebieten festigte er seinen Ruf als vielseitig einsetzbarer „Feuerwehrmann“.
Die Ernennung von Kosak zum stellvertretenden Ministerpräsidenten mit Zuständigkeit für die Vorbereitung der Olympischen Winterspiele ist denn auch das deutlichste Zeichen für die Unzufriedenheit der russischen Führung mit der Umsetzung der gigantischen Pläne für deren Prestigeprojekt Nummer eins. Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew wollte die neue Position Kosaks als eine Selbstverständlichkeit darstellen und verstieg sich zum Argument, dass auch zu Sowjetzeiten bereits ein stellvertretender Regierungschef die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele im Jahr 1980 beaufsichtigt habe. Putin sagte schon etwas klarer, dass damit zusätzliche Impulse für Sotschi 2014 gegeben und die administrativen Ressourcen gebündelt werden sollen.
Die Organisatoren der Winterspiele stehen unter Zeitdruck
Tatsächlich herrscht wohl höchste Alarmstufe im Kreml; die Organisatoren der Winterspiele im einstigen Ferienparadies der sowjetischen Werktätigen stehen bereits unter Zeitdruck. Personalchaos, die Finanznot privater Investoren, verschleppte Ausschreibungen, Widerstand der Bevölkerung und von Umweltschützern, mangelnde Organisation, ein fehlender Generalplan – das Projekt, um das Putin mit hohem persönlichem Einsatz geworben hatte, steht unter einem schlechten Stern.
Putin, damals noch als russischer Präsident, war höchstpersönlich zur Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nach Guatemala geflogen und hatte die Funktionäre mit einer Rede auf Englisch und Französisch – ungewöhnlich für Putin – bezirzt. Mit Sotschi will er sich selbst ein Denkmal setzen.
Das olympische Dorf befindet sich erst in der Planungsphase
Fünfeinhalb Jahre bis zum Beginn der Winterspiele am 7. Februar 2014 erscheinen als eine lange Zeit; das Problem ist jedoch, dass im Ferienort mit dem subtropischen Klima die meisten Sport- und Wohnstätten sowohl an der Küste des Schwarzen Meeres als auch in den Bergen erst noch gebaut werden müssen; wobei im Bergdorf Krasnaja Poljana, das ungefähr 40 Autominuten vom Austragungsort der Olympischen Spiele an der Küste entfernt liegt, die Bauarbeiten für manche Vorhaben schon im Gange sind.
Gianfranco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbandes und IOC-Mitglied, kritisierte aber, auf den Hotel-Bauplänen sei zwar jeder geplante Lichtschalter eingezeichnet, die Straßen dorthin fehlten aber noch. Die mit der Ausschreibung der olympischen Objekte beauftragte Staatskorporation Olimpstroi spricht von ungefähr 12.400 Hotelzimmern, die neu errichtet werden sollen. Das olympische Dorf befindet sich ebenfalls erst noch in der Planungsphase.
Straßen und Bahntrassen nur auf dem Reißbrett
In Kreisen der Baubranche wird vor allem die Transport-Infrastruktur, deren Erstellung viel Zeit benötigt, als größtes Problem betrachtet. Es gibt kein Logistikkonzept, und die Häfen, über die Baumaterial geliefert werden soll, müssen erst noch fertiggestellt werden. Die Straßen und Bahntrassen, die Grundlage für einen reibungslosen Ablauf der Winterspiele sind, gibt es derzeit nur auf dem Reißbrett. Eine internationale Ausschreibung von Olimpstroi im August für die Eisarenen und Hotels, die an der Schwarzmeerküste entstehen sollen, hatten keinen Zulauf: Laut russischen Medienberichten meldete sich kein Bieter für die Projekte.
Lange Amortisationszeiten und ungeklärte Fragen wie die Entschädigungen für Grundstückbesitzer hielten Investoren von einem Engagement ab. Mittels Enteignungen sollen die derzeitigen Bewohner der Imeretinski-Bucht vertrieben werden, was zu für Russland ungewohnt lauten Protesten und Klagen gegen die Behörden führte. Kosak will die „Landfrage“ bis Ende des Jahres lösen.
Personalrochaden und fehlende Organisationsfähigkeit
Das kopflos anmutende Verhalten der Organisatoren kam aber nicht von ungefähr. Als Semjon Wainschtok, der zunächst den Posten eines Vorstandsvorsitzenden des staatlichen Pipeline-Betreibers Transneft innehatte, nach kurzer Zeit als Chef von Olimpstroi zurückgetreten war, begann ein Postenkarussell. Wiktor Kolodjaschny, der ehemalige Bürgermeister von Sotschi, wurde Wainschtoks Nachfolger. Als Ersatz von Kolodjaschny kam Wladimir Afanasenkow, der jedoch vor kurzem aus Gesundheitsgründen zurückgetreten ist. Dschambulat Chatuow nahm jetzt dessen Position ein.
So mancher Einwohner von Sotschi wird wohl Mühe haben, den Namen des gerade aktuellen Bürgermeisters zu nennen. Ein Vertreter einer westlichen Bank beklagte sich ebenfalls über Personalrochaden und fehlende Organisationsfähigkeiten bei so manchen Privatunternehmen, die in Sotschi involviert sind.
Finanzkrise belastet auch die Planungen in Sotschi
Zu all den hausgemachten Problemen kommen jetzt noch die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten. Die russische Regierung schätzt offiziell, dass die Winterspiele rund 12 Milliarden Dollar kosten werden. Allein schon die Straßen und Häfen in und um Sotschi sollen aber laut dem russischen Verkehrsministeriums diese Summe verschlingen.
Ursprünglich war geplant, dass private Investoren rund 5 Milliarden Dollar übernehmen sollen. Mit dem Absturz der Aktienkurse an der Moskauer Börse fiel aber auch so mancher Stern vom Magnaten-Himmel. Der Tycoon Wladimir Potanin baut am Skizentrum in Rosa Chutor, Oleg Deripaska soll sich unter anderem um das Olympische Dorf, den Flug- und Seehafen kümmern, der staatlich kontrollierte Erdgaskonzern Gazprom errichtet das Langlauf-Areal.
Potanin hatte bereits vor dem heftigen Ausbruch der Finanzkrise im September über die Schwierigkeit geklagt, Kredite zu bekommen, Deripaskas auf Schulden aufgebautes Unternehmensimperium hat sich in vergangener Zeit dezimiert, und Gazprom schiebt ohnehin einen großen Schuldenhaufen vor sich her. Damit das Prestigeprojekt nicht gefährdet ist, wird wohl der Staat mehr finanzieren müssen. Aufgrund der Verschleppungen wird „Sotschi 2014“ aber um ein Vielfaches teurer als zunächst angenommen. Der einzige Trost ist, dass derzeit auch die Preise für Baumaterialien fallen. Für Kosak wird es in den kommenden Jahren genug zu tun geben – wenn er denn nicht ausgewechselt wird.