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Nordische Ski-WM Der Winter-Wunder-Wahnsinnsplan

 ·  Er träumte von einer Karriere als Fußball-Profi in Deutschland und startet nun für Togo bei der Nordischen Ski-WM. Dort hat Gervacio „Jayjay“ Madja ein Ziel: andere Exoten hinter sich lassen.

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© obs Vergrößern Ein Münchner im Schnee: Gervacio Madja

Eigentlich war Sotschi ihr Ziel, doch nun sind die Jungs vom Team Togo in Val di Fiemme angekommen. Was klingt wie eine fatale Fehlprogrammierung des Routenplaners, ist glückliche Fügung und Teil eines tieferen Plans: Das westafrikanische Land soll bei den Olympischen Winterspielen dabei sein. Und je eher es gelingt, Aufmerksamkeit zu erzeugen, umso besser. Wenn an diesem Mittwoch die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften beginnen, wird Togo mit Fahne und Hymne und einer fünfköpfigen Delegation mit dabei sein. Vorneweg Eve-Roger Evenamede aus Wiesbaden, Präsident der „Fédération Togolaise des Sports de Glisse et de Ski“ und Gervacio Madja aus München, der einzige aktive Teilnehmer. Beide sind Togolesen, wohnen aber schon lange in Deutschland.

Der Ursprung ihres Winter-Wunder-Wahnsinnsplans liegt in Wiesbaden. Ennio Herrgen und Steve Grundmann, beide 31, zwei ambitionierte Sportler aus der hessischen Landeshauptstadt, träumten den olympischen Traum - und hatten eine Idee. Wegen ihres Freundes Roger, in Wiesbaden bekannt als Gastronom und Eventmanager, wurde Togo zum Mittelpunkt ihrer persönlichen Variante von „Cool Runnings“. Die Hessen gründeten den togolesischen Skiverband. Sie eröffneten ein Büro in Lomé, der togolesischen Hauptstadt. Sie fuhren zum Kongress des Internationalen Ski-Verbandes (Fis) nach Südkorea, um für die Aufnahme in die Fis zu werben. Und sie beantragten für sich selbst die togolesische Staatsbürgerschaft, damit sie 2014 bei Olympia antreten dürfen - im Skicross.

Gervacio Madja, 27, genannt „Jayjay“, ist ein ambitionierter Fußballspieler gewesen, kickt aber mittlerweile nur noch bei der TSV Grasbrunn. Seinen Spitznamen verdankt er dem früheren Bundesligaprofi Jay-Jay Okocha. Der ist zwar Nigerianer, aber wer will da so kleinlich sein? Madja kam mit 16 nach Deutschland, spielte bei der Spielvereinigung Unterhaching im Jugendteam und wollte in die Bundesliga. Verletzungen durchkreuzten diesen Plan, aber sein Eifer, sein Wille und sein Können ließen ihn dennoch in Deutschland ankommen. Heute arbeitet er als Software-Entwickler und Programmierer.

Zum Skifahren kam er, weil sein 29 Jahre alter Fußballkumpel Anton Hiltmair die Geschichte des Wiesbadener Togo-Teams in der Zeitung las. Er hatte selbst Verbindungen nach Westafrika und den gleichen Traum. Via Facebook stellte der Münchner mit den Wiesbadenern Kontakt her. Die Pläne wurden erweitert, die Aufgaben verteilt. Und Togo, die ehemalige deutsche Kolonie, hat nun zwei Wintersportfilialen in Mitteleuropa. Als geeigneter Kandidat wurde „Jayjay“ Madja in die Spur gehoben. „Am Anfang habe ich das nicht ernst genommen“, sagt der Wintersportler wider Willen mit bayrisch eingefärbtem Idiom. Schließlich habe er vorher noch nie auf Langlaufskiern gestanden.

„Den ein oder anderen Exoten hinter mir lassen“

Doch mittlerweile hat er Gefallen an der Idee gefunden: „Ich bin im besten Alter“, sagt er selbstbewusst, nachdem er dank Langlauftrainerin Barbara Hesch in acht Wochen erstaunliche Fortschritte gemacht hat. Hesch brachte ihm die Grundzüge von Skating-Schritt und Doppelstock-Schub bei und gab ihm den letzten Schliff im Höhentrainingslager auf der Seiseralm. „Meine Schleiferin“ nennt sie treffend der Sonderskischüler, der sich mittlerweile halbwegs geschmeidig auf den schmalen Brettern bewegt. Gemeldet ist er bei der WM für drei Wettbewerbe, die Anforderungen sind durchaus beachtlich: Sprint, Skiathlon über 2 × 15 Kilometer in beiden Techniken und schließlich 50 Kilometer klassisch. „Mein Ziel ist es, den ein oder anderen Exoten hinter mir zu lassen“, sagt er lässig. Seine Landsleute in der alten Heimat hatten zunächst gedacht, er wolle auf Sanddünen Ski laufen, doch mittlerweile sei die Stimmung positiv: „Sie sind froh, dass ich unser Land in der Welt vertrete.“

Und Eve-Roger Evenamede, schon halb Sportfunktionär, behauptet gar: „Die Begeisterung und die Vorfreude in Lomé sind gigantisch.“ Der Präsident Evenamede ist gerade aus Togo zurückgekehrt, wo es eine Pressekonferenz mit Bankett und Buffet gab und alle Fernsehsender des eigentlich fußballverrückten Landes mit ihm sprechen wollten. „Warum Ski?“, fragten sie ihn, und er fragte zurück: „Warum nicht?“ Die Togolesen seien verrückt nach Bewegung, „Tanzen und Sport sind unsere Leidenschaften.“ Jetzt werden alle die Ski-WM verfolgen in einem Land, in dem nie Schnee liegt, das aber demnächst eine gebrauchte Eishalle haben wird. Es gehört nämlich nicht nur zum Plan des Teams, selbst zu den Großereignissen zu kommen, sondern auch Entwicklungshilfe anzuschieben. Und zwar durch Sport. Die Gespräche mit Sponsoren laufen, und der Verband wurde ja wohlweislich für „Ski und Eis“ gegründet.

Gründungsvater Ennio Herrgen wird in Val di Fiemme zusammen mit weiteren Wahl-Togolesen am Streckenrand stehen und seinen Sportler anfeuern. Nebenbei versucht er, die eigene Skicross-Karriere anzuschieben, denn Olympia ist ja nur noch ein Jahr entfernt. Dorthin will mittlerweile auch „Jayjay“ Madja kommern. Für ihn ist die WM nur ein Zwischenschritt, und das Ski-Abenteuer ist längst zum Selbstläufer geworden. Sein Arbeitgeber gewährt ihm Sonderurlaub. Für Ausrüstung und Übernachtung sind Sponsoren an Bord. Und der Fernsehsender Tele 5 hat sich des Themas intensiv angenommen, begleitet den ebenso exotischen wie eloquenten Wintersportler mit einem Kamerateam. Vor allem nach und neben der Spur. Denn die WM-Rennen selbst könnten schneller zu Ende sein, als allen lieb ist: Wer überrundet wird, scheidet sofort aus.

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