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Veröffentlicht: 19.02.2013, 21:04 Uhr

Nico Polychronidis Sirtaki an der Schanze

Nico Polychronidis wurde in Kempten geboren und hat einen rollenden bayerischen Zungenschlag. Nun ist er der erste griechische Skispringer bei der nordischen Ski-WM.

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© dpa „Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schon mit drei Jahren Skispringen im Fernsehen geschaut habe“

Das geht über eure Vorstellungskraft, Jamaika hat ’ne Bobmannschaft“ - so singen es die vier Sportler im Film „Cool Runnings“, der die Geschichte der Premiere eines Bob-Teams von der Karibik-Insel bei Olympia erzählt. Das Aufeinandertreffen von Jamaika und Eisbahn wurde zum Synonym für skurrile Paarungen aus Sportart und Nation.

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Seit kurzem ist der internationale Sportbetrieb um eine solche Paarung reicher: Nico Polychronidis, erster Skispringer aus Griechenland. Sirtaki an der Schanze? Das strapaziert die Vorstellungskraft nicht ganz so sehr wie Reggae im Eiskanal, wenn man sich ansieht, wer dieser Nico Polychronidis ist: 23 Jahre alt, Mutter deutsch, Vater griechisch, aufgewachsen in Kempten, rollender bayerischer Zungenschlag - ein Allgäuer Bub, der unter griechischer Flagge fliegt.

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Beim Springen in Willingen hatte Polychronidis seinen ersten Auftritt als Grieche bei einem Weltcup. Allerdings wenig erfolgreich. Beim Teamspringen trat er mangels Team nicht an, und in der Qualifikation verpasste er den Einzug in das (später ohnehin abgesagte) Einzelspringen. Dass er es besser kann, hatte Polychronidis zuvor im Continentalcup gezeigt. In Titisee-Neustadt holte er sich mit 128 Metern im ersten Sprung den nötigen Qualifikationspunkt für Willingen. Zum zweiten Sprung kam es gar nicht mehr, weil hinter der Wertungslinie seine Bindung aufging, sein Ski in die Bande schoss und brach.

Der Wintersport wurde Nico Polychronidis nicht in die Wiege gelegt. Der griechische Vater stand noch nie auf Skiern, die norddeutsche Mutter fuhr nur ab und an zum Spaß in die Berge. Ein passionierter Skifahrer ist Polychronidis bis heute nicht, aber seine Begeisterung für das Springen ist älter, als er zurückdenken kann: „Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schon mit drei Jahren Skispringen im Fernsehen geschaut und gesagt habe, dass ich das auch machen will.“ Mit sieben Jahren begann er beim SC Oberstdorf, zog mit zwölf ins dortige Skiinternat und schaffte es später in den B-2-Kader des Deutschen Skiverbandes (DSV). In der Jugend sprang er an der Seite von Severin Freund und Richard Freitag.

„Da muss ich mich erstmal schlaumachen“

Aber Polychronidis wurde die Mehrfachbelastung aus Sport und Schule zu viel. Weil er das Fachabitur machen wollte, trat er im Sport kürzer. Das Abitur hat er gerade so geschafft, aber im DSV ist er danach nicht wieder richtig angekommen. „Da wird man schnell nach hinten durchgereicht, es gibt einfach sehr guten Nachwuchs. Außerdem haben die Trainer nicht anerkannt, dass meine schlechten Leistungen vielleicht etwas mit der Schule zu tun hatten.“ Also sortierte Polychronidis, der nach wie vor in Oberstdorf lebt und trainiert, sein Leben neu.

Er begann ein Fernstudium (Sportmanagement) und wechselte zum griechischen Skiverband. Nun freut er sich darauf, das Skispringen in seiner zweiten Heimat bekannt zu machen, wo er jedes Jahr seine Verwandten besucht. Und der Verbandswechsel hat natürlich den netten Nebeneffekt, dass Polychronidis bei der WM in Val di Fiemme gesetzt ist. Ob aus Olympia in Sotschi etwas wird, weiß er noch nicht: „Da muss ich mich erstmal schlaumachen, was genau die Startvoraussetzungen sind.“

Eigentlich ein Bayer durch und durch - aber unter griechischer Flagge: Nico Polychronidis © dpa Vergrößern Eigentlich ein Bayer durch und durch - aber unter griechischer Flagge: Nico Polychronidis

Der Satz ist programmatisch für die Situation des jungen griechischen Skisprung-Teams: Vieles ist noch in der Schwebe. Sponsoren müssen von dem Vorhaben überzeugt werden, für ein starkes Betreuerteam fehlt noch das Geld. In Willingen reiste Polychronidis mit zwei Freunden aus dem Allgäu an, die sich um Organisatorisches kümmerten. Außerdem ist er dem DSV verbunden geblieben. Als ihm in Neustadt sein Ski brach, suchte das deutsche Team nach Ersatz in passender Länge. Leider erfolglos.

Quelle: F.A.Z.

 

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