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NHL-Profi Seidenberg : Nur noch Gast in der Heimat

  • -Aktualisiert am

Anerkennung vom Teamkollegen: Dennis Seidenberg (r.) wird von Nikolay Kulemin getätschelt Bild: AFP

Die Boston Bruins hatten einst genug von Eishockey-Profi Dennis Seidenberg. Seit dieser Saison spielt der Deutsche deswegen in New York. Bei seiner ersten Rückkehr gewinnt er die Partie. Doch es fehlt die Zeit zum Genießen.

          Dennis Seidenberg hat es eilig. Das Eishockeyspiel zwischen seinem ehemaligen Klub, den Boston Bruins, und dem neuen Verein, New York Islanders, ist seit fünf Minuten vorbei. Die Islanders haben nach fünf Niederlagen endlich wieder gewonnen. Doch so richtig Zeit, den 4:2-Auswärtssieg zu genießen, bleibt Seidenberg nicht. „Ich will noch einige Freunde treffen. Und in dreißig Minuten fährt bereits der Bus zum Flughafen“, sagt er auf dem Weg Richtung Dusche.

          Ende September hatte der Verteidiger für ein Jahr bei den Islanders unterschrieben und umgehend nachgeschaut, wann New York in Boston spielt. Wann er wieder zurückkehren würde, in die Stadt, die für ihn und seine Familie Heimat geworden war, und zu jenem Klub, bei dem er seine größten Erfolge hatte. Dieser 20. Dezember ist nicht nur für ihn ein besonderes Datum. Die Töchter Story und Noah sowie Sohn Braker sind in Schule und Kindergarten entschuldigt und mit Mutter Rebecca morgens im Zug vier Stunden die Ostküste hinauf nach Boston gefahren: tagsüber Freunde wiedersehen, abends Papa beim Eishockey zuschauen.

          „Es war sehr, sehr schwer, Dennis anzurufen“

          Zwei der drei Kinder sind in Boston zur Welt gekommen, alle hier aufgewachsen. Bis zum Umzug am 20. Oktober hatten sie noch im historischen North End gewohnt. Und eigentlich hatte die Familie auch nicht vor, die Stadt zu verlassen. Schließlich war Seidenbergs Vertrag bei den Bruins noch bis zum Sommer 2018 datiert. Auch deshalb hatten sie eine ehemalige Anwaltskanzlei erworben, umbauen und nach ihrem Geschmack einrichten lassen.

          Doch Ende Juni teilte Manager Don Sweeney Seidenberg mit, dass der Klub nicht mehr mit ihm plane. Die Bruins sahen in Seidenbergs Leistungen nicht mehr den richtigen Gegenwert zu den vier Millionen Dollar, die sie ihm jährlich zahlten. Und so komplimentierte Sweeney ihn mit warmen Worten vor die Vereinstür. „Es war sehr, sehr schwer, Dennis anzurufen. Er hatte großen Anteil am Stanley-Cup-Gewinn und daran, dass wir es noch einmal in die Finals geschafft hatten“, sagte der Manager.

          Es war ein abruptes Ende von Seidenbergs erfolgreichstem Karriere-Kapitel. Boston hatte 2011 den Stanley Cup gewonnen, 2013 abermals im Finale gestanden und 2014 als erfolgreichster Verein der NHL-Vorrunde die Presidents’ Trophy geholt. Seidenberg, das Arbeitstier aus dem Schwarzwald, ist in der besten Zeit der Bruins seit Anfang der Siebziger ein unverzichtbarer Leistungsträger gewesen. Von seinen 852 NHL-Partien bestritt er 451 für die Bruins.

          Zuvor war er in Philadelphia, Arizona, North Carolina und Florida - wurde jedoch nirgendwo heimisch. In Boston hingegen fand er im März 2010 einen Verein, dessen physische Spielweise zu der seinen passte, und ein Trainerteam, das ihm vertraute. „Dennis war ein richtig guter Spieler. Als wir den Stanley Cup gewonnen haben, war er wohl unser bester Verteidiger“, betont Bruins-Trainer Claude Julien vor dem Wiedersehen.

          Kämpfend, blutend

          Wie sehr der Traditionsverein Seidenbergs Verdienste schätzt, wird am Dienstag im ersten Drittel deutlich. Mit einem Video huldigen die Bruins dem Deutschen. Seidenberg-Sequenzen aus sechseinhalb Jahren. Einige Tore, jede Menge Checks, Körper-Karambolagen. Seidenberg kämpfend, Seidenberg blutend - und am Ende Seidenberg, der den Stanley Cup in die Höhe hievt. Die 17.565 Fans erheben sich von ihren Plätzen. Seine einstigen Mitspieler klopfen anerkennend mit ihren Schlägern gegen die Bande, der gesamte Trainerstab der Bruins hinter ihnen applaudiert.

          Seidenberg sitzt auf der Islanders-Bank, schaut Richtung Videowürfel und winkt ins Publikum. Der Clip sei „sehr emotional gewesen“, sagt der 35-Jährige, „schön und traurig zugleich“. Ohnehin war die Rückkehr für ihn nicht ganz leicht. Überall Erinnerungen. So haben die Islanders in jenem Hotel am Hafen übernachtet, in dem Seidenberg mit seiner Familie im Meisterjahr 2011 ein Appartement bewohnt hatte. Die angrenzenden Restaurants, Bäcker, Blumenläden - er kennt alles.

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          Dennoch ist er diesmal als Gast hier. Ein Gefühl, das er gar nicht mehr kenne, sagt Seidenberg. Zuletzt war er Ende November 2009 mit den Florida Panthers zu Besuch in Boston gewesen. Unter der Hallendecke der Bruins-Arena hängen sechs Meisterbanner. Das ganz rechts trägt den Aufdruck „Stanley Cup Champions 2011“. Boston hatte die Finalserie gegen die Vancouver Canucks 4:3 gewonnen. Beim 4:0-Sieg im entscheidenden siebten Spiel in Vancouver verzeichnete Seidenberg von allen Profis die meiste Eiszeit, bereitete das zweite und dritte Tor vor. Noch heute spricht er vom „wichtigsten und besten Spiel meiner Karriere“.

          Um 23 Uhr steigt Seidenberg in den Islanders-Flieger. Seine Familie bleibt noch einen Tag länger in Boston. Der Dienstag war einfach zu kurz, um alle Freunde wiederzusehen. Die Seidenbergs wohnen jetzt in einem Haus in Garden City auf Long Island. Heimat, so sagen sie, sei jedoch weiterhin Boston. Und Dennis Seidenberg hat oft betont, dass er nach seinem Karriere-Ende gerne hierher zurückkommen würde. Die umgebaute Anwaltskanzlei im North End besitzt er noch.

          Quelle: F.A.Z.

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