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NHL Kruegers Mission bei den Oilers

 ·  Vor zwei Jahren schlug Ralph Krueger das Angebot aus, Trainer des Eishockey-Nationalteams zu werden. Nun führt er mit den Edmonton Oilers die bisherigen Prügelknaben der nordamerikanischen Profiliga. Der erste deutsche NHL-Trainer hat viel vor.

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© dpa Vergrößern Mann mit Traumjob: Ralph Krueger genießt die Arbeit in Edmonton

Neulich hat Ralph Krueger einen Scherz gemacht, der bei den Amerikanern aber nicht so recht ankam. Anlass war der einsame Torjubel des russischen Jungstars Nail Jakopow, der nach einem entscheidenden Schuss kurz vor Schluss langen Anlauf nahm, sich auf die Knie fallen ließ und meterweit übers Eis schlitterte. Das ginge ja gar nicht, fand die nordamerikanische Eishockey-Gemeinde, das sei respektlos gegenüber dem unterlegenen Gegner, dem Stanley-Cup-Sieger Los Angeles Kings. Krueger versuchte, seinen Stürmer von den Edmonton Oilers in Schutz zu nehmen und die ganze Angelegenheit herunterzuspielen: „Er hat wohl zu viele Fußballspiele gesehen.“ Wie bitte? Der Scherz, der auf das Jubel-Gebaren in europäischen Fußballstadien anspielte, hinterließ ratlose Gesichter. „Soccer“ ist für die NHL-Szene eine andere Welt.

So ganz kann Ralph Krueger, der seit dieser Eishockeysaison als erster Cheftrainer mit einem deutschen Pass einen NHL-Klub betreut, seine Vergangenheit eben nicht verleugnen. Zwar wurde er vor 53 Jahren als Sohn deutscher Auswanderer nahe des kanadischen Winnipeg geboren. Aber den größten Teil seines Sportlerlebens verbrachte er dort, wo König Fußball regiert - in Europa. Zehn Jahre lang spielte Krueger in der höchsten deutschen Eishockey-Liga, wechselte direkt danach als Trainer für sieben Jahre nach Österreich, verlebte anschließend dreizehn erfolgreiche Jahre als Coach der Schweizer Nationalmannschaft. Seine europäische Karriere hätte er nahtlos fortsetzen können. Doch Krueger schlug das Angebot aus, als Nachfolger von Uwe Krupp die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes zu betreuen, und ging 2010 lieber als Assistenztrainer zu den Edmonton Oilers.

Zweimal Letzter, einmal Vorletzter

Vor einem halben Jahr wurde er zu deren Chefcoach befördert, musste sich wegen des dreimonatigen Arbeitskampfes in der NHL aber lange gedulden, bis er beim verspäteten Saisonstart endlich hinter der Bande Platz nehmen konnte. Er empfinde eine „echte Verantwortung gegenüber allen Trainern in Europa“, sagte Krueger. „Eine ganze Reihe von ihnen hofft, dass ich erfolgreich bin, so dass auch sie die Möglichkeit erhalten, ein NHL-Team zu coachen.“ Nach den ersten Saisonwochen hat Krueger den nach Übersee drängenden Kollegen Hoffnung gemacht: Die Edmonton Oilers, in den vergangenen Jahren Prügelknaben in der NHL, spielen so erfolgreich wie lange nicht. Das Team ist in der Western Conference an den vorderen Plätzen dran. „Es ist ein Traumjob“, sagt der Deutschkanadier.

Als talentierte Mannschaft galten die Oilers, die in den achtziger Jahren mit Wayne Gretzky ihre große Zeit erlebten und viermal nacheinander den Stanley Cup gewannen, schon in den vergangenen Spielzeiten. Doch den Profis fehlte es an Behauptungswillen und Härte, sie gerieten in einen Abwärtssog. Seit 2006, als die Oilers im Stanley-Cup-Finale verloren, haben sie jedes Mal die Play-offs verfehlt. 2010 und 2011 waren sie jeweils NHL-Letzter, im vergangenen Jahr Vorletzter. „Jetzt blicken wir jedem in die Augen“, beschreibt Krueger die neue Marschrichtung, die von Kämpfertypen wie Darcy Hordichuk bereitwillig aufgenommen und umgesetzt wird. „Wir wehren uns und schlagen zurück“, sagt der Stürmer, „ich glaube, das haben die Fans seit langer Zeit sehen wollen.“ Tatsächlich ist die Begeisterung in der Hauptstadt der Provinz Alberta enorm.

„Der Schmerz wird uns zu einem besseren Team machen“

Ralph Kruegers Herausforderung ist es, aus den begabten Jungstars dauerhaft Siegertypen zu formen - und zwar ruckzuck. Wegen der Aussperrung und der dadurch extrem verkürzten Saison müssen 48 Hauptrundenspiele binnen 98 Tagen absolviert werden. Nicht zuletzt wegen der 33 Flüge zu Auswärtsspielen bleibt weniger Zeit für Trainingstaten als für motivierende Worte. „Unsere jungen Spieler benötigen die richtige Botschaft“, sagte General Manager Steve Tambellini, der den elften Headcoach in der Oilers-Geschichte für den richtigen Mann hält und ihn daher mit einem Dreijahresvertrag ausstattete.

Tatsächlich ist das Team nicht einmal nach einer deftigen Heimniederlage gegen die San Jose Sharks zusammengebrochen, sondern hat aus Fehlern gelernt und sich in den folgenden Spielen berappelt. „Der Schmerz wird uns zu einem besseren Team machen“, sagt Krueger, der vor elf Jahren ein Buch veröffentlicht hat, dessen Titel seine Aufgabe bei den Oilers bestens zusammenfasst: „Teamlife - über Niederlagen zum Erfolg“. Darin heißt es unter anderem: „Niemand will nach Hause zu einer Verliererfamilie kommen oder im Büro mit Verlieren zusammenarbeiten oder sich im Sportclub einer Verlierermannschaft anschließen.“ Eine Ausnahme von dieser Krueger-Regel ist Krueger selbst. Der Deutschkanadier übernahm vergangenen Juni eine echte Verlierermannschaft.

In seinem letzten Jahr als Oilers-Assistenztrainer war er zuständig für die „Special Teams“ und hat ihnen immerhin eingebimst, wie erfolgreiches Überzahlspiel funktioniert. An diese Grundlagenarbeit anknüpfend, stehen die Kanadier auch jetzt wieder in den Powerplay-Statistiken weit vorne. Nur im Spiel fünf gegen fünf, da zeigen die Eishockey-Profis Schwächen. Vor allem vor eigener Kulisse leiden sie unter demselben Druck, dem alle Generationen nach den goldenen Gretzky-Jahren ausgesetzt waren. Ralph Krueger kam der Legende einmal sehr nahe. Vor drei Jahrzehnten, als Jungspund, wurde er dem großen Gretzky vorgestellt und hat zu ihm aufgeschaut. „Ich bin keiner, der vergisst, wo er herkommt“, sagt Krueger.

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