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Neujahrsspringen Mit dem Helikopter zum Sieg

 ·  Während die Österreicher stolpern und die Deutschen kein Spitzenresultat aufweisen, dominieren die Norweger - allen voran Anders Jacobsen.

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© dpa Vergrößern Überflügelt die deutsch-österreichische Konkurrenz: Andres Jacobsen aus Norwegen

Die Situation in der Mannschaft hat sich grundlegend verändert. Und wie es ausschaut, muss Gregor Schlierenzauer nun ernsthaft darum bangen, als Einzelkämpfer seinen Titel bei der Vierschanzentournee verteidigen zu können. Der Österreicher musste auch beim zweiten Springen der Serie Anders Jacobsen den Vortritt lassen. Dritter und Vierter in Garmisch-Partenkirchen wurden Anders Bardal und Tom Hilde, zwei weitere Norweger.

Jacobsen, der den ersten Satz völlig verwackelt und einen Absturz nur durch ein Höchstmaß an Körperbeherrschung verhindert hatte, stieg im zweiten Durchgang durch seinen Flug auf 143 Meter zum Maß aller Dinge auf. „Das war ein verrückter Tag heute“, sagte der 27-Jährige, der auch in der Gesamtwertung seinen Vorsprung vor Schlierenzauer behauptete, anschließend: „Erst ein Helikopterflug und dann so ein spektakuläres Ende: Unglaublich!“

Weniger zufriedenstellend ging das Jahr für Severin Freund und den Deutschen Skiverband (DSV) los. Der Bayer mit Siegtreppchen-Ambitionen kam am Fuß der Zugspitze nicht hoch genug weg und sprang lediglich auf den 15. Rang. Solide, mehr nicht - lautete seine Bilanz. Freund führte das Resultat, durch das er insgesamt auf den fünften Platz zurückfiel, auf die Anlaufspur der Olympiaschanze zurück, „mit der ich mir schwer tue“. Durch den steilen Radius hätten ihm „Timing und Körpergefühl beim Absprung“ gefehlt. Bundestrainer Werner Schuster bekannte, dass das Abschneiden seines Vorzeigemanns diesmal nicht den Erwartungen entsprochen habe. „Wir mussten Abstriche machen“, sagte er, und will nun von Freund eine Trotzreaktion sehen: „Er darf jetzt den Mut nicht verlieren.“

Ganz anders derweil der Gemütszustand bei Martin Schmitt. Das Stehaufmännchen aus dem Schwarzwald setzte seinen Höhenflug fort und fand sich auf dem für ihn beachtlichen 14. Platz wieder. „Es macht viel Spaß“, sagte der 34-Jährige, der nach seinen starken Auftritten in Oberstdorf und Garmisch prompt von Schuster auch für die Wettbewerbe in Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) nominiert wurde. Schmitt komplettiert das sechsköpfige Weltcup-Team mit Freund, Richard Freitag, Andreas Wellinger, der am Neujahrstag als Neunter bester DSV-Athlet war, sowie Michael Neumayer und Andreas Wank. „Es war eine sehr knappe Geschichte, aber wir haben nach dem Leistungsprinzip entschieden“, sagte Schuster.

Alexander Pointner, der Nationaltrainer der Österreicher, musste rund um Silvester mehrere schlechte Nachrichten hinnehmen und im Kreis seiner Sportler so verarbeiten, dass der Team-Spirit seiner erfolgsverwöhnten Truppe keinen Schaden nahm. „Die Stimmung war ein bisschen geknickt“, ließ Schlierenzauer durchblicken. Mit Andreas Kofler und Thomas Morgenstern hatten die Männer in Rot-Weiß-Rot nach dem Auftakt in Oberstdorf gleich zwei Mitfavoriten auf den Tournee-Triumph binnen weniger Minuten verloren, am Dienstag flog auch Wolfgang Loitzl frühzeitig raus. „Jetzt bin ich wohl auf mich alleine gestellt“, kommentierte Schlierenzauer lapidar, „aber das ändert nicht wirklich etwas: Jeder konzentriert sich doch sowieso immer zuerst auf sich.“

Loitzl, Tourneesieger 2008/2009, zog im direkten K.o.-Duell gegen den Deutschen Maximilian Mechler den Kürzeren. Olympiasieger Morgenstern hatte beim Gastspiel im Allgäu überraschend die zweite Runde verpasst. Kofler, Gewinner 2009/2010, wurde wegen eines nicht regelkonformen Anzugs disqualifiziert. Damit fehlen dem Trio entscheidende Punkte, um in der Endabrechnung vorne liegen zu können.

Am Bauch hat es nicht gepasst

Kofler unterlief das Missgeschick, nicht dem Bestimmungen entsprechend angezogen zu sein, zum dritten Mal in dieser Saison. Seit Sommer dürfen bei den Outfits zwischen Haut und Stoff nur noch zwei statt sechs Zentimeter Luft liegen. Hintergrund der Modifikation: Damit soll die Weitenjagd durch weniger Aufwind und fehlende Luftpolster in der Luft beschränkt und mehr Chancengleichheit hergestellt werden. „Ich hatte das Gefühl, dass alles okay ist, aber am Bauch hat es nicht gepasst. Die Tournee kann ich jetzt abhaken“, sagte Kofler.

„Es macht schon allein aus physikalischer Sichtweise etwas aus, ob ein Anzug mehr Fläche und damit eben mehr Auftrieb bietet“, erläuterte Sepp Gratzer, der Materialkontrolleur des Internationalen Skiverbands (Fis), den Hintergrund der Kontrollen. Ihm gebührt im Weltcup die Position des „Ausrüstungs-Wachtmeisters“. In seinem Raum am Rand des Zielbereichs ist der Kärtner, der hauptberuflich als Zöllner arbeitet, seit zwanzig Jahren mit strengem Auge im Auftrag der Fis Unregelmäßigkeiten auf der Spur.

„Wir sind in die Tournee reingestolpert“

Zu seinem Handwerkszeug gehört neben Maßband und Wage auch ein „Porosimeter“, mit dem er die Luftdurchlässigkeit der Anzüge testen kann; bei Kofler stellte er bei näherem Nachmessen einen Verstoß von gleich fünf Zentimetern gegen die Vorschriften fest. „Jeder versucht, ans Limit zu gehen“, umschrieb der norwegische Cheftrainer, Alexander Stöckl, die Gratwanderung bei der Präparation des Equipments, während sich Pointner deutlich festlegte. Er sah eindeutig die Sportler in der Pflicht: „Man kann nicht dem Trainer die Schuld geben, der Athlet hat am Ende die Verantwortung für sein Material.“ Pointner, der am Neujahrstag seinen 42. Geburtstag feierte, räumte ein, dass er alles andere als wunschlos glücklich sei: „Wir sind in die Tournee reingestolpert.“

Aber die Aussichten, schon im dritten Teil der Veranstaltung und beim ersten Auftritt vor heimischem Publikum dank des Solisten Schlierenzauer endgültig entscheidenden Schwung aufzunehmen, um dann am Sonntag den fünften Triumph in Folge bejubeln zu können, seien nach wie vor „sehr gut“. In Innsbruck, im Bergisel-Stadion, sind die Österreicher schließlich eine Macht - und seit 2009 ungeschlagen.

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