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Mündige Skispringer : Gegen den Wind

Mann mit Profil: Gregor Schlierenzauer Bild: AP

Die Weltcup-Ouvertüre war ein Spektakel. Nur keines, wie es sich die Planer ausgedacht hatten. Das lag an einer Kaltfront. Und an der Jury. Gut, dass es Springer von Statur gibt.

          Es sollte eine Veranstaltung werden, die Maßstäbe setzt. Um bei Zuschauern und Sponsoren mit schönen Aufnahmen zu punkten, war der Internationale Ski-Verband (Fis) von seiner traditionellen Saisongestaltung abgerückt und hatte den Auftakt aus den Wäldern Skandinaviens ins Herz von Europa verlegt. Zum Start des Winter-Programms bat die Fis die Athleten diesmal nach Sachsen. In Klingenthal, so die Überlegung, sind die Veranstalter für ihr Organisationstalent bekannt, wird die Schanze von prächtigen Tannen umrahmt, kommen die Fans stets in Scharen. An beeindruckenden (Fernseh-)Bildern sollte es also nicht mangeln. Und es wurde in der Tat ein Spektakel. Nur keines, wie es sich die Planer ausgedacht hatten. Das lag an einer meteorologischen Kaltfront. Aber auch an der Fis.

          Die Weltcup-Ouvertüre wurde vom Sturm verweht, wie zuletzt wenige Ereignisse dieser oft vom Wetter beeinflussten Sportart. Mit bis zu vierzig Kilometern pro Stunde bliesen den Springern die Böen um die Köpfe. Die Verhältnisse waren in vielen Momenten irregulär, was die Jury aber am liebsten ignoriert hätte. Ihr Verhalten ließ lange wenig Verantwortung für die Sportler erkennen. Die Funktionäre machten den Anschein, als wollten sie die Wirklichkeit ausblenden, um auf Biegen und Brechen die Wunschvorstellung von zwei Durchgängen zu realisieren. Ihrem Sport taten sie mit dieser Hartnäckigkeit keinen Gefallen. Aussagekraft hatte die Veranstaltung, die sich über fünf Stunden in die Länge zog, schon früh nicht mehr; viele Besucher verließen vorzeitig die Arena, und auch der ARD passte wegen der ständigen Unterbrechungen eine Live-Übertragung nicht mehr ins Konzept.

          Dass bis auf den glimpflich ausgegangenen Sturz von Andi Kofler alle Sprünge ohne gravierende Komplikationen blieben, spricht keineswegs für die „fehlerfreie Arbeit“ der Jury, wie Fis-Sprecher Horst Nilgen später mitteilte. Sondern mehr für die Klasse der Akteure, die sich im Kampf mit den Naturkräften bestmöglich behaupteten und aus deren Kreis am Ende auch die überzeugendste Botschaft des Tages ausging: Es waren zwei der profiliertesten Köpfe der Szene, die der Farce schließlich ein Ende bereiteten. Nach langem Warten aufgrund der Kapriolen schnallten Gregor Schlierenzauer und Anders Bardal auf der Schanze demonstrativ ihre Ski ab und nahmen freiwillig den Aufzug nach unten.

          Für ihren Rückzug wurden sie disqualifiziert. Damit setzten sie aber ein Zeichen, das auch die Wettkampfrichter noch zum Einlenken und zum Abbruch nach nur einer Runde zwang. Die Aktion des Österreichers und des Norwegers wird über das verkorkste Debüt in Klingenthal hinaus Signalwirkung entfalten: Zählbare Erfolge brachte den Seriensieger des Vorjahres ihr Mut nicht. Aber an Statur haben sie zweifellos hinzugewonnen.

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