Missratene Vierfachsprünge werden im Eiskunstlauf zum WM-Killer
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Eiskunstlauf : Vierfache WM-Killer

Am Boden: Der Japaner Shoma Umo Bild: Reuters

Zu viel gewollt, zu wenig gekonnt: Sieger Nathan Chen blieb in Mailand als einziger Favorit standhaft. Die zu großen Schwierigkeiten in der Luft ruinieren die Eiskunstlauf-WM.

          Ein einziger Läufer stand am Ende aufrecht für die Vierfach-Revolution im Eiskunstlauf: der neue Weltmeister Nathan Chen. Alle anderen Eiskunstläufer von Rang verfehlten bei der Weltmeisterschaft in Mailand ihr Klassenziel und lagen bei ihren versprungenen Versuchen, sich viermal um die eigene Körperachse zu drehen, mindestens einmal flach. Der Chinese Jin Boyang, einer der Titelanwärter, stürzte am Samstagnachmittag im Milanofiori Forum vor 9000 Zuschauern gleich fünfmal aus allen Wolken und landete damit als Neunzehnter noch vier Plätze hinter dem soliden deutschen Meister Paul Fentz, der seinen einzigen Vierfach-Versuch in der Toeloop-Version problemlos meisterte.

          Roland Zorn

          Sportredakteur.

          Obwohl er dreimal zu Boden ging und sich danach wie ein großer Verlierer fühlte, landete der Japaner Shoma Uno am Ende auf Rang zwei knapp vor dem zweimal gefallenen Russen Michail Koljada. Beide waren bei einem Rückstand von knapp fünfzig Punkten auf den 18 Jahre alten Amerikaner aus Salt Lake City so weit vom Gewinner dieser farcenhaften Konkurrenz entfernt, dass von einem spannenden Wettbewerb nicht einmal entfernt die Rede sein konnte.

          Will der Eiskunstlauf seine Talente weiter derart überfordern, wird zumindest die Herrenkonkurrenz zu einer Chronologie des Scheiterns verkommen. Die nacholympische Kraftprobe ohne den an einer Sprunggelenkverletzung leidenden japanischen Goldmedaillengewinner von Pyeongchang, Yuzuru Hanyu, lief in einer erschreckenden Konsequenz auf das Prinzip, es kann nur einen geben, hinaus. Die Internationale Eislauf-Union (ISU) ist nun gefordert, die fünf menschenmöglichen Vierfachsprünge in den Küren entweder zu kontingentieren, auf Kurzprogramm und Kür zu verteilen oder die Herrenkür von viereinhalb auf vier Minuten zu verkürzen. Nach der Trial-and-Error-Versuchsanordnung vom Samstag käme kein einziges hochwertiges Technologieprodukt auf den Markt. Einige der global besten Eiskunstläufer aber gaukeln vor, etwas zu beherrschen, was ihnen nur ausnahmsweise gelingt. Auch so kann man eine Veranstaltung ruinieren.

          Weltmeister: Nathan Chen steht seine Sprünge

          Chen konnte sein irreal anmutender Megavorsprung letztlich egal sein. Sein Trainer Rafael Aruturian fand dafür schon vor der Bekanntgabe der einsam leuchtenden Tageshöchstpunktzahl die passende Geste: Er hob den linken Arm des K.-o.-Weltmeisters im Eiskunstlauf nach oben wie den eines Boxers nach einem Knock-out in der ersten Runde. Der Amerikaner, der im Vorjahr als neues Wunderkind seines Sports die große Eisbühne enterte und dann als WM-Sechster 2017 und Olympiafünfter dieses Jahres noch nicht serienreif für die wichtigsten Titel wirkte, überstand fünf seiner sechs Vierfachsprünge perfekt, so dass der eine leicht verwackelte Vierfachsalchow zu verschmerzen war. Chen sagte in Mailand, angesprochen auf die von der ISU demnächst womöglich eingedämmte Flut an untauglichen Vierfachversuchen: „Ich werde es nehmen, wie es kommt.“

          Wille zum Fortschritt im deutschen Lager

          Von Überforderungssymptomen wie bei der Konkurrenz sind die besten deutschen Eiskunstläufer im Schatten der auf einsamer Höhe thronenden Paarlauf-Weltmeister Savchenko/Massot noch weit entfernt. Sie bewiesen in Mailand nach Jahren der Stagnation immerhin den Willen zum Fortschritt in den kommenden Jahren. Viel verspricht vor allem das Paar Hocke/Blommaert, das bei seiner ersten WM mit einem couragierten Auftritt auf Rang dreizehn ankam. Elke Treitz, die Vizepräsidentin der Deutschen Eislauf-Union (DEU), sieht bei den Berlinern sogar das „Potential“, in absehbarer Zeit bei internationalen Titelkämpfen Medaillen zu gewinnen.

          Unter die ersten fünf in Europa strebt die Essenerin Nicole Schott, die ihre bisher beste WM lief und mit Platz dreizehn sehr zufrieden war. Auch Paul Fentz schnitt als Fünfzehnter so gut ab wie nie bei einer WM, nachdem er bei der Europameisterschaft in Moskau nur Sechzehnter und bei den Winterspielen in Pyeongchang Zweiundzwanzigster geworden war. Der sensible Berliner sieht sich nach labilen Jahren auf einem guten Weg. „Ich kann jetzt besser mit mir umgehen und bin erleichtert, dass ich mein Talent auch mal zeigen konnte“, sagte er.

          In der Bande: Auch der Chinese Boyang Jin wird Opfer seine Risiken

          Das muss er auch in Zukunft, weil die Konkurrenz aus dem Nachwuchs stark ist und der Stuttgarter Jonathan Hess, Zehnter bei der Junioren-WM, ihm auf die Pelle rücken will. In allen vier Disziplinen waren deutsche Teilnehmer beim Nachwuchschampionat in Sofia unter den besten zehn vertreten. „Das hatten wir noch nie“, hebt die DEU-Vorstandsfrau für den Leistungssport hervor, „da wächst was nach.“ Mitte April sind erst einmal die Weltmeister und Olympiasieger Savchenko/Massot am Zug. Sie wollen dann endlich die Gretchenfrage beantworten, ob sie weiterlaufen oder nicht. Falls nicht, womit viele rechnen, kommt es auf Hocke/Blommaert und die von Trainer Michael Huth Schritt für Schritt verbesserte Nicole Schott an, die Medaillenlücke nicht zu groß werden zu lassen.

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