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Miriam Gössner Eine halbe Sekunde fehlt zum Glück

 ·  Erst muss sie den roten Sessel räumen, dann das Podest: Miriam Gössner wird bei der Ski-WM über zehn Kilometer Vierte und vergießt Tränen. Die Deutsche verpasst eine Sensation nur ganz knapp.

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© dpa Vergrößern Eine halbe Skilänge zu spät: Miriam Gössner läuft erstklassig, muss aber drei Konkurrentinnen den Vortritt lassen

Zunächst war sie die Selbstzufriedenheit in Person. Miriam Gössner saß im Ziel in der Mittagssonne und lächelte. Wer beim Rennen gegen die Uhr als Langläufer mit Bestzeit ins Ziel kommt, so wie ihr das gelungen war, darf bei der Nordischen Ski-WM als Lohn für seine Anstrengung auf einem komfortablen Stuhl Platz nehmen, der einem Thron ähnelt.

So lange, bis jemand anders noch schneller unterwegs ist, sich auf dem dick gepolsterten Ruhemöbel Getränke und Decken reichen lassen und es sich für die anschließende Siegerehrung bequem machen kann. Für Miriam Gössner verflüchtigte sich ihr Glück um kurz nach halb zwei: Sie musste den roten Sessel räumen. Am Schluss eines packenden Wettkampfes über zehn Kilometer im freien Stil reichte es für die Biathletin aus Garmisch-Partenkirchenerin lediglich zu Platz vier - und es flossen Tränen.

Zu Bronze fehlte ihr die Winzigkeit von fünf Zehntelsekunden, die sie auf die Russin Julia Tschekalewa verloren hatte. Weltmeisterin wurde Therese Johaug aus Norwegen, die in 25:23,4 Minuten gewann und ihre Landsfrau und Titelverteidigerin Marit Björgen entthronte, die 10,2 Sekunden langsamer war.

„Es war bitter, dass Tschekalewa nach mir gelaufen ist und gewusst hat, wie eng es wird. Andersherum wäre für mich besser gewesen“, lautete einer der ersten traurigen Kommentare der Zweiundzwanzigjährigen, die sich über den bunten Strauß, den sie als Anerkennung für ihre Leistung bei der Blumenzeremonie mit auf den Weg ins Hotel bekam, wenig freuen mochte.

Es dauerte eine Weile, ehe sich mit dem leichten Wind, der nach dem Rennen durch das Fleimstal wehte, der Frust ein bisschen verflüchtigte und dem Stolz über das Erreichte Platz machte. Miriam Gössner hatte eine Sensation verpasst, sich aber zugleich vergewissert, dass sie läuferisch so gut in Schuss ist, dass sie weitere Ziele in diesem Winter durchaus erreichen kann.

Sie mutmaßte am Nachmittag selbst, dass sie „in ein paar Stunden schon ganz anders“ denken und dann zu dem Schluss kommen werde, dass es „ja schon ein super Ergebnis“ gewesen sei: „Ich bin eine Frohnatur, bei mir geht das schnell.“

Enttäuschung und ein unglaubliches Glücksgefühl

Miriam Gössner begab sich in Val di Fiemme auf weitgehend unbekanntes Terrain. Ihr letzter Auftritt im Langlauf lag bis Dienstag drei Jahre zurück - bei Olympia in Vancouver führte sie mit ihrer Aufholjagd die Staffel zu Silber. Seitdem war die Zollhauptwachtmeisterin ausschließlich bewaffnet unterwegs. Als Biathletin erlebte sie dabei vor vierzehn Tagen eines der dunkelsten Kapitel ihrer noch jungen Karriere; aufgrund anhaltender Schwächen mit dem Gewehr wurde die WM in Nove Mesto für sie zu einer Enttäuschung.

Platz sechs im Sprint und im Massenstart waren in der Tschechischen Republik ihre besten Resultate, mit denen sie ihrem Können bei weitem nicht gerecht wurde. Ihr freiwilliger Ausflug nach Norditalien dient ihr denn auch als Therapieprogramm: Ohne Ballast auf dem Rücken und nervenzehrende Prüfungen am Schießstand kann sie bei der Hatz durch die Loipe ihr hohes athletisches Potential ausspielen und so eine Führungsrolle einnehmen.

„Die Leidenschaft des Langlaufs ist ihr auf den Leib geschneidert“, sagte Bundestrainer Frank Ullrich, der den vierten Platz ebenfalls mit gemischten Gefühlen beurteilte: „Zum einen ist Enttäuschung da. Aber eben auch ein unglaubliches Glücksgefühl.“ Er freue sich, sagte der Thüringer, dass mit der Anreise der meist fröhlich durchs Leben schreitenden Miriam Gössner ein spürbarer Stimmungsumschwung im eigenen Lager eingesetzt habe, das zuvor nach vielen unerfreulichen Ergebnissen doch verunsichert gewesen sei: „Miriam ist Miriam. Sie strahlt Optimismus aus. Sie bringt das Quentchen Lockerheit rein. Das tut gut.“ Sie werde, kündigte Ullrich an, mit ihrer „konsequent offensiven Art“ in der Staffel über 4 mal 5 Kilometer dafür sorgen, „dass wir Zug nach vorne aufnehmen“.

Kollegin Denise Herrmann aus Oberwiesenthal, die nur 24. wurde, sagte, gemeinsam werde die Gruppe am Donnerstag dank der hinzugewonnenen Teilzeitkraft das Ganze „beherzt angehen und den anderen Feuer machen“. Oder wie es Miriam Gössner ausdrückte: „Wir geben vom ersten Meter an Vollgas, auch wenn wir dann im Ziel völlig fertig sind. Wir wollen alle eine Medaille.“

Biathlon-Punkte in Oslo haben nun Priorität

Sollte es tatsächlich klappen, müsste sie ihr nachgeschickt werden. Die Auszeichnung der besten Teams findet erst nach Einbruch der Dunkelheit auf dem von Fackeln ausgeleuchteten historischen Marktplatz von Cavallese statt. Miriam Gössner wird da schon wieder im Flugzeug sitzen. Am frühen Abend startet sie von München aus nach Oslo, wo am Wochenende Weltcup-Punkte im Biathlon verteilt werden. „Das hat für mich Priorität“, sagte sie bei aller Verbundenheit zur alten Liebe.

Nordische Ski-WM in Val di Fiemme/Italien:

Langlauf: Damen, 10 km/Freistil:

Gold: Therese Johaug (Norwegen) 25:23,4 Min.
Silber: Marit Bjørgen (Norwegen) + 0:10,2
Bronze: Julia Tschekalewa (Russland) + 0:32,7;

4. Miriam Gössner (Garmisch-Partenkirchen) + 0:33,2; 5. Elizabeth Stephen (USA) + 0:41,2; 6. Heidi Weng (Norwegen) + 0:43,2; 7. Charlotte Kalla (Schweden) + 0:45,6; 8. Riitta-Liisa Roponen (Finnland) + 0:49,3; ... 11. Katrin Zeller (Oberstdorf) + 1:03,2; ...24. Denise Herrmann (Oberwiesenthal) + 1:32,8; 25. Nicole Fessel (Oberstdorf) + 1:36,3

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

26.02.2013, 18:20 Uhr

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