26.10.2004 · Matti Nykänen, einst unangefochtener Held der finnischen Skispringergilde, steht nun vor Gericht. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag. Stark alkoholisiert soll er auf einen älteren Mann eingestochen haben.
Matti Nykänen hat mehr Meisterschaften gewonnen als jeder andere Skispringer. Der Finne wurde spätestens nach seinen drei Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary eine Nationalikone; auch vier Jahre zuvor in Sarajevo war er nahezu unschlagbar. Finnland druckte damals Briefmarken mit seinem Bild.
Zwei Biographien zeugten ebenso von seinem Ruhm wie ein nach ihm benannter Hügel. Viermal gewann er den Weltpokal, viermal Olympiagold, sechs mal Weltmeistertitel, zwei mal Gesamtsiege der Vierschanzentournee, zudem Weltrekorde auf Groß- und Normalschanzen und als Skiflieger: Man sprach von ihm als dem größten Skispringer aller Zeiten.
So rasch der Aufstieg, so rasch der tiefe Fall
An diesem Mittwoch steht er in Tampere vor Gericht, angeklagt des versuchten Totschlags, nachdem er im Streit in einer Sommerhütte in Nokia auf einen 59 Jahre alten Mann eingestochen hatte. So rasch sein Aufstieg, so rasch nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn der tiefe Fall. Sein Foto, das nicht mehr das strahlende "Babygesicht" von einst zeigte, war auch nach dem Ende seiner sportlichen Erfolge auf den Titelseiten der Boulevardblätter.
Jetzt aber ging es um seinen Umgang mit Alkohol, um Ausschweifungen und tätliche Übergriffe. Auch bei der Messerstecherei, deren Motiv bisher ungeklärt ist, soll er "sehr betrunken" gewesen sein. Seine Beziehungen zu Frauen waren ein weiteres beliebtes Thema.
Unzuverlässig und selten nüchtern
Sponsorenverträge hätten ihm ein gesichertes Leben bescheiden können. Als erster ließ er Markennamen auf seine Skier drucken, als erster stellte er seine Skier neben sich auf das Siegerpodest. Da er aber nur finnisch sprach, waren die Möglichkeiten beschränkt, seinen Ruhm im Ausland zu vergolden.
Er konnte zwar mit seinem Charme bezirzen, tauchte aber immer wieder für längere Zeit unter, war unzuverlässig und selten nüchtern. Nachdem er in einen Kiosk eingebrochen war und eine Haftstrafe auf Bewährung bekommen hatte, war er nicht mehr das unangefochtene Idol.
Spielfilm und Biografie
Er wurde ein Popsänger ohne Stimme, ein Stripper, ein Künstler, ein Unterhalter, der kleine Hallen stets zu füllen wußte, und ein Stadtrat, der nebenbei Ratschläge auf einer Telefonsexleitung erteilte. Zeitschriften zahlten Nykänen Weltreisen im Austausch für Exklusivberichte.
Die jüngste ihm gewidmete Biographie verschweigt dieses Leben nicht. Die finnische Übersetzung wählte aber einen milderen Titel als das deutsche Original ("Grüße aus der Hölle"). Ein Spielfilm über Nykänens Leben soll 2006 in die Kinos kommen.
Bis zu neun Jahre Haft
Über Journalisten weiß der 41 Jahre alte Nykänen, der in diesem Jahr seinen ersten Herzinfarkt hatte, Freundliches zu sagen - ihnen werfe er nichts vor, sie machten ihre Arbeit, und er mache die seine. Sein Leben verlaufe in jüngerer Zeit "ganz gut", sagte er noch im März - also einige Monate vor der Messerstecherei im August.
Diese Tat kann ihm bis zu neun Jahren Haft einbringen, zudem ein Wiederaufleben einer Bewährungsstrafe dafür, daß er im Vorjahr seine Frau verprügelte - eine reiche Erbin, die nun wird entscheiden müssen, ob sie in den nächsten Tagen vor Gericht aussagt.