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Martin Schmitt Absprung zweiter Klasse

 ·  Für Martin Schmitt beginnt die Saison der Skispringer in der zweiten Klasse. Der ehemalige Hero der Szene leitet den Übergang in das „Leben danach“ ein - und versucht trotzdem, noch mal auf die großen Schanzen zurückzukehren.

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© dapd Vergrößern Martin Schmitt nimmt den letzten Anlauf seiner Skispringer-Karriere

Vom Winter noch keine Spur. Vorboten haben Almaty erreicht, aber das Wetter ist noch immer unbeständig. Den Helfern, die die Skisprungschanze am Stadtrand der kasachischen Metropole herrichten sollen, machte der anhaltende Wechsel von Frost und Sonne einen Strich durch die Rechnung: Der Wettkampf musste vorschoben werden.

Im Continentalcup wird es nun erst am 8. Dezember ernst. Für Martin Schmitt keine schlechte Nachricht. Dem ehemaligen Hero der Szene, der schon lange mit viel Mühe, aber wenig Erfolg um die Rückkehr in die Weltspitze kämpft, bleibt nun mehr Zeit, an seiner Form zu feilen - damit der mutmaßliche Schlussabschnitt seiner wechselhaften Karriere keine traurige Abschiedsvorstellung abseits der großen Schauplätze wird.

Schmitt, der Ende Januar seinen 35. Geburtstag feiert, ist von seiner früheren Schaffenskraft inzwischen so weit entfernt, dass er sich zunächst in der zweiten Klasse seiner Sportart behaupten muss, um sich die Möglichkeit eines Startplatzes bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee zu verdienen.

Wenn an diesem Wochenende die junge Garde des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) im norwegischen Ort Lillehammer zum Weltcup-Auftakt antritt, macht sich der Routinier daheim noch immer mit einem Eifer an die Trainingsarbeit, um die ihn viele Kollegen beneiden: „Ich habe nicht genug“, sagt der Schwarzwälder, „der Ehrgeiz ist weiter so groß, dass ich es noch einmal richtig gut machen will.“

„Wir werden das respektvoll begleiten und schauen“

Schmitt war Weltmeister, Olympiasieger, gewann 28 Weltcup-Springen, wurde auf dem Höhepunkt seiner Karriere wie ein Popidol bejubelt. Mittlerweile ist es nach vielen Fehlschlägen ruhiger um den einstigen Mädchenschwarm geworden. Er sei ein „demütiger Mensch“, meint Schmitt, und auch deswegen in der Lage, seine Lage „realistisch einzuschätzen“. Vieles sei ihm wegen den Nachwirkungen einer Knieverletzung in der Sommervorbereitung schwergefallen, „es war mühsam“.

Aber: Die Herausforderung sei es doch gerade, „sich mit der momentanen Leistung nicht zufriedenzugeben und nach Lösungen zu suchen, ernsthaft an Rücktritt habe ich jedenfalls nichts gedacht“. Bundestrainer Werner Schuster kommentiert das unermüdliche Treiben des Oldies höflich: „Wir werden das respektvoll begleiten und schauen, ob er es schafft. Ich halte es für möglich, aber der zweite Schritt ist noch mal schwerer als der erste.“

Der Absprung ist das große Geheimnis des Skisprungs. Wer ihn beherrscht, vergrößert die Wahrscheinlichkeit, dass ihm auf dem Weg ins Tal die Erfolge zufliegen. Schmitt meint, dass ihm viele seiner Fehler am Balken vor allem deswegen unterliefen, weil er es perfekt machen wolle. Ihm gelinge es zu selten, „die Bewegungen auf hohem Niveau zu automatisieren“. Es fehle ihm an früherer Stabilität, die sich auch nervlich beruhigend auswirken würde: „Technisch ist es bei mir zuletzt einfach nicht feinste Klinge gewesen.“

Ein Virtuose war Schmitt auch zu besten Zeiten nicht. Damals spielte er seine Stärken vor allem in der Luft aus. Weitere Anzüge, die den Aktiven eine größere Tragfläche garantierten, kaschierten Defizite leichter. Mittlerweile muss die Garderobe enger anliegen. Wo ehedem zwischen Körper und Stoff sechs Zentimeter Spielraum lagen, herrscht nur noch eine Toleranzgrenze von zwanzig Millimetern.

„Ich tue keinem weh, wenn ich es noch ein bisschen versuche“

Von den neuen Outfits verspricht sich der Internationale Ski-Verband mehr Chancengleichheit. Schmitt rechnet mit eine „Renaissance der Sprungkraft“. Der Körper sei nicht mehr so entlastet und falle schneller auf den Ski - ohne eine Prognose wagen zu wollen, was das konkret für ihn bedeutet. Er sagt nur: „Schön wär’s schon, wenn ich noch mal aufs Podest käme.“

Der einstige „Sportler des Jahres“ (1999) befindet sich seit langen im Schwebezustand. Der Frage, warum er angesichts ausgebliebener Erfolgserlebnisse nicht längst einen Schlussstrich gezogen hat, begegnet er mit einer Gelassenheit, die er auch einer finanziellen Unabhängigkeit zu verdanken hat: „Ich tue keinem weh, wenn ich es noch ein bisschen versuche.“

Und doch ist der Übergang in das „Leben danach“, wie er es ausdrückt, eingeleitet. Ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Freiburg hat er abgebrochen. Neuerdings absolviert Schmitt an der Sporthochschule in Köln eine Diplomtrainer-Ausbildung: Vier Tage pro Monat muss er vor Ort sein, seine Kommilitonen sind unter anderen Ronny Ackermann (Bundestrainer der Nordischen Kombinierer), der frühere Basketballprofi Patrick Femerling und Leichtathlet Charles Friedek.

„Die Truppe ist cool“, sagt Schmitt, der sich von dem Unterricht vor allem verspricht, zu lernen, wie er seinen Erfahrungsschatz gescheit an künftige Generationen weitergeben kann. Bundestrainer Schuster brachte Schmitt am Mittwoch als künftigen DSV-Coach ins Gespräch: „Kaum einer hat das Skispringen in all seinen Facetten so durchlebt wie Martin.“ Eine grobe Richtung scheint also klar. Nun kommt es, wie schon so oft in seiner bisherigen Laufbahn, darauf an, das richtige Timing für den Absprung zu finden.

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