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Maria Riesch Zwischen Sport und Glitzerwelt

04.02.2012 ·  Maria Höfl-Riesch ist nicht mehr das nette Ski-Mädel von nebenan. Doch die Kritik an ihr gerät oft übertrieben hämisch. Ihren sportlichen Punch hat sie längst nicht verloren.

Von Michael Eder
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© dapd Sie zieht sich schick an: Bei der Präsentation ihrer Modelinie

Die Ansprüche sind hoch. Der neue Ski, den der Sponsor von Maria Höfl-Riesch unter ihrem Namen vermarktet, heißt „Number One". Erste, Zweite, Dritte? „Wenn man nicht gewinnt, ist es fast egal, was man ist", sagt sie. Am Samstag bei der Abfahrt in Garmisch wurde sie beim Sieg der überragenden Amerikanerin Lindsey Vonn Vierte. Die Nummer eins unter den Skifahrerinnen ist Maria Höfl-Riesch, die Gesamtweltcupsiegerin des vergangenen Jahres, nicht mehr. In der aktuellen Saisonwertung liegt sie auf Rang drei, hinter Lindsey Vonn und der Slowenin Tina Maze.

Auf den ersten Sieg des Winters hatte die Deutsche bis zum vergangenen Wochenende bei der Super-Kombination in St. Moritz warten müssen, als sie mit drei Hundertstelsekunden Vorsprung vor Lindsey Vonn gewann. Platz zwei ist also noch drin in der Winterwertung der schnellsten Frauen auf Ski, das ist alles andere als schlecht, aber von der Partenkirchenerin wird mehr erwartet. Und so geisterte nach ihrem holprigen Saisonstart schon das ein oder andere Riesch-Untergangsszenario durch die Gazetten.

Die Partenkirchenerin hat es schwer. In der Winterwelt geliebt wird hierzulande die nette Biathletin Magdalena Neuner, eine ähnlich gefühlige Zuneigung erreicht Maria Höfl-Riesch nur in kleinen Dosen und auch nur nach ganz großen Siegen. Bei der aktuellen Wahl zur Sportlerin des Jahres landete sie, die Gesamtweltcupsiegerin, auf Platz drei, hinter Magdalena Neuner - und erstaunlicherweise auch hinter der Tennisspielerin Andrea Petkovic, die kein einziges Mal über ein Grand-Slam-Viertelfinale hinausgekommen war.

Maria Höfl-Riesch ist nach wie vor eine der besten Skifahrerinnen der Welt, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie zum Ende der Saison die von ihr kreierte "Ohne-Lindsey-Wertung" vor Tina Maze gewonnen haben wird. Am Samstag landete die Slowenin nur auf Rang 23. Und doch fällt die Kritik an der Deutschen, die Slalom-Weltmeisterin, Doppel-Olympiasiegerin und Weltcup-Gesamtsiegerin ist, oft übertrieben hart aus, gerne auch hämisch.

Als sie am vergangenen Montag auf der Ispo in München ihre vom Nobel-Schneider Bogner entworfene Modelinie „Maria" vorstellte, waren wieder einmal nur die bunten Blätter begeistert. Sonst wurde der Auftritt kritisch beäugt, und der Minimalabstand zwischen Maria Höfl-Riesch und ihrem Mann Marcus Höfl, dem Beckenbauer-Manager, wurde wieder penibel vermessen. Vier Zentimeter, vermeldete ein Münchner Blatt, hätten beide beim Fototermin auseinander gesessen. Viel zu nah, sollte das heißen.

Mit Nähe und Distanz hat Maria Höfl-Riesch so ihre Probleme. Früher war sie einmal die Sportlerin zum Anfassen gewesen, die nette Maria, das Ski-Mädel von nebenan, aber Höfl hat für neue Verhältnisse gesorgt. Als Manager ist er rund um die Uhr an der Seite seiner Frau, das sorgt in Ski-Kreisen für eine Stimmung, die etwas Eifersüchtiges hat, aber auch etwas Irrationales.

Und dann hat sie auch noch abgenommen

Dass Höfl seine Frau auf Schritt und Tritt begleitet, ist gewöhnungsbedürftig, zumindest im Skizirkus, aber ist das von Bedeutung? Gesteuert sei sie von Höfl, sagen die Kritiker, vermarktet, positioniert. Aber was ist ihr vorzuwerfen? Sie hat eine Modelinie, sie lässt Hochglanzbilder von sich machen, sie taucht in bunten Blättern auf, sie wohnt in Kitzbühel, nicht mehr in Partenkirchen, sie sitzt bei der Hochzeit von Boris Becker in der ersten Reihe, sie zieht sich schick an, schminkt sich gern, sie hat hohe Schuhe für sich entdeckt.

Und dann hat sie auch noch ein paar Kilo abgenommen - wer könnte dafür, wie für alles andere, verantwortlich sein außer Marcus Höfl? Der wolle, wird geschrieben, lieber eine gertenschlanke Frau als eine starke Sportlerin. Muss man solche Vorwürfe ernst nehmen? Muss man sich Sorgen machen um Deutschlands Sportlerin des Jahres 2010, zu der man sie nach ihrem Doppel-Olympiasieg immerhin gewählt hat?

Oder ist Maria Höfl-Riesch einfach nur ein Stück weit aus der bayrisch-gemütlichen Skiwelt hinausgewachsen und erkundet mit Höfl das alpenländische Glitzerleben? Und wenn es so wäre, warum sollte man ihr das übelnehmen? Es muss in den Bergen ja nicht jeder leben wie Rosi Mittermaier.

Magenprobleme, Milch- und Kohlehydratunverträglichkeit

Die Gewichtsabnahme im Frühjahr und Sommer, sagt Maria Höfl-Riesch, sei die Folge der Belastungen während der WM in Garmisch im vergangenen Januar gewesen. „Bei der Heim-WM war ich krank und habe meinen Körper trotzdem Höchstbelastungen ausgesetzt, das war nicht gesundheitsfördernd, das wirkt nach."

Sie nahm Antibiotika, gewann zwar zweimal Bronze, bezahlte den Gewaltakt aber mit einer angegriffenen Darmflora und Magenproblemen, später kam eine Milch- und Kohlehydratunverträglichkeit hinzu. Sie stellte die Ernährung um und verlor fünf, sechs Kilo Gewicht.

Ein solcher Gewichtsverlust ist ein Problem für jede Skirennläuferin, die im Laufe einer Saison gewöhnlich einige Kilo verliert und deshalb besser mit Reserven in den Winter geht. Mit dem geringeren Gewicht, das in den Speed-Disziplinen Tempo kostet, musste Maria Höfl-Riesch auch ihr Fitnesskonzept umstellen, sie absolviert seit Saisonbeginn einmal die Woche daheim in Kitzbühel mit einem Physiotherapeuten ein spezielles Krafttraining zur Muskelerhaltung.

Als sie Anfang Januar vor den Rennen in Bad Kleinkirchheim wieder ein Virus erwischte, nahm sie eine Auszeit. „Antibiotika kamen nicht mehr in Frage. Ich wollte das nicht noch mal machen. Die Pause war die einzig richtige Entscheidung."

Ski testen statt Gala

Spricht man mit Maria Höfl-Riesch über das, was sie am besten kann, übers Skifahren, wird bald deutlich, dass sie ihren sportlichen Punch nicht verloren hat. Im Zweifel kommt der Sport noch immer vor der Glitzerwelt. Am Montag wird in London der Laureus-Award verliehen, die Deutsche ist als einzige Wintersportlerin in der Kategorie "Sportswoman of the Year" nominiert, sie wird allerdings nicht zur großen Gala reisen, sondern - ganz profan - Ski testen für die anstehenden Rennen in Andorra.

Bis Olympia in Sotschi 2014 will Maria Höfl-Riesch auf jeden Fall weitermachen. „Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich mein Hobby zum Beruf habe. Das Leben danach ist noch lang genug." Natürlich, sagt sie, habe sie nach ihrem Triumph im vergangenen Jahr gehofft, „alles wieder ähnlich gut hinzukriegen, aber man muss auch sehen, dass letztes Jahr alles nahezu perfekt gelaufen ist".

Zwei überragende Konkurrentinnen

Ob die Luft ein Stück weit raus gewesen sei nach ihrem Sieg im Gesamtweltcup? „Es stimmt schon", sagt sie, „wenn man ein großes Ziel erreicht hat, fällt Last und Spannung von einem ab. Aber wenn man anschließend das Ganze nicht wieder mit vollem Elan und Ehrgeiz anpackt, kann man es gleich lassen. Ich will weiterhin vorn dabei sein, will zeigen, was ich kann."

Aber auch wenn Maria Höfl-Riesch das schafft, sind Siege nicht garantiert. Sie hat das Pech, in einer Ära zu fahren, in der es in ihren Spezialdisziplinen zwei überragende Konkurrentinnen gibt: Lindsey Vonn in Super-G und Abfahrt (50 Weltcupsiege) und die Österreicherin Marlies Schild im Slalom (32). „Das sind absolute Ausnahmekönnerinnen", sagt Maria Höfl-Riesch, „und ich habe das Los gezogen, dass ich mich mit ihnen messen darf, messen muss."

Feinabstimmung und Setup passen nicht

Stolz sei sie darauf, mit beiden bisher „ganz gut mitgehalten und gegen Lindsey im letzten Jahr sogar den Gesamtweltcup gewonnen" zu haben. "Ich bin gespannt", sagt sie, "ob das noch mal jemand schafft in den nächsten Jahren."

Wer alle Disziplinen fährt wie die Deutsche hat wenig Zeit, Material zu testen. Vielleicht hat sie sich dafür vor dieser Saison aber auch einfach zu wenig Zeit genommen. Hier hat sie noch eine Menge Potential, um Lindsey Vonn wieder näher zu kommen. Besonders auf vereisten, ruppigen Pisten hat Maria Höfl-Riesch in dieser Saison Probleme mit dem Grip. Die Feinabstimmung und das Setup passen nicht.

Schon drei Ausfälle, drei Nullrunden, haben ihr im Slalom viele Punkte gekostet. Im kommenden Winter wird das Reglement geändert. Die Ski werden in Abfahrt, Super-G und Riesenslalom länger, die Radien größer, beides wird den athletischen Fahrerinnen zugutekommen, vor allem Maria Höfl-Riesch und - natürlich - Lindsey Vonn.

Olympia 2018? „So lange fahre ich auf keinen Fall“

Die Deutsche wird ihre Vorbereitung umstellen, wird die neuen Ski ausgiebig testen und sich auch im Slalom mehr Zeit für Materialtests nehmen, und zwar schon im Frühjahr, wenn das Rennfeeling noch da ist, und nicht erst, wie in den vergangenen Jahren, nach der Sommerpause. „Mit dem neuen Material werden die Karten neu gemischt", sagt sie.

Lindsey Vonn hat angekündigt, ihre Karriere bis 2015 fortzusetzen, womöglich sogar bis zu den Olympischen Spielen 2018. „So lange fahre ich auf keinen Fall", sagt Maria Höfl-Riesch, die wie ihre amerikanische Konkurrentin 27 Jahre alt ist. Olympia in Sotschi 2014 ist ihr Ziel. „Und natürlich wäre es ein Traum, dort noch einmal nachzulegen." Noch einmal Gold zu holen. Für alle Nörgler wäre das eine passende Antwort, eine schöne Schlusspointe.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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