Weltcup-Gesamtsieger Tobias Angerer spricht im F.A.Z.-Interview über Musik, dopingfreien Sport, die Laseroperation an seinen Augen und die grenzenlose Freiheit, bei minus fünfzehn Grad durch Pulverschnee zu laufen.
Sie haben zweimal den Gesamt-Weltcup gewonnen. Mit welchen Erwartungen sind Sie in diese Saison gegangen?
Eigentlich mit den gleichen wie in den vergangenen Jahren auch. Ich wollte einen guten Einstieg finden, einen guten Rhythmus, das ist mir auch gelungen. Ich habe zwar nicht gerade Glück gehabt in den ersten Rennen - aber ich hoffe, dass mein Pech jetzt aufgebraucht ist. So eine Saison ist ganz schön lang, da kann viel passieren. Aber ich sehe sehr zuversichtlich in Richtung Tour de Ski.
Wie motivieren Sie sich nach einer Saison, in der Sie der beste Langläufer waren, die Tour de Ski und den Weltcup gewonnen haben?
Es war diesmal tatsächlich eine andere Situation. Ich wusste, so ein Jahr wie das vergangene ist schwierig zu wiederholen. Es ist alles aufgegangen. Gegen das Wetter kann ich nichts machen, aber sonst war es eine perfekte Saison. Ich habe danach den Abstand gebraucht im April und Mai. Aber ich mache Sport für mein Leben gern, er ist meine Leidenschaft. Und für mich gibt es nichts Schöneres, als draußen in der Natur rumzurennen, zu laufen oder Ski zu laufen oder radfahren - egal, welche Sportart. Meine Motivation ist, diese Leistung abrufen zu können, vorne mitzulaufen, weil es mir viel gibt. Ich habe in der Ferne noch zwei ganz große Ziele, das sind die zwei Medaillen (Olympia- und WM-Gold, d. Red.), die mir noch fehlen. Daran glaube ich auch noch, und das ist meine große Motivation für die Zukunft.
Meinen Sie mit dem Wetter das Rennen der WM in Sapporo, als Sie im immer heftiger werdenden Schneetreiben als letzter Starter keine Chance hatten?
Vielleicht war es auch für irgendwas gut. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich das Rennen gewonnen hätte. Vielleicht hätte ich dann gesagt, besser geht es nicht mehr, jetzt mache ich was anderes. Aber nun habe ich diese Motivation für die Zukunft. Für mich ist es eine Herausforderung, mich immer wieder neuen Aufgaben zu stellen. Man wird reifer, man wird älter, man wird erfahrener. Aber man muss trotzdem immer wieder neue Wege finden, um auf diesem Level zu bleiben. Für mich ist dieses Jahr wieder die Herausforderung, bei der Tour de Ski über zehn Tage in acht Wettkämpfen möglichst meine beste Leistung abzurufen, sowohl vom Körperlichen als auch vom Mentalen, das Material muss passen. Es wird der komplette Läufer gesucht.
Wie haben Sie die vergangen Saison erlebt?
Es waren für mich im letzten Jahr Momente, die ich in der Form noch nie erlebt hatte, weil ich sie gleich genießen konnte. Beim Massenstartrennen gewinnt man oft mit Zehntelsekunden Vorsprung, beim Einzelstart weiß man im Ziel auch nicht gleich, ob man gewonnen hat. Aber bei der Tour habe ich auf den letzten 200, 300 Metern gewusst, dass ich eine Minute Vorsprung hatte. Ich konnte mit einer deutschen Fahne in der Hand ins Ziel laufen. Das war sehr emotional, und ich denke oft an diesen Moment zurück. Ich habe es mir auch x-mal angeschaut auf Video oder DVD, weil es so etwas Besonderes war. Im Winter selbst ist es mir gar nicht so bewusst geworden, aber wenn die Saison vorbei ist und man es mit Abstand anschaut, dann denkt man: Wow! Das war nicht so schlecht! Und dann träume ich gern.
Jetzt ist Ihnen Axel Teichmann im Weltcup voraus. Wie gehen Sie mit dieser Konkurrenzsituation im eigenen Team um?
Wir spornen uns alle gegenseitig an. Axel hat in diesem Jahr seit langer Zeit mal wieder verletzungsfrei durchtrainieren können. Dass er einer der absolut weltbesten Langläufer ist, wussten wir nicht erst seit gestern oder vorgestern. Er ist zweifacher Weltmeister, hat den Gesamt-Weltcup gewonnen, hat acht Weltcupsiege - das ist ein sehr, sehr hohes Niveau. Wir haben den gleichen Trainer, und es zeigt mir, dass richtig war, was wir trainiert haben. Das ist ein Ansporn. Wir ziehen uns alle gegenseitig nach vorne.
Bundestrainer Jochen Behle sagt, man müsse Sie gar nicht motivieren, Sie motivierten sich selbst. Ist das eine Begabung, oder kann man das trainieren?
Ich bin von Haus aus sehr, sehr ehrgeizig. Früher war ich oft überehrgeizig, und das ist in die falsche Richtung gegangen. Da habe ich im Vorfeld durch Nervosität schon zu viel Kraft vergeudet. Seit ein paar Jahren kann ich es durch das mentale Training mit Thomas Baschab in die richtige Bahn lenken. Ich bin dadurch viel ruhiger geworden, habe diesen Tunnelblick, den man braucht, bin mehr bei mir. Aber Ehrgeiz muss man wohl mitbekommen, das sind wohl Gene. Ich habe als Kind schon immer 110 Prozent gegeben, egal wo, ob beim Fußball oder beim Tennis. Ich konnte nicht gut verlieren - aber das gehört eben auch dazu. Ich hatte in meiner Karriere schon mehr Niederlagen als Siege, und ich weiß, dass jede Niederlage zu etwas gut war. Man geht gestärkt daraus hervor, wenn man damit umgehen kann. Ich habe glücklicherweise die Chance bekommen, zu zeigen, dass ich doch was kann. Die Leute haben an mir festgehalten.
Vor drei Jahren schon sind Sie nach Oberhof zu Trainer Cuno Schreyl gewechselt, was hat Ihnen das gebracht?
Das wird wahrscheinlich der wichtigste Schritt in meiner sportlichen Karriere gewesen sein, dass ich mich der Trainingsgruppe angeschlossen habe. Zwei Wochen im Monat trainiere ich mit der Gruppe, zwei Wochen bin ich in Ruhpolding, bei mir zu Hause, und trainiere dort aber auch nach dem Trainingsplan von Cuno Schreyl. Ich denke, dass diese Mischung für mich gut ist. Ich bin froh, dass Cuno Schreyl es geschafft hat, diese Reserven herauszukitzeln.
Wer ist Ihr größter Konkurrent in diesem Jahr bei der Tour de Ski und im Weltcup?
Den Weltcup möchte ich erst einmal ausklammern, der Sieg geht nur über die Tour de Ski. Ich denke, alle Läufer, die im vergangenen Winter unter den ersten zehn waren, haben in diesem Jahr Möglichkeit, die Tour zu gewinnen. Dazu noch der Tscheche Lukas Bauer, der letztes Mal nicht dabei war, und Axel Teichmann. Wahrscheinlich kann man 15 Mann aufzählen, die gewinnen können. Nach dem bisherigen Saisonverlauf sind wohl Axel, Bauer und der Norweger Hetland Favoriten, die ersten drei derzeit im Gesamt-Weltcup.
In Ihrer Heimat sind Sie auch bekannt als DJ. Wie viel Zeit haben Sie noch für Ihre Musik?
Musik ist ein ständiger Begleiter von mir, im Auto, vor dem Training, nach dem Training. Ich habe das Glück gehabt, die musikalische Revolution mit der Band Nirvana erleben zu dürfen, mit der sich alles verändert hat. Da war ich gerade 15, als ich das gehört habe. So wie meine Eltern wohl die Beatles erlebt haben, durfte ich Nirvana erleben. Und das prägt einen.
Im Sommer haben Sie sich einer Laseroperation an den Augen unterzogen, haben Sie jetzt einen besseren Durchblick?
In meinem Sport macht sich das nur bemerkbar bei diffusem Licht. Aber im Alltag spüre ich die Verbesserung, etwa auch beim Tennisspielen.
Wie gut spielen Sie Tennis und Fußball?
Fußball sehen die Trainer ja nicht so gern. Ich bin immer der Torwart, war früher im Verein auch Torwart und springe bei Benefizspielen noch ein. Das macht mir Spaß - Torhüter ticken ja auch ein bisschen anders. Tennis spiele ich seit meiner Kindheit, spiele in einer Mannschaft in Vachendorf, für den Verein starte ich auch im Winter. Beim Pro-Am-Turnier während der BMW Open habe ich schon mit Thomas Haas und Philipp Kohlschreiber gespielt, und da fühle ich mich wie ein kleines Kind. Das ist etwas Tolles, mit solchen Größen Tennis spielen zu können.
Bewundern diese Größen nicht auch Sie?
Philipp Kohlschreiber hat gesagt: Deine Kondition möchte ich haben. Aber Tennis ist eine der Sportarten, vor denen ich großen Respekt habe.
Warum ist es dann Langlauf geworden?
Ich bin einer, der sich immer bewegen muss. Als Langläufer muss man sehr trainingsfleißig sein. Am meisten aber fasziniert mich am Langlauf diese grenzenlose Freiheit: bei minus zehn, fünfzehn Grad, Pulverschnee, alles verschneit, dann gehst du raus und läufst einfach drauflos. Wenn man eine tolle Klassikspur hat, kann man seine Runden ziehen, ganz entspannt. Langlauf ist ein gesunder Sport, man hat keine Probleme mit Knochenbrüchen oder Bänderrissen. Was will man mehr?
Ein gesunder Sport - aber nur ohne Doping . . .
Ich sage da ganz offen meine Meinung dazu. Ich brauche mich nicht zu verstecken, kann jedem in die Augen sehen. Ich habe meinen Sport immer sauber gemacht und werde ihn immer sauber machen, weil ich so erzogen worden bin. Ich habe diese Werte von meinem Elternhaus mitbekommen. Es ist für mich wichtig, zu sehen, dass ich von Jahr zu Jahr auf sauberem Weg besser geworden bin. Es macht mich besonders stolz, dass ich zweimal den Weltcup auf sauberem Weg gewonnen habe. Ich kann jeden Tag in den Spiegel schauen.
Glauben Sie das auch von Ihren Konkurrenten?
Das weiß ich nicht. Ich muss versuchen, mich auf mich zu konzentrieren. Ich glaube an den sauberen Sport. Wir in Deutschland haben vier Jahre den Weltcup gewonnen, sauber, und das zählt für mich. Ich habe keinen Generalverdacht. Denn das müssten die anderen ja auch von mir denken - wenn ich, wie letztes Jahr, vorneweg renne. Ich weiß, dass es geht, absolute Spitzenleistungen auf sauberem Weg zu bringen. Und man kann nicht alle Sportler in eine Schublade stecken. Es ist mir wichtig, zu zeigen, es lohnt sich, Leistungssport zu machen.
Das Gespräch führte Christiane Moravetz.