Home
http://www.faz.net/-gu7-7739p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Langläuferin Miriam Gössner Endlich ohne Ballast

Nur skaten, nicht schießen: Biathletin Miriam Gössner bekämpft den Frust und folgt dem Ruf der deutschen Langläufer. Die brauchen die 22-Jährige bei der WM dringend, auch wenn sie nicht weiß, wo sie im Vergleich mit den Spezialistinnen steht.

© dpa Vergrößern Den Ballast auf ihrem Rücken ist sie in Val di Femme los: Langläuferin Miriam Gössner

Einfach draufloslaufen. Ohne diesen dreieinhalb Kilo schweren Schießrucksack, ohne diese leidigen Zwischenstopps auf vereisten Kunststoffmatten, ohne dieses rhythmuszerhackende Stop and go. Einfach Vollgas geben. Keine tanzenden Windfähnchen, die man beachten muss, keine Rasten, an denen man drehen muss, keine Scheiben, die man treffen muss, keine Strafrunden, in denen man für Fehler büßen muss. Mensch, haben es die Langläufer gut, wird Miriam Gössner manchmal denken. Und ich mache es mir so schwer.

Sie jagt ohne Ballast über den Kurs

Claus Dieterle Folgen:  

Aber jetzt hat die 22 Jahre alte Biathletin aus Garmisch diesen Aushilfsjob als Langläuferin bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Val di Fiemme, und den wird sie genießen: „Ich freue mich wahnsinnig drauf.“ Auf die 10 Kilometer an diesem Dienstag (12.45 Uhr), auf die Staffel zwei Tage später. Nach all dem Schießstand-Stress bei der WM in Nove Mesto muss es geradezu befreiend sein, mal ohne diesen ganzen Ballast über den Kurs zu jagen. Laufen, skaten, das ist ihre wahre Stärke. Auch wenn sie vielleicht nicht mehr ganz in der überragenden Form wie zu Jahresbeginn ist.

Mehr zum Thema

Mit ihrem Kleinkalibergewehr hat Miriam Gössner bei der Biathlon-WM ja wirklich nicht viel Spaß gehabt. Zu viele Fehler, keine Medaille. Zwei sechste Plätze sind für eine, die schon drei Saison-Siege auf dem Konto hat, nicht das Nonplusultra. Und jetzt, da der Biathlon-Zirkus Pause macht, passt Val di Fiemme gerade so in den persönlichen Kalender. Womöglich auch ein bisschen als Frustbewältigung. Trainieren müssen hätte sie sowieso, nur eben mit Gewehr, aber vielleicht ist es ganz gut, die Waffe ein paar Tage in die Ecke zu stellen, „um den Kopf frei zu bekommen“. Nein, es war überhaupt keine Frage, dass sie diese zweite WM-Chance wahrnimmt. „Wenn einem etwas Spaß macht, ist das keine Zusatzbelastung.“

Olympisches Silber in Vancouver

Sie macht das ja nicht zum ersten Mal. „Ich hatte doch schon tolle Zeiten mit den Mädels.“ Miriam Gössner und Langlauf, das ist eine Erfolgsgeschichte. Die WM 2009 in Liberec war mit Platz zwei in der Staffel schon ein Highlight, aber olympisches Silber in Vancouver war der Gipfel. Man traute ja seinen Augen kaum, als die damals 19 Jahre alte Leihgabe in der Staffel erst die Riesenlücke zur Spitzengruppe schloss und dann im Finale auch noch Olympiasiegerin Charlotte Kalla aus Schweden stehen ließ.

Frech, unbekümmert, dynamisch - eine Weltklasseleistung. In Vancouver war Miriam Gössner sogar in eine kleine Identitätskrise geskatet. Langlauf künftig mit oder ohne Gewehr, hieß die Frage, die gar nicht mehr so eindeutig zu beantworten war. Sie wollten die „Miri“ ja auch nicht mehr gehenlassen, die Langläufer. Jochen Behle, damals noch Bundestrainer, hat sogar augenzwinkernd behauptet, er werde ihr Kleinkalibergewehr auf Nimmerwiedersehen in einem tiefen Loch verschwinden lassen. Das Gewehr ist im Gegensatz zu Behle immer noch im Einsatz, von der Olympiastaffel ist nur noch Katrin Zeller übrig. Auch deshalb, weil sich Evi Sachenbacher-Stehle seit dieser Saison als Biathletin versucht. Der schwierigere Umstieg, sagt Miriam Gössner aus Erfahrung: „Es ist viel einfacher, vom Biathlon zum Langlauf zu wechseln. Da muss man nur skaten.“

Bild Gössner 1 Skate-Spezialistin: Gössner läuft meist schneller als die Konkurrenz © dpa Bilderstrecke 

Aber mit Höchstgeschwindigkeit, und da gibt es insofern ein kleines Fragezeichen, als Miriam Gössner zwar eine der drei schnellsten Biathletinnen ist, aber nicht weiß, wo sie derzeit im Vergleich mit den Spezialistinnen steht. „Aber ich hoffe, dass ich für die Mannschaft eine Verstärkung bin.“ Wenn Langlauf-Chef Frank Ullrich, früher übrigens Biathlon-Bundestrainer der Männer, davon nicht überzeugt wäre, hätte er sie nicht angefragt. Nein, Miriam Gössner wird dringend gebraucht. Klar ist aber auch, dass sie nach getaner Arbeit flugs in ihren Hauptberuf zurückkehren wird. „Einen Tag nach der Staffel stehe ich in Oslo wieder auf der Matte.“ Samt Gewehr. Biathlon-Weltcup am Holmenkollen - das ist für die Tochter einer Norwegerin fast ein Heimspiel. Lästige Fragen nach dem Schießen kann sie dann locker zweisprachig beantworten.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gössner vergisst Strafrunde Dumm gelaufen

Biathletin Gössner verzählt sich bei den Strafrunden und bekommt zwei Strafminuten zusätzlich. Danach ist sie untröstlich. Drei andere Deutsche machen vieles richtig. Mehr

12.12.2014, 15:03 Uhr | Sport
Biathlon in Östersund Lesser knapp am Podest vorbei

Die deutschen Biathleten haben zum Auftakt der Saison den Sprung aufs Podium knapp verpasst. Erik Lesser schaffte über 20 Kilometer in Östersund Platz vier. Den Sieg holte sich der Norweger Svendsen. Mehr

04.12.2014, 08:57 Uhr | Sport
Weltcup in Hochfilzen Biathletinnen überraschen mit Staffelsieg

Auf einen Sieg der deutschen Biathletinnen hätten wohl nur wenige gewettet. Doch das junge Quartett zeigt Nervenstärke und gewinnt das erste Staffelrennen der Saison. Den Bundestrainer rührt der Erfolg zu Tränen. Mehr

13.12.2014, 19:03 Uhr | Sport
Überwachungsvideo Teenager versuchen Banküberfall

Dieses Überwachungsvideo zeigt den missglückten Versuch zweier israelischer Teenager, eine Bank in der Nähe von Tel Aviv auszurauben. Mit Kapuzenpullis und Spielzeug-Gewehren betraten sie die Bank und riefen, das sei ein Raubüberfall. Mehr

12.12.2014, 08:45 Uhr | Gesellschaft
Biathlon Soukalova gewinnt Pokljuka-Sprint

Als beste Deutsche beim Biathlon-Sprint in Pokljuka läuft Laura Dahlmeier unter die Top-Ten. Miriam Gössner trifft wieder schlecht, zählt aber diesmal die Strafrunden richtig. Mehr

18.12.2014, 15:41 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.02.2013, 20:23 Uhr

Aus dem Verkehr ziehen

Von Michael Horeni

Marco Reus war mit Vorsatz ohne Führerschein unterwegs, seit Jahren. Das ist keine Dummheit, sondern ein kriminelles Vergehen. Der BVB muss über Sanktionen nachdenken, noch mehr aber der DFB. Mehr 28 35

Ergebnisse, Tabellen und Statistik