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Kunsteisbahn am Königssee Das Rodel-Winterwunderland

 ·  Am Königssee drehte sich schon früh alles um den Schlitten. Am Wochenende nutzen die besten Rodler der Welt die modernste Kunsteisbahn der Welt für ihre Rennen. Doch es ist schwieriger geworden, den Kindern und ihren Eltern den Sport schmackhaft zu machen.

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© Sportfoto Reker Der Stolz des Berchtesgadener Lands: Die Bob- und Rodelbahn am Königssee

Wenn man mit Georg Hackl im „Echo-Stüberl“ sitzt, dann liegt die Geschichte des Rennrodelns direkt vor der Tür. Auf der einen Seite plätschert der Königssee, auf der anderen schlängelt sich die modernste Kunsteisbahn der Welt den Berg hinauf. Alles hier dreht sich um die deutscheste aller Wintersportarten, in der allein der „Hackl-Schorsch“ dreimal Gold bei Olympischen Spielen und zehn Weltmeisterschaften gewonnen hat und die internationale Konkurrenz der deutschen Damen seit Jahren kaum noch auszumachen ist. Schönau am Königssee, das Berchtesgadener Land - „das ist der Mittelpunkt der Rodelwelt“, sagt Hackl, „zumindest sehen wir das so“.

Der Schönauer Bürgermeister Stefan Kurz sieht es genauso. „Wir sind der Ursprungsort des Rodelns“, sagt er. Begonnen hat alles nicht am jetzigen Standort, sondern auf der anderen Talseite drüben am Vorderbrand. Dort sind schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Berchtesgadener Rodelpioniere vereiste Wege hinuntergerodelt, und erst viel später, nach dem Krieg, sind sie an den Königssee umgezogen, dorthin, wo die Sonneneinstrahlung geringer ist und der Transport des Eises einfacher. Das Eis nämlich schnitten die Rodler aus dem Königs- und dem Hintersee und schafften es den Berg hinauf, um die Bahn zu bauen. Alljährlich ein unglaublicher Aufwand, ehrenamtlich geleistet von Vereinsmitgliedern der heimischen Rodelclubs.

1959 dann machten sich Mitglieder des WSV Königssee daran, die heutige Bahn auf den Weg zu bringen. 15.000 Mark schoss der Fremdenverkehrsverband damals zu. 1000 Arbeitsstunden investierten die WSV-Mitglieder. Ein umgebauter VW-Bus diente als Zielhaus. Zwischen 1961 und 1963 folgte die erste Ausbaustufe, die exakt dokumentierte 146 681 Mark kostete. 1968 dann der Durchbruch, der Ausbau zur ersten Kunsteisbahn der Welt. Land und Bund stellten dafür 4,3 Millionen Mark zur Verfügung. 1978 wurde die Bahn für die schweren Viererbobs umgebaut, und immer weiter ging es mit der Optimierung, und dann 2010, im Zuge der (gescheiterten) Münchner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2018 der Mega-Aus- und Umbau der Bahn. Kostenpunkt mehr als 22 Millionen Euro, das Steuergeld floss unter anderem aus Mitteln des Konjunkturpakets II.

„Meine erste Fahrt hatte ich mit fünf“

Noch sind die Bauarbeiten nicht völlig abgeschlossen, am Kreisel stehen noch Gerüste, aber was da nun über dem Königssee an den Hang gebaut ist, sieht aus wie eine Anlage aus dem Rodel-Winterwunderland, alles vom Feinsten, alles auf dem neuesten Stand. Die Kälteleistung der Kühlaggregate beträgt 2,3 Millionen kcal/h, die verlegten Rohre summieren sich auf eine Länge von rund 70 Kilometern. 500.000 Euro Betriebskosten kostet jede Eiszeit - es ist ein teures Vergnügen, eine solche 1,4 Kilometer lange Bahn für Rodler, Bob- und Skeletonfahrer zu unterhalten. 22 Angestellte und Aushilfen arbeiten im Winter rund um die Bahn.

Die fünf umliegenden Gemeinden schießen bei Großveranstaltungen über Werbemaßnahmen ein paar 10.000 Euro zu, haben sonst aber nichts mit der Finanzierung der Superbahn zu tun. Bund, Land und der Landkreis sind dafür zuständig, und so ist die Hightech-Eisbahn für die umliegenden Gemeinden eine lukrative Sache. „Sie tut uns gut“, sagt Bürgermeister Kurz, „wir haben rund um das Rodeln 40.000 bis 50.000 Übernachtungen pro Jahr.“ Auch an diesem und dem nächsten Wochenende, wenn der Weltcup der Rodler sowie danach der Bobfahrer am Königssee Station macht.

“Ich bin noch im Kinderwagen gelegen, da war ich schon an der Rodelbahn“, sagt Felix Loch, Hackls Nachfolger als Weltmeister und Olympiasieger. „Meine erste Fahrt hatte ich mit fünf, vom Labyrinth runter, auf einem Wolfi-Schlitten.“ Viele aus der Region haben auf einem solchen Gerät die ersten Fahrten durch den Eiskanal gemacht, den „Wolfi-Schlitten“ hatte Wolfgang Schädler entwickelt, einer der großen Rodel-Enthusiasten, der jetzt Trainer bei den Russen ist.

Rodeln als Schulsport

Wer im Berchtesgadener Land aufwächst, kommt ums Rodeln nicht herum. In der dritten Klasse der Grundschule fahren alle Kinder an die Bahn, Rodeln ist Schulsport. „Viele Kinder versuchen es“, sagt Hackl. „Und ein paar machen dann weiter. Rodeln ist aber nichts für jedermann. Ich habe einen Neffen, wenn der im ,Mensch ärger dich nicht’ verliert, dann ist ihm das wurscht. Andere Kinder schmeißen vor Zorn das Brett um, wenn sie verlieren. Solche Kinder suchen wir.“

Sie zu finden ist nicht einfach. Bundestrainer Norbert Loch, der Vater von Felix, dem Olympiasieger, kann davon ein Lied singen. „Es hat sich viel verändert“, sagt er. „Es ist schwieriger geworden, den Kindern und ihren Eltern Rodeln schmackhaft zu machen.“ Sechs aktive Rodelvereine gibt es noch in Bayern, früher waren es zehn. „Früher war es Tradition, da ist man in Berchtesgaden oder Miesbach automatisch zum Rodeln gegangen. Heute ist es schwer geworden, die Kinder ranzuholen“, sagt Loch. „Das ist in allen Sportarten so. Nur Ski alpin geht noch relativ leicht, da schnallen die Eltern die Ski an und können selbst fahren. Beim Rodeln aber steht man daneben und kann nur zuschauen.“

Was spricht für Rodeln?

Der Wettstreit um die Talente ist in einer überschaubaren Region wie dem Berchtesgadener Land groß. Ski alpin ist die Nummer eins, aber dahinter kämpfen Wintersportarten wie Rodeln, Skisprung, Eishockey oder Snowboarden um den Nachwuchs. Da müssen sich auch die Rodler etwas einfallen lassen. Vor allem im Sommer, wenn es darum geht, mit einem bunten Sportprogramm die athletischen und motorischen Grundlagen für den Winter zu legen, müssen die Kinder bei Laune gehalten werden. „Die Übungsleiter müssen Freude vermitteln“, sagt Loch. „Sie müssen es schaffen, dass die Kinder im Herbst brennen, wenn es auf der Bahn endlich losgeht.“ Wichtig, sagt er, sei, dass man die Kinder früh zum Rodeln heranführe. Mit 14 sei es längst zu spät. Rodeln müsse man lernen, ehe die Angst kommt, „mit acht oder auch schon mit fünf, so früh wie möglich“.

Was spricht für Rodeln? Welches sind Lochs Argumente? Zuerst mal die Kosten. Rodeln ist ein günstiger Sport, eine Helm kostet 300 Euro, viel mehr braucht man nicht. Was den Rennschlitten betrifft, so sind die Vereine gut sortiert. Das ist günstig für Kinder und Eltern, die zum Beispiel im alpinen Skisport mit Kosten von bis zu 10.000 Euro pro Saison rechnen müssen, wenn der Nachwuchs leistungsmäßig Rennen fahren will. „Dagegen ist der finanzielle Aufwand bei uns verschwindend gering“, sagt Loch.

Und dann sind da noch die sportlichen Aussichten in einer Sportart, die von deutschem Know-how dominiert wird. „Du kannst den Kindern glaubhaft vermitteln, dass sie es bis zu Olympia schaffen können, wenn sie Talent haben und sich engagieren“, sagt Hackl. „Und das ist doch was.“ Ein weiteres Pfund, mit dem die Rodler in Berchtesgaden wuchern, ist das Fördersystem vor Ort. Sportgymnasium, Olympiastützpunkt, Bundespolizei, Bundeswehr - alles in Sichtweite, alles steht parat, um Talente auf ihrem Weg Richtung Olympia zu begleiten. „Diese Möglichkeiten eröffnen einen interessanten Lebensweg für junge Leute, auch wenn es der ein oder andere am Ende im Sport nicht ganz nach oben schafft“, sagt Hackl.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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