04.01.2009 · Skispringer sprechen von dem „gewissen Etwas“, das nötig ist, um sich auf das kurze Abenteuer einzulassen, den Boden nicht mehr unter den Füßen zu spüren. „Man muss es passieren lassen“, sagt Martin Schmitt, „dann kommen die Ausnahmesprünge.“
Von Christiane MoravetzAls wäre es nicht ohnehin jedes Mal etwas Außergewöhnliches, abzuheben und zu fliegen, die Schwerkraft für Sekunden zu bezwingen, sind sie stets weiter auf der Suche nach dem Besonderen, dem ultimativen Erlebnis. Jenem Flug, „bei dem manche Trainer schon die Augen zumachen“, wie Werner Schuster, der deutsche Bundestrainer, sagt. Skispringer sprechen von dem „gewissen Etwas“, von Gottvertrauen, das nötig ist, um immer wieder loszulassen, sich auf das kurze Abenteuer einzulassen, den Boden unter den Füßen nicht mehr zu spüren. „Man muss es passieren lassen“, sagt Martin Schmitt, „dann kommen die Ausnahmesprünge.“
Dem viermaligen Weltmeister „passiert es“ immer wieder in diesem Winter. Er reiht sich ein unter den Besten, ist konkurrenzfähig. Noch fehlt die Beständigkeit. Mit ähnlichen Ausreißern - nach oben, aber auch nach unten - leben die meisten Skispringer. Nur die besten, die Österreicher Loitzl und Schlierenzauer, der Schweizer Ammann, behaupten sich derzeit ohne große Ausschläge auf hohem Niveau. „Die Sehnsucht, dort hinzukommen, ist der Motor, der das Werk in Gang hält“, sagt Schuster.
„Man lernt Skispringen nicht mit einem Sprung“
Mit jedem guten Ergebnis steigt aber die Erwartung überproportional, vor allem die der Öffentlichkeit. Auch Sportler und Trainer gelingt es nicht, sich ihr zu entziehen - da kann Schuster noch so vehement darauf verweisen, die Zeit sei noch nicht reif für den großen Coup Schmitts. Die Arbeit des Österreichers ist nicht auf den einen Erfolg, den einen Platz auf dem Siegespodest ausgelegt. Er ist nicht der Heiler, der die Hand auflegt und Wunder vollbringt. Langfristig möchte er den grundsätzlichen Wandel einleiten, der dem deutschen Skispringen wieder die Klasse verleiht, die es zu Zeiten des Cheftrainers Reinhard Heß mit Olympiasiegen und Weltmeistertiteln hatte.
Jüngste Erfolge in der zweiten Liga, dem Continental Cup, sowie die Lichtblicke durch Schmitt im Weltcup sind äußerliche Zeichen der Hoffnung. Nicht alles davon ist Schusters Verdienst. Das auffällig veränderte positive und optimistische Auftreten allerdings darf er sich gutschreiben. Das ist die Grundlage guter Leistungen der gesamten Mannschaft. Sie entsteht durch das Vertrauen, das Schuster den Athleten entgegenbringt und das die übrigen Trainer wie die Betreuer einschließt.
„Man verlernt es aber auch nicht mit einem Sprung“
Aus diesem Blickwinkel erscheint das Saisonziel, eine Mannschafts-Medaille bei der Weltmeisterschaft in Liberec Ende Februar, nicht als rosarote Utopie. Mit dem Vertrauen in die komplexe Arbeit rund um das Team lassen sich auch schwächere Ergebnisse verkraften. „Nur wenn wir anfangen, die Dinge schlechtzureden, kommen wir der Enttäuschung näher“, sagt Schuster.
Der vor den Deutschen liegende Weg ist lang und wird nicht immer nur gerade verlaufen. Sie werden sich immer wieder an einen Satz von Schmitt halten müssen: „Man lernt Skispringen nicht mit einem Sprung, man verlernt es aber auch nicht mit einem Sprung.“ Mit jedem Sprung aber steigt die Chance, dass der besondere Flug „passiert“.