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Kommentar Hannawalds Comeback

02.01.2005 ·  Von Jörg Hahn

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Für Janne Ahonen und für Sven Hannawald ist es ein guter Start ins Jahr 2005 gewesen - auf völlig unterschiedliche Weise konnten die beiden Skispringer den Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen genießen. Der Finne als Aktiver, der mit seinem zweiten Sieg bei der Vierschanzentournee seine beherrschende Rolle in diesem Winter zementierte; der Deutsche als Gastkommentator beim Fernsehsender RTL, der das Publikum mit einfühlsamen Anmerkungen näher an die besondere Welt der Skispringer heranführte. Welcher der beiden Auftritte erstaunlicher war, läßt sich schnell beantworten: Es war der von Hannawald. Mit ihm hatte in solch einer mitteilsamen Rolle niemand gerechnet.

Ahonens Konstanz auf der Schanze dagegen kann nicht mehr überraschen. Athletisch und technisch allen anderen überlegen, psychisch obendrein bärenstark, sieht Skispringen bei ihm so wunderbar leicht aus, daß der Branche wenig einfällt, wie man den 27 Jahre alten Athleten momentan stoppen könnte. "Im Lift einsperren", sagte der deutsche Trainer Peter Rohwein launig. Und Hannawald meinte es ganz ernst, als er feststellte: "Noch zwei Wettbewerbe, und dann gibt es eben zwei Springer, die bei einer Tournee viermal gewinnen konnten." Diese historische Leistung gelang Hannawald vor drei Jahren. Seit zehn Monaten nun steht er am Rande, erholt sich von einem Burn-out-Syndrom. In Oberstdorf war sein Besuch als Zuschauer an der Schanze angekündigt worden; die Aktion wurde dann zu einem unwürdigen Versteckspiel mit den Fotografen. Am 1. Januar aber erlebte das Fernsehpublikum einen konzentrierten Gast in der Kommentatoren-Kabine, der von dem Mikrofonprofi Tom Bartels behutsam durch die Sendung geführt wurde. Auf diese Weise kam es zu bemerkenswerten Aussagen. Hannawald über den wohl kommenden Tourneegewinner Ahonen: "Ich mußte bei meinem Tourneesieg mehr kämpfen, immer an die Grenze gehen. Er macht das alles viel souveräner, er springt so sicher, genial." Ein Fehler unterlief Hannawald nicht: über sensible Punkte zu schwadronieren, etwa über den kurzfristigen Trainerwechsel im Deutschen Skiverband oder die Schwierigkeiten von Martin Schmitt. Da verlor er kein Wort zu viel.

Würdig und spannend zugleich

Die knapp zwei Stunden mit Hannawald vergingen wie im Fluge und haben Mut gemacht. Folgt man seiner Einschätzung, haben die deutschen Springer noch lange nicht alles gezeigt und können spätestens bei den Weltmeisterschaften in sechs Wochen in Oberstdorf auftrumpfen. Zuversichtlicher darf man nun auch wieder für Hannawald selbst sein; unabhängig davon, ob oder wann er als Aktiver zurückkehrt, hat der Neujahrstag einen Menschen gezeigt, der wieder das Fenster zur Welt öffnet, sich nicht mehr angstvoll und überfordert verkriecht. Was zu Beginn der RTL-Übertragung als bedenkliche Effekthascherei erschien, erwies sich im Verlauf der Veranstaltung als erkennbar wirkungsvoller Therapie-Beitrag. Als fachlich beschlagener und zugleich selbstreflektiver Gesprächspartner leistete Hannawald für das Medium weit mehr als mancher ständige Kokommentator vor den Kameras.

Das Fernsehen wird häufig und in der Regel zu Recht dafür kritisiert, daß es Helden erfindet und Stars bei Bedarf auch wieder absägt, also mit den Menschen in verantwortungsloser Weise spielt. Diesmal darf man ruhig "Bravo" sagen - dafür, daß RTL Hannawald auf vorbildliche Weise wieder ins Spiel gebracht hat. Hoffentlich haben Fernsehmacher und Manager genau aufgepaßt, wie man mit Studiogästen auch umgehen kann, würdig und spannend zugleich.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2005, Nr. 1 / Seite 31
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