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Klares „Nein“ zu Olympia 2022 in München : Das Ende des Wintermärchens

Die Mehrheit der Bürger kreuzte das „Nein“ an Bild: dpa

Die Bürger lassen das Olympiaprojekt München 2022 durchfallen, die Gegner der Bewerbung freuen sich über einen „4:0-Sieg“. Mit dem eindeutigen Votum wird deutlich, dass olympische Träume in Deutschland nicht mehrheitsfähig sind.

          Olympische Spiele in Deutschland, es ist ein Traum, den die heute aktiven Wintersportler in ihrer Karriere nicht mehr erleben werden. Um 19.06 Uhr am Sonntag flimmerte im Foyer des Münchner Kreisverwaltungsreferats das erste Endergebnis einer der vier Bürgerbefragungen über die Bildschirme, das aus Garmisch-Partenkirchen – und weil dort für die Nein-Stimmen die Zahl von 51,67 Prozent aufleuchtete, war die bayrische Olympiabewerbung für 2022 „schon an dieser Hürde gescheitert“, wie der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude kurz darauf erklärte.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Noch deutlicher war die Ablehnung von „München 2022“ am Ende in München selbst, wo 52,1 Prozent Nein-Stimmen gezählt wurden, ebenfalls im Landkreis Berchtesgadener Land mit 54,02 Prozent und im Landkreis Traunstein sogar mit 59,67 Prozent – ein besonders krasses Ergebnis, das Ude „mit großer Überraschung“ aufnahm.

          Schließlich habe dieser Landkreis mit Ruhpolding als Austragungsort für Skilanglauf und Biathlon sowie Inzell als Ort des Medienzentrums gegenüber der Bewerbung für 2018 „unbedingt in die Bewerbung aufgenommen werden wollen“. Am Ende waren es nur die Bewohner von Ruhpolding, die für die Spiele stimmten.

          Möglicherweise haben die rund 1,07 Millionen wahlberechtigten Münchner, von denen 28,9 Prozent ihre Stimme abgaben, und die Bürger in den drei weiteren vorgesehenen Olympia-Orten am Sonntag nicht nur die Frage beantwortet, die auf dem Wahlzettel stand: „Sind Sie dafür, dass sich die Landeshauptstadt München zusammen mit der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen und den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein um die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2022 bewirbt?“ Sondern auch die Frage, ob in einem demokratischen, dicht besiedelten Land wie Deutschland ein solches Weltereignis des Sports mit allen Chancen und allem Charme, aber auch allen Problemen und Polarisierungen noch realisierbar ist.

          „Deutliches Zeichen nicht gegen den Sport“

          Der Trend gegen Olympia war von der Auszählung der ersten Wahlbezirke an so deutlich, dass schon lange vor dem Endergebnis aus Garmisch-Partenkirchen der Anführer der Bewerbungsgegner von „NOlympia“, der Grünen-Politiker Ludwig Hartmann, Glückwünsche für den sich andeutenden „4:0-Sieg“ entgegen genommen hatte.

          Er wertete das Votum als „deutliches Zeichen nicht gegen den Sport, sondern gegen die Profitgier des Internationalen Olympischen Komitees.“ Zuerst müsse sich das IOC ändern, dessen Intransparenz und die Machenschaften „von einer demokratischen Gesellschaft nicht hingenommen werden können“.

          München : Bayern sagen Nein zu Olympia

          Die gescheiterten Bewerber wollten das IOC bei der Suche nach Ursachen der Niederlage nicht beim Namen nennen. Doch habe es laut Ude „nicht am Konzept gelegen“, eher an einer „zunehmend kritischen Einstellung gegenüber Sportgroßereignissen“ in der Bevölkerung, wobei „Namen wie Qatar und Sotschi eine Rolle spielen“.

          Der Oberbürgermeister, der noch am Wahltag über Facebook bei den Bürgern um Ja-Stimmen geworben hatte, ebenso wie der FC Bayern über Twitter, nannte das Scheitern der Bewerbung „eine vertane Chance“, sie wäre „eine große Hilfestellung für die Olympische Bewegung gewesen“. Mit dieser „klaren Niederlage bei sämtlichen vier Bürgerentscheiden“ sei die Bewerbung gescheitert, „nicht nur für 2022, sondern dauerhaft“.

          „Stimmung, die kein solches Großereignis zulässt“

          So weit wollte Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), nicht gehen. „Das Wintermärchen 2022 ist perdu“, sagte er, sah aber vorerst keine Konsequenzen aus dem bayrischen Bürgervotum für weitere deutsche Olympiabewerbungen. Allerdings erlebe er in Deutschland „eine Tendenz, dass große Ereignisse mit viel Skepsis und Vorurteilen begegnet“ werde.

          Auch Alfons Hörmann, der designierte DOSB-Präsident, sprach von einer „Stimmung, die kein solches Großereignis zulässt“. Das Scheitern der Bewerbung, diesmal nicht wie 2011 am Votum der IOC-Mitglieder, sondern der Bürger, werde „unsere Sportler traurig stimmen“ und den deutschen Sport „in der Basisarbeit eher schwächen als stärken“.

          Regen in München: Die Bürger lehnen eine Olympia-Bewerbung mehrheitlich ab
          Regen in München: Die Bürger lehnen eine Olympia-Bewerbung mehrheitlich ab : Bild: dpa

          Allerdings war die Zustimmung für die Bewerbung nicht einmal im DOSB selber einmütig. Als einziger Mitgliedsverband hatte der Deutsche Alpenverein, über eine Million Mitglieder stark, nicht für die Bewerbung gestimmt, sondern sich am Tag vor dem Bürgerentscheid mit großer Mehrheit seiner Mitglieder gegen die Bewerbung entschieden. Er nahm das Votum der Bürger vorweg. Der olympische Traum ist in Deutschland nicht mehr mehrheitsfähig.

          Ergebnisse der vier Olympia-Bürgerentscheide in Bayern

          Die vorläufigen amtlichen Endergebnisse bei den vier Olympia-Bürgerentscheiden:

          München:

          Ja: 47,90 Prozent - Nein: 52,10 Prozent
          Wahlbeteiligung: 28,9 Prozent

          Landkreis Traunstein:

          Ja: 40,33 Prozent - Nein: 59,67 Prozent
          Wahlbeteiligung: 39,98 Prozent

          Berchtesgadener Land:

          Ja: 45,98 Prozent - Nein: 54,02 Prozent
          Wahlbeteiligung: 38,25 Prozent

          Garmisch-Partenkirchen:

          Ja: 48,44 Prozent - Nein: 51,56 Prozent
          Wahlbeteiligung: 55,80 Prozent

          Quelle: F.A.Z.

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