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Kitzbüheler „Streif“ Auf eigenes Risiko

24.01.2010 ·  Die Kitzbüheler „Streif“ ist trotz Entschärfung die gefährlichste Abfahrt der Welt. Immer wieder gibt es zu schweren Stürzen. Die Veranstalter lehnen jede Verantwortung ab. Die 70. Auflage gewann der Schweizer Didier Cuche.

Von Michael Eder, Kitzbühel
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Am Anfang steht das Reglement: „Mit seinem Start gibt der Wettkämpfer zu erkennen, dass der gegebene Pistenzustand und die vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen als geeignet und ausreichend anerkannt werden. Eine darüber hinausgehende Haftung für einen bestimmten Pistenzustand oder bestimmte Sicherheitsvorkehrungen übernimmt der Veranstalter nicht.“ Diesen Passus muss jeder Skirennfahrer akzeptieren, der die Kitzbüheler „Streif“, die gefährlichste Abfahrt der Welt, bezwingen will.

Die Organisatoren bauen vor. Jeder, sagen sie, fahre auf eigenes Risiko, jeder wisse, auf was er sich einlasse. Für die Versicherung der Teilnehmer seien deren Verbände zuständig. Viel Glück! Zwei Tage vor dem großen Rennen sitzt Daniel Albrecht im Saal der Musikschule von Kitzbühel vor 150 Journalisten und erzählt von seinen Plänen. Vor einem Jahr war der 26 Jahre alte Schweizer Kombinationsweltmeister am Zielsprung der „Streif“ bei Tempo 140 gestürzt, war bis zum Aufschlag 70 Meter durch die Luft geflogen und hatte neben einer Lungenquetschung schwere Kopf- und Hirnverletzungen erlitten.

Drei Wochen lag er im Koma, erst nach sechs Wochen kamen erste Erinnerungsfetzen zurück, Albrecht erkannte seine Freundin nicht mehr, ihm fielen einfachste Wörter nicht ein, er sah einen Schmetterling und konnte ihn nicht benennen, er verwechselte alles, zu Fleisch sagt er „Audi“. Albrecht erzählt von dieser Zeit und wie es in kleinen Schritten besser wurde, wie er sich wieder auf den Skiern versuchte und wie es ihm heute geht. Er schaue auf sein Leben zurück wie in einem Film, sagt er, was fehle, sei die emotionale Verbindung. Er sehe Dinge, aber er fühle sie nicht.

„Ich werde hier in Kitzbühel wieder fahren“

Alles, was ihm geblieben sei, sei das Gefühl für den Ski und den Schnee. Alles andere müsse er neu erlernen, müsse er noch einmal erleben, um es im Kopf zu speichern. „Ich bin wieder der Junge“, sagt Albrecht, „der versucht, ein großer Rennfahrer zu werden, aber es ist viel schwieriger als beim ersten Mal.“ Warum er nach Kitzbühel gekommen ist, wird er gefragt, ein Jahr nach dem fürchterlichen Unfall, der ihn fast das Leben gekostet hat? „Weil ich wissen wollte, wie ich mich hier fühle“, antwortet er. „Weil ich wissen wollte, ob sich mein Körper erinnert. Ich bin sehr erleichtert, dass es mir gutgeht hier.“

Dieses Jahr werde es nichts mehr mit seinem Comeback auf der Rennstrecke, sagt Albrecht leise, er brauche noch Zeit, müsse an vielem arbeiten, vor allem an Reaktionszeit und Orientierungssinn, aber er werde nicht aufgeben. „Ich werde hier in Kitzbühel wieder fahren“, sagt er mit flackerndem Blick, „aber erst, wenn ich wirklich fit bin, wenn ich der Piste zeigen kann, wer der Herrscher ist.“

Die „Streif“, deren 70. Auflage am Samstag der Schweizer Didier Cuche gewann, ist ein Höhepunkt des internationalen Sportkalenders, und das ist sie, weil sie ein Ritt am Rande des Menschenmöglichen ist, ein Spektakel am Abgrund. Wer so etwas veranstaltet, erliegt leicht der Versuchung, auf der Jagd nach immer spektakuläreren Bildern den Nervenkitzel weiter ins Extrem zu treiben. So grausam es klingt: Auch lebensgefährliche Stürze gehören in einer Extremsportart wie dem Abfahrtslauf zum Geschäft, sorgen für Einschaltquoten, Entsetzen, Emotionen – kurzum: für Interesse.

„Es war nicht das Problem, dass der Sprung zu groß war“

Doch es gibt Tage, wie vor einem Jahr, als Albrecht wie tot im Kitzbüheler Zielhang lag, da hat auch das sensationslüsternste Publikum genug gesehen. Und dann werden die Veranstalter nicht müde, erstens zu betonen, dass der Fahrer die Bedingungen vertraglich akzeptiert habe, und zweitens, dass der 60-Meter-Sprung kurz vor dem Ziel nicht gebaut wurde, um Millionen von Zuschauern haarsträubende Bilder zu liefern, dass nicht die Sprungschanze schuld an Albrechts Horrorsturz gewesen sei, sondern der Schwerverletzte selbst. Es sei ein Fahrfehler gewesen. Sein Fehler.

Didier Cuche, einer der erfahrensten, härtesten und schnellsten Abfahrer der Welt, hat andere Erinnerungen an Albrechts Sturz: „Es war nicht das Problem, dass der Sprung zu groß war“, sagt Cuche mit der Ruhe eines Stars, der vor Veranstaltern nicht kuschen muss. „Das Problem war, dass der Sprung schlecht gebaut war. Er hatte eine Lippe, die einen in Rücklage brachte, und deshalb ist Daniel Albrecht gestürzt.“ Baufehler oder Fahrfehler? Auch wenn die Veranstalter jede Verantwortung ablehnen, sie mussten reagieren. „Wir wollen keine Sensationen, schon gar nicht durch Stürze“, beeilte sich Rennleiter Peter Obernauer in der vergangenen Woche zu erklären. „Sonst sagen einige gleich wieder, wir seien Mörder.“ Der Zielhang wurde komplett umgebaut, den Sprung gab es in diesem Jahr nicht mehr.

„Ich wäre am liebsten wieder mit dem Lift runtergefahren“

Die „Streif“ hat konstruierte Schikanen wie den Zielsprung vom vergangenen Jahr nicht nötig, um ein großes Spektakel und grenzwertigen Sport zu bieten. Das beginnt am Start: Ihn muss man sich vorstellen wie den Absprungturm beim Bungee-Jumping, der Starthang ist kein Hang, sondern ein Abgrund. Wer sich hinunterstürzt, beschleunigt auf den ersten 150 Metern auf Tempo 120 und hat sodann ein kleines Problem: Er muss links in die 85 Prozent steile „Mausefalle“ hineinsteuern und bis zu 80 Meter weit springen, ehe die folgende Kompression ihn zu zerquetschen droht. „Als ich das erste Mal dort oben stand“, erinnert sich Cuche, „wäre ich am liebsten wieder mit dem Lift runtergefahren.“ Man fühle sich dort oben, hat Marc Girardelli einmal gesagt, als springe man aus einem Flugzeug, allerdings ohne Fallschirm.

Der 19 Jahre alte österreichische Debütant Markus Dürager beschrieb seine Gefühle nach dem ersten Training so: „Angst? Klar, aber was nutzt es? Arschbacken zusammen, auf die Zähne beißen – und raus!“ Es folgen knapp zwei Minuten auf einer Unterlage, die wenig zu tun hat mit dem, was Freizeitfahrer unter einer Skipiste verstehen. Die „Streif“ ist schon vor Weihnachten präpariert worden. Auf die komplette Streckenlänge von 3312 Metern wurde eine 50 Zentimeter dicke Kunstschneeschicht aufgetragen, die anschließend teilweise durchwässert und vereist wurde. Seither lag die Rennstrecke wie ein gehüteter Schatz am Berg, nachts beleuchtet wie ein Pilgerweg. Fiel Neuschnee, wurde er herausgeräumt. Für richtigen Schnee ist kein Platz auf der „Streif“.

„Wenn ich Kopf und Kragen riskiere, kann ich gewinnen“

Am Ende steht die Erleichterung. Alles gutgegangen in diesem Jahr. Keine Schwerverletzten. Nur der Österreicher Michael Walchhofer und der Deutsche Stephan Keppler stürzten unterwegs, doch nach bangen Momenten kletterten sie aus eigener Kraft aus den Fangzäunen. Die 70. „Streif“ hat diesmal keine Opfer gefordert, und das mag nicht nur am Einsehen der Veranstalter gelegen haben, sondern auch an den Fahrern selbst. Außer Cuche, der in Kitzbühel schon am Freitag den Super-G gewonnen hatte und in überragender Form fährt, hielten sich die meisten Topfahrer zurück.

Carlo Janka etwa, der Führende im Gesamt-Weltcup und vergangene Woche noch Gewinner der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen, hatte daraus schon vor dem Start kein Geheimnis gemacht: „Da ist einerseits der Gedanke an den Unfall von Daniel Albrecht vor einem Jahr, auf der anderen Seite auch die Risikoeinschätzung“, sagte er. „Die Gefahr, auf der Streif zu stürzen, ist größer als auf jeder anderen Strecke. Wenn ich Kopf und Kragen riskiere, kann ich gewinnen. Aber wenn ich stürze und mich verletze, sind meine nächsten großen Ziele futsch – Olympia und der Gesamtweltcup.“ Die Österreicher werden es nicht gerne hören, aber es gibt im Skisport eben doch Wichtigeres als die „Streif“ – besonders vor Olympia.

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