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Jugendwinterspiele Tausend Teenager

 ·  Wozu gibt es eigentlich Jugendwinterspiele? Die Antworten sind vielschichtig: Olympia will nicht altern - und die Nachwuchsathleten wollen was erleben. Trotz aller Beschwörungen ist Dabeisein wieder mal nicht alles.

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© REUTERS Hoch hinaus: Bei den Jugendwinterspielen geht es pädagogisch wertvoll um Medaillen

Immer wenn sich die Dunkelheit über Innsbruck legt, beginnt die Stadt zu glänzen. Lampen, Fackeln und Kerzen vor den Restaurants rund um das Goldene Dachl sorgen für die passende Illumination auf dem Weg zur Ehrung der besten Sportler des Tages. Auf den Häusern am Rathausvorplatz, der momentan „Medals Plaza“ heißt, liegt dick der Schnee, und über der Nockspitze steigt der Mond empor: Fanfaren erklingen, Hymnen ertönen, Fahnen werden gehisst.

Und wenn die Athleten unter dem Jubel der Zuschauer die Bühne erklimmen, lächelnd zu Beginn und am Ende der Feierlichkeit mit einer glänzenden Medaille um den Hals sowie einer Träne der Rührung in den Augenwinkeln, entstehen hübsche Momentaufnahmen - von denen das Internationale Olympische Komitee (IOC) hofft, dass sich auch dank der Kameras in der Fußgängerzone später möglichst viele Menschen weltweit ein schönes Bild von seiner neuesten Errungenschaft machen. Und sie damit ein Geschäftsmodell sichern helfen.

Die Premiere der Jugendwinterspiele war eine prächtig inszenierte, aber in weiten Teilen unübersichtliche Sause für tausend Teenager von 15 bis 18 Jahren auf Kufen oder Ski. Für das fast schon verzweifelt um ein jugendlicheres Image bemühte IOC ging es bei dem Spektakel, das in seiner bunten Mischung aus Klassenfahrt, Fortbildungslehrgang sowie Hochleistungsschau schwer auf einen Nenner zu bringen war, um allerhand: Für die Olympier handelte es sich um einen weiteren Versuchsballon, wie mit einem neuen globalisierten Event Aufmerksamkeit gewonnen, Kunden erobert, Märkte erschlossen oder, mit anderen Worten, weiterhin gutes Geld verdient werden kann.

Neue Motivation

Für Katharina Althaus war der Abenteueraufenthalt in Tirol ein „riesiges Erlebnis“, wie sie begeistert erzählte: „Spitzenmäßig war’s“, sagte sie bei einem Empfang des deutschen Botschafters, bei dem mit Apfelsaft auf ihren Coup angestoßen wurde, „diese Woche werde ich nie vergessen.“

Die Oberstdorferin, die bei der Eröffnung die deutsche Fahne ins Stadion getragen hatte, errang für die 57-köpfige Mannschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) den ersten Erfolg, sprang zu Silber auf der Skischanze und sicherte sich so einen Eintrag ins Geschichtsbuch: Es war das Debüt der Skispringerinnen im Zeichen Olympias; für seine Wiederholung in Sotschi 2014 im Kreise älterer Kolleginnen will die Fünfzehnjährige unbedingt nominiert werden: „Jetzt weiß ich, warum ich das Ganze mache“, sagte die Allgäuerin, die seit ihrem sechsten Lebensjahr die Leidenschaft ihres älteren Bruders Daniel teilt, „ich nehme Motivation pur mit.“

Jacques Rogge, der Präsident des IOC, hätte am liebsten eine kleine Scheinsportwelt in Innsbruck arrangiert. Die Wettbewerbe, so der Belgier, sollten nicht zu wichtig genommen und das reine Leistungsdenken ausgeblendet werden. Doch mit diesem hehren Vorsatz hatte er sich wie schon beim Sommer-Festival 2010 in Singapur nicht einmal bei seinen eigenen Leuten im IOC durchsetzen können. Es gab wie sonst üblich die Siegertreppchen mit den nationalen Symbolen. Dopingproben gab es auch; die Auswertung der 250 Tests wird kommende Woche veröffentlicht. „Hier steht viel auf dem Spiel“, fasste Martina Dieck ihre Eindrücke zusammen, „dabei sein ist nicht alles.“

Die 46 Jahre alte Eiskunstlauftrainerin betreute den jüngsten deutschen Starter Niko Ulanovsky, der am 6. Januar seinen 15. Geburtstag feierte. Selbstverständlich sei eine gewisse Erwartungshaltung vorhanden, sagte die resolute Dortmunderin, wer etwas anderes behaupte, werde „der Sache nicht gerecht“.

Ihr Schützling, der in der Kür den 5. Platz belegte und das Ziel „absolut erfüllte“, sei stolz gewesen, sein Land zu repräsentieren: „Dass dann Nervenflattern und Druck entstehen, ist normal, gehört aber zum Lernprozess dazu. Nur so kommt man einen Schritt weiter.“ 26 der entsandten deutschen Junioren besuchen eine Eliteschule des Sports, fast alle sind sie Jahrgangsbeste.

Stufe für Stufe auf der Karriereleiter

Die meisten gehören einer Crème de la Crème an, die darauf eingestellt ist, optimale Resultate abzuliefern. Aus Innsbruck nehmen sie die Erkenntnis mit, dass sie mit einer gewissen Berechtigung von der großen Laufbahn träumen dürfen. „Die Jugendspiele sind ein wichtiger Schritt auf der Leiter“, bescheinigte ihnen Ulf Tippelt, der Leistungssportdirektor des DOSB, „und die Medaillen sind das Salz in der Suppe“; mehr als die Deutschen holten nur China und Russland.

Stephan Eberharter bezog ähnlich Stellung: „Ein Kindergeburtstag ist das hier sicher nicht“, meinte der Österreicher, der 2002 bei Olympia in Salt Lake City im Riesenslalom ganz vorne landete: „Wenn es um Gold, Silber, Bronze geht, muss jeder das Größte erreichen wollen. Solche Erfahrungen sind es, die einen reifen lassen.“ Das Team Austria bekannte sich als einziges dazu, jeden Medaillengewinner mit 1000 Euro Prämie zu belohnen.

Auf der anderen Seite war die Angelegenheit auch ein Debütantenball: Für Aufsehen sorgten die armenische Biathletin Zhenya Grigoryan, die 48 Stunden vor ihrem Rennen erstmals ein Gewehr in der Hand hielt und noch vor dem ersten Schießen ausstieg, oder der Marokkaner Adam Lamhamedi, der im Super-G das erste Ski-Gold für Afrika holte. Was fehlte, war das Zählen der Siege in einem offiziellen Klassement.

Mit seinem Anliegen, wenigstens auf Medaillenspiegel zu verzichten, konnte sich Rogge aber nur halbwegs durchsetzen - IOC-Verlautbarungen veröffentlichten kein Ranking, dafür lag es, übermittelt vom Medienpartner „Tiroler Tageszeitung“, morgens druckfrisch an sämtlichen Sportstätten und Bushaltestellen auf dem Weg dorthin aus. Eine erstaunliche Zwiespältigkeit.

Bananenbrot mit Schokostreuseln

Die Sinnfrage der Jugendspiele wurde auch im umfangreichen Rahmenprogramm mit täglich 25 Seminarangeboten nicht plausibel beantwortet. Es gab einen Mitmachkochkurs, bei dem Lindsey Vonn, das amerikanische Glamourgirl der Alpinszene, berichtete, dass ihr Lieblingsrezept Bananenbrot mit Schokostreuseln sei, Kurse im Schuhplatteln oder Bastelstunden, in denen sich Holzklötze in Skateboards verwandelten.

Sie alle waren gut besucht. Wer besonders eifrig war, konnte an den Ständen im Kongresszentrum Punkte sammeln, die sich vor der Abreise in Sonnenbrillen oder Kopfhörer, geschenkt von IOC-Gönnern, eintauschen ließen. Der Vermutung, dass der pädagogische Ansatz schmückendes Beiwerk war, konnte sich Eberharter nicht ganz entziehen: „Ich denke, dass die, die was erreichen wollen, für solche Termine eher keine Muße haben, sondern stattdessen trainieren oder regenerieren.“

Die Dimensionen waren bei den Nachwuchs-Spielen ansonsten bescheidener als bei vergleichbaren Anlässen der Erwachsenen. Dreißig Millionen Euro soll die Angelegenheit am Ende kosten. Ein Betrag, den Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer der Bevölkerung gerade noch vermitteln kann, zumal das olympische Dorf im April in eine ökologisch vorbildliche Passivhaussiedlung umgewandelt wird, die den Innsbrucker Immobilienmarkt um 440 Wohnungen entlasten wird.

Riesig war die Begeisterung dennoch nicht. Schlagzeilen machten die Kritik aus der regionalen Gastronomie, dass die Jugendspiele keine nennenswerte Belebung des Umsatzes gebracht hätten, und die Entschärfung einer alten Fliegerbombe, wodurch die Medaillen-Zeremonie am Donnerstag entfallen musste.

Das Publikumsinteresse an den Pisten und in den Stadien erfüllte mit 70.000 Besuchern jedenfalls die Erwartungen. Eintrittskarten gab es kostenlos. Rogge bescheinigte der Veranstaltung inhaltlich „Vorbildcharakter“. Die ausgiebigste Berichterstattung darüber gab es im Internet, in den sozialen Netzwerken und auf dem Youtube-Videokanal, deren Seiten über zehn Millionen Mal aufgerufen wurden.

Argumente für die Sponsoren

Der Neunundsechzigjährige bezeichnete die Jugendspiele als ein „funktionierendes Rezept“ gegen einige der aktuell größten Schwierigkeiten des olympischen Sports: die fehlende Glaubwürdigkeit durch Korruptions- und Dopingaffären, den Trend zu elektronischen Medien bei der Hobbygestaltung und Sportfans, die Olympia eher als ausschweifenden Kommerz wahrnehmen. Eine „Investition in die Zukunft“ nannte Rogge das Projekt, und eine weitere Absicht ließ sich dabei gar nicht kaschieren: Es ging auch maßgeblich darum, reizvolle Argumente für Sponsoren zu präsentieren. Die Frischzellenkur soll verhindern, dass das Interesse am IOC und seinem Premiumprodukt, den Spielen der Großen, schwindet.

Mit Innovationen wie Slopestyle-Snowboard oder Mixed-Staffeln im Parallelslalom wollen die Funktionäre rasch ihr Disziplin-Portfolio aufpolieren und Marktanteile im milliardenschweren Freizeitsegment behaupten: „Wenn wir verstehen, was jetzt die Kinder wollen, können wir eine Sportwelt mitgestalten, in der das IOC einen sicheren Platz hat“, sagte Rogge. Außerdem ist kaum eine Zielgruppe für die Wirtschaft so interessant wie die der 15- bis 18-Jährigen. Thomas Bach, der DOSB-Präsident und IOC-Vize, wiederholte zudem seine Forderung, dass vor der nächsten Auflage in der chinesischen Stadt Nanjing 2014 der Kurs der „kontrollierten Kommerzialisierung“ fortgeführt werden solle.

Die Aussicht der Zuschauer auf die Zeremonie und das spektakuläre Bergpanorama wurde übrigens allein von den IOC-Geldgebern General Electric, Samsung und Coca-Cola beeinträchtigt, an denen in der Maria-Theresien-Straße kein Passant vorbeikam. Greller als ihre ausgeleuchteten Werbezelte strahlte an den vergangenen Abenden in Innsbruck nichts und niemand.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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