16.11.2011 · Bei den Jugend-Winterspielen in Innsbruck werden Teenager ohne Führerschein durch den Eiskanal rasen. Die Bedenken sind groß, doch die Deutschen fühlen sich verpflichtet.
Von Anno HeckerAls vor ein paar Wochen die Meldung von einem schweren Bob-Unfall auf der Bahn in Winterberg die Runde machte, erschraken Kenner des Eiskanal-Sports. „Hoffentlich waren das nicht Jugendliche“, hieß es beim Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) in Berchtesgaden.
Die Entwarnung kam schnell. Gestürzt war ein Team der britischen Damen-Nationalmannschaft. Die verletzte Bremserin wird wieder gesund. Warum aber kommt den Insidern bei Unfallmeldungen aus dem Bobkanal gleich der Gedanke, dem Nachwuchs könnte Ernsthaftes passiert sein?
Auf die Antwort muss man ein bisschen warten. Gern wird über das Thema zurzeit nicht gesprochen. Dabei werden Jugendliche an den Seilen eines 180 Kilogramm schweren Schlittens in gut zwei Monaten bei ihren ersten Olympischen Winterspielen in Innsbruck zu Tale rasen, mit bis zu 120 Kilometer pro Stunde. Für einige wird der internationale Wettkampf eine Premiere sein. Die deutschen Teilnehmer haben erst Anfang Oktober mit der Ausbildung zum Piloten begonnen.
Bobfahren war lange eine Männersache. Als die Damenteams im Zweierwettbewerb vor elf Jahren weltweit akzeptiert wurden, warnten die Herren der Schöpfung. Wie sollten die zarten Geschöpfe die schweren Bobs tragen, verladen und mit Lkw von Wettkampfort zu Wettkampfort chauffieren? Sie haben es mit Hilfestellung glänzend geschafft.
Der Nachwuchs aber braucht eine Rundumbetreuung. 16- und 17-Jährige, die in Innsbruck startberechtigt sind, haben in der Regel noch keinen Führerschein. Nicht mal für den Eiskanal. Bob-Fahrer müssen volljährig sein - oder eine schriftliche Erlaubnis der Eltern vorweisen. So hat sich der BSD abgesichert in einem Fall, der zwiespältige Gefühle hinterlässt. „Einerseits ist das endlich eine Chance für uns“, sagt Cheftrainer Christoph Langen, „Nachwuchs früher zu rekrutieren.“
Langen aber hätte bei den Jugendspielen Einsitzer-Rennen in sogenannten Monobobs vorgezogen. Aufwand und Gefahr wären wesentlich geringer gewesen. Die schnelle Zusage des inzwischen abgelösten Präsidiums im Internationalen Bob-Verband an das Internationale Olympische Komitee (IOC), gleich mit einem Zweierbob loszufahren, hält der Chefcoach für unüberlegt: „Das ist konzeptlos.“
Der Olympiasieger steht mit seinen Bedenken nicht allein. Aber die Deutschen fühlen sich verpflichtet: „Wir sind der erfolgreichste Verband, wir können nicht sagen: ,Das ist Quatsch’“, sagt BSD-Präsident Trautvetter, ,,wir können uns nicht rausziehen. Allerdings hat die Sicherheit oberste Priorität, also Training, Training, Training.“ Dafür hat der BSD weder Kosten noch Mühen gescheut.
Allerdings stieß der Verband intern auf Widerstand. Nach wohlwollenden Versuchen weigerte sich etwa ein Meister des Eiskanals, den Crashkurs für eine Bob-Novizin fortzusetzen. Die Begründung: mangelhafte Physis. Eine schwächere Muskulatur kann im Ernstfall, wenn hohe Fliehkräfte am Kopf zerren und Schläge beim Anschlag gegen die Bande den Körper malträtieren, größere Folgen haben als einen heftigen Zeitverlust in Innsbruck. Die Bahn gilt zwar als nicht so tückisch und gefährlich wie die Schlangengrube des kanadischen Wintersportortes Whistler.
Aber „ab der Kreiselausfahrt“, sagt Langen, „geht’s schon zur Sache“. Trotzdem wird die - zunächst - für zu leicht befundene junge Dame wahrscheinlich an den Start gehen. Denn bislang hat die frühere Rodlerin alle Kurven gekriegt. Am Einstieg aus vollem Lauf feilt man in diesen Tagen in Winterberg. Anfangs war das ein größeres Problem. Als ihre Anschieberin Dampf machte, konnte die Pilotin angeblich nicht Schritt halten.
Rennrodler und Skeleton-Piloten muss der BSD nicht eigens für die Jugendspiele umschulen. Der Verband schöpft aus einem relativ reichen Reservoir an Talenten. Entsprechend hoch sind die Forderungen. Die Deutschen sollen glänzen in Innsbruck. Allerdings werden zum „Sportevent für die talentiertesten jungen AthletInnen“ (IOC-Präsident Jacques Rogge) nicht die besten Perspektivkader geschickt. Daran ist die strenge Altersbegrenzung schuld. An den Rodel-Wettläufen dürfen nur Sportler der Jahrgänge 1994 und 1995 teilnehmen. Da eine erfolgreichere Deutsche dieser Nachwuchsgeneration zu spät auf die Welt gekommen ist, bleibt sie zuhause.
Dabei wäre sie eine Titelkandidatin. „Generell sind die Jugendspiele gut“, sagt Rodel-Cheftrainer Norbert Loch, „aber sie wirken nicht gut abgestimmt.“ Denn die Gnade der späten Geburt erweist sich sogar als Ausschlusskriterium vom Fest der Jugend. In vier Jahren, bei den nächsten Jugendspielen, sind die Athleten der diesmal zu jungen Jahrgänge 1996/1997 zu alt. Trainer, Athleten und Funktionäre von Rang und Namen haben bei der alljährlichen Saisonvorschau des BSD am Dienstag in Herzogenaurach große Kritik vermieden. Nur einer sagte, was einige denken: „So kann man das nicht ernst nehmen.“
Was ist den da los ?!
Giso von Steinrück (gvsfrance)
- 17.11.2011, 11:49 Uhr
Monobobs --
Thomas Philippi (mot2)
- 17.11.2011, 11:12 Uhr