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Jochen Behle im Gespräch „Unter Team stelle ich mir was anderes vor“

An diesem Samstag beginnt die Tour de Ski. Zuvor zeichnet Jochen Behle im F.A.Z.-Interview ein düsteres Bild von den Chancen deutscher Athleten im Weltcup und den Perspektiven der Sportart hierzulande.

© dpa Bissiger Behle: Wollt ihr überhaupt noch Sport?

Der 52 Jahre alte Jochen Behle war von 2002 bis März 2012 Bundestrainer der deutschen Skilangläufer, bevor er überraschend zurücktrat. Unter seiner Regie hatte der deutsche Skilanglauf seine bislang erfolgreichste Zeit. Seit Juli ist der Korbacher Sportdirektor des länderübergreifenden Bundesstützpunktes Winterberg/Willingen. Daneben arbeitet er als Langlauf-Experte im Kommentatorenteam von Eurosport.

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Als was sind Sie bei der am Samstag in Oberhof beginnenden Tour de Ski unterwegs? Als Sportdirektor oder TV-Experte?

In erster Linie als Experte im Eurosport-Team. Parallel bin ich in Oberhof, weil dort mit Daniel Heun auch ein Hesse am Start ist. Den gucke ich mir natürlich genau an.

Die Tour geht in ihre siebte Auflage. Ist sie das erhoffte große Highlight geworden?

Wenn man Olympia und Weltmeisterschaften ausnimmt, ist die Tour genau das geworden, was man sich erhofft hat - der Saisonhöhepunkt.

Was lässt sich noch verbessern?

Wir müssten wie bei der Vierschanzen-Tournee endlich dazu kommen, immer dieselben traditionellen Etappenorte im Tour-Plan zu haben. Und man müsste die Tour immer zum gleichen Termin machen.

Und am Ende gewinnen auch immer dieselben: der Schweizer Dario Cologna und die Polin Justyna Kowalczyk. Ist das nicht zu langweilig?

Die Tour bietet für jeden Typ etwas, aber diese beiden waren in den letzten Jahren tatsächlich die Besten. Es wird auch diesmal wieder auf Kowalczyk hinauslaufen, weil die Norwegerin Marit Björgen nicht starten kann. Bei den Frauen hast du ohnehin nur drei, vier, die weit vor dem Rest laufen. Bei den Männern wird das dieses Jahr ein engerer Kampf, weil neben den Norwegern auch die Russen gute Chancen haben.

Auch Tobias Angerer hat einst die Tour gewonnen. Warum haben deutsche Langläufer derzeit keine Chance, das zu wiederholen? Oder haben sie eine?

Sie haben keine. Aber die hatten wir letztes Jahr auch nicht. Als Angerer 2006/07 die erste Tour gewonnen hat, wurde er auch Gesamt-Weltcupsieger und hat bei der WM einige Medaillen abgeräumt. Das waren die absoluten Hochzeiten des deutschen Langlaufs. Mittlerweile sind international neue Namen aufgetaucht wie Cologna oder Petter Northug, während bei uns immer noch die alten Kämpen mitmischen. Dieser Generationenwechsel steht uns jetzt bevor.

Wie beurteilen Sie die Situation im deutschen Langlauf? Tim Tscharnke hat gerade in Canmore einen Weltcup gewonnen.

Bei den Männern würde ich das gar nicht so düster malen. Die Arrivierten wie Angerer, Axel Teichmann und Jens Filbrich gehen dem Ende ihrer Karriere entgegen, wobei Angerer noch das ein oder andere Highlight setzen wird. Von den Jüngeren sind Tscharnke und Hannes Dotzler die größten Talente. Die werden punktuell gute Ergebnisse machen. Trotzdem werden wir uns von Podestplätzen in Serie, so wie das früher mal war, verabschieden müssen. Und um den Gesamt-Weltcupsieg wird so schnell keiner mitlaufen können. Aber wir hatten früher eine absolut außergewöhnliche Zeit.

Eine Frage der Perspektive: Behle hat sich den kritischen Blick bewahrt © dpa Vergrößern Eine Frage der Perspektive: Behle hat sich den kritischen Blick bewahrt

Warum war diese Zeit, als deutsche Langläufer viermal in Serie den Gesamt-Weltcup gewonnen haben, so außergewöhnlich? Weil es zufällig mehr Talente gab?

Die Talente brauchst du natürlich. Aber ich glaube schon, dass die Systemumstellung auf das Stützpunkttraining, wo man konzentriert mit den Leuten gearbeitet und Konkurrenz entwickelt hat, ein wesentlicher Faktor für den Erfolg war. Wir haben ein Umfeld geschaffen, auch was Techniker anging, um überhaupt erst mal mit den anderen auf Augenhöhe zu sein. Aber klar ist es in Deutschland außergewöhnlich, wenn du gleich vier Top-Athleten in der gleichen Altersklasse hast.

Und die Frauen?

Da werden wir in der Zukunft richtige Probleme bekommen. Da muss man schon auf den jüngeren Juniorenbereich hoffen. Von denen im U-23-Bereich ist keine dabei, die sich mal richtig in Szene setzen könnte - mit Ausnahme von Hanna Kolb im Sprint. Von den Arrivierten im Weltcup sind nur Katrin Zeller, Nicole Fessel und Denise Herrmann zu nennen, das war’s.

Sie sind im März von Ihrem Posten zurückgetreten. Wie viel Bundestrainer steckt noch in Ihnen?

Nichts mehr. Natürlich telefoniere ich noch ab und an mit den Sportlern, die mich auch mal um Rat fragen, gerade da es am Anfang der Saison nicht so berauschend lief. Ich habe nach wie vor Kontakt zu den Technikern. Man ist als Team in all den Jahren zusammengewachsen. Ich werde immer Langlauf-Fan sein, aber ich habe jetzt keine Verantwortung mehr. Ich hätte einiges anders gemacht, als es jetzt gemacht wird. Weil das nicht mehr möglich war, habe ich meine Konsequenzen gezogen.

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