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Ivica Kostelic im Gespräch „Wir mussten Opfer bringen“

14.03.2011 ·  Ivica Kostelic ist der überragende Skirennläufer des Winters und gewinnt als erster Kroate den Gesamt-Weltcup - vorzeitig, weil sein Vorsprung so groß ist. Im FAZ.NET-Interview spricht er über hartes Training, seine Schwester und andere Legenden.

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Als erster Kroate hat Ivica Kostelic den Gesamt-Weltcup gewonnen. Nach seinem 20. Platz am Samstag bei der Abfahrt in Kvitfjell ist der 31-Jährige beim Weltcupfinale in Lenzerheide nicht mehr einzuholen. Sein Vorsprung vor dem Schweizer Didier Cuche beträgt 519 Punkte. Kostelic ist mit sieben Saisonsiegen in Slalom, Super-G und Kombination der überragende Rennläufer des Winters.

Herr Kostelic, was bedeutet Ihnen dieser Gesamt-Weltcup?

Es ist das Größte, was ein Skifahrer erreichen kann. Olympische Medaillen sind auch sehr wertvoll, aber bei Olympia oder einer WM zu gewinnen hängt von deiner momentanen Form ab und von den Bedingungen an einem einzigen Tag.

Ihr Vater Ante hat aus Ihnen und Ihrer Schwester die besten Skifahrer der Welt machen wollen, und er hat es geschafft. Janica hat dreimal den Gesamt-Weltcup gewonnen, ehe sie ihre Karriere beendete. Sie haben es in diesem Jahr geschafft. Ist das der zweite Teil des Kostelic-Märchens?

Das klingt nett. Ich würde sagen, es ist einfach das zweite Kapitel. Aber es gibt immer neue Ziele, es gibt immer etwas zu gewinnen. Siege in allen fünf Disziplinen, Olympia-Gold und so weiter.

Man hat Ihrem Vater vorgeworfen, Sie und Janica von klein auf mit allzu harter Hand trainiert zu haben. War das so?

Mein Vater ist ein professioneller Trainer, der sein Leben dem Wettkampf und dem Training gewidmet hat. Als er begann, mit meiner Schwester und mir zu trainieren, hatte er bereits 40 Jahre Erfahrung im Sport. Alles, was wir taten, bezog sich auf existierende Trainingstheorien. Das mag für Beobachter ein wenig extravagant ausgesehen haben, aber wir haben nur das getan, was in den Lehrbüchern steht, sehr orthodox. Und das ist gar nicht so einfach. Wir haben nichts Neues erfunden, wir hatten nur einen anderen Ansatz, weil wir einen anderen finanziellen Hintergrund hatten als die großen Skinationen.

Es ranken sich viele Geschichten um Ihre Jugend. Ist es wahr, dass Sie, Janica und Ihr Vater früher im Auto oder Zelt übernachtet haben und zu Fuß die Pisten hochgelaufen sind, weil Sie kein Geld für Hotels und Skipässe hatten?

Es ist interessant zu sehen, wie sich eine Legende mit der Zeit entwickelt. Wir haben nie im Zelt geschlafen, aber es stimmt, wir schliefen im Auto oder draußen in den Wäldern. Wir bauten Hütten aus Holz. Das mag für manche sehr abenteuerlich klingen, aber für uns war das nichts Besonderes, wir waren es gewohnt, im Freien zu übernachten. Schon als Kinder waren Janica und ich sehr naturverbunden, wir waren niemals Fremde im Wald. Beim Training sind wir die Pisten nur dann hochgelaufen, wenn die Lifte geschlossen hatten.

Sie waren oft verletzt, und das hat man gern auf Ihr extrem hartes Training zurückgeführt.

Ja, unsere Kritiker haben das als Beweis genommen, dass das, was wir taten, viel zu hart war, aber diese Geschichte hat auch eine andere Seite. Janica und ich sind nicht das Produkt eines großen Systems, sondern eines einzelnen privaten Bemühens. Wir wollten die großen Apparate der Skinationen besiegen, und dafür mussten wir Opfer bringen. In einem großen System, in einem großen Kader verteilen sich die Opfer auf viele Rennfahrer, Verletzungen werden dadurch quasi unsichtbar. In einem privaten System aber wie unserem, ohne Ersatzleute, trägt man die Last allein.

Woher kommt die Power, die Kraft, das durchzuhalten. Was ist der Lohn, den man erhofft, das Ziel? Ruhm, Geld, Luxus?

Wenn es eine einfache Antwort auf diese Frage gibt, dann lautet sie: Liebe. Ich glaube, dass es die Liebe zu etwas ist, das die Menschen bewegt, die Liebe zur Arbeit, zur Natur, zu Kindern, zu Freunden. Wenn man es philosophisch formulieren will: Es gibt viele Wege, denen ein Mensch in seinem Leben folgen kann. Alle Wege sind gleich, alle führen am Ende ins Nichts. Aber es gibt Wege mit Herz, und es gibt Wege ohne Herz. Der Mensch kann wählen, auf welchem er gehen will. Folgt er seinem Herzen, wird er Freude erleben, folgt er ihm nicht, wird es Kummer sein.

Können Sie sich vorstellen, dass man härter trainieren kann, als Ihre Schwester es getan hat und Sie es tun?

In unseren jüngeren Tagen: nein. Seit wir Weltcuprennen fahren: ja. Wir hatten und haben im Gegensatz zu anderen Fahrern immer drei Monate im Jahr Pause, ohne Ski und an der Küste. Andere trainieren in dieser Zeit, während wir fischen und im Schatten ein Buch lesen.

Wenn Sie die Entbehrungen und Verletzungen zusammenzählen, wie viel müssen Sie gewinnen, um das wieder auszugleichen?

Es geht nicht um Siege. Es geht darum, wie glücklich du bist. Ob du in deinen eigenen Augen ein Sieger bist. Auch eine gute Leistung ist manchmal ein Sieg.

Welche Rolle spielt Ihre Schwester heute in Ihrem Team?

Sie ist vor allem meine Schwester. Mit ihr habe ich all die Jahre trainiert, wir sind gemeinsam durch viele schlechte und gute Tage gegangen. Sie versteht mich, sie weiß, wie ich denke. Sie ist ein großer Champion mit einer eigenen Sicht der Dinge, sie hat ein Auge für Details. Sie hat immer einen Rat, wenn ich nach Lösungen suche, egal in welchem Bereich.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, bei der WM in Garmisch auf eine sichere Goldmedaille in der Kombination zu verzichten? Sie sind abgereist und haben sich ein paar Tage in Kroatien erholt.

Zunächst: Es gibt keine sicheren Siege im Sport. Selbst wenn ich in Garmisch in der Kombination gestartet wäre, hätte das nicht automatisch bedeutet, dass ich gewonnen hätte. Außerdem wollte ich meine Gesundheit für die Weltcup-Rennen schonen, das war mir wichtiger.

Wie dringend brauchten Sie die Pause?

Alle Fahrer, die in vier oder fünf Disziplinen starten, brauchen früher oder später eine Pause. Die Weltmeisterschaft war ein guter Zeitpunkt dafür.

Ist der Terminplan im Weltcup zu brutal?

„Brutal“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber der Terminkalender ist sicherlich sehr hart und alles andere als gesundheitsfördernd. Für einen Rennfahrer, der nur in einer oder in zwei Disziplinen startet, ist das Programm ziemlich locker und lässt Zeit für genügend Regenerationsphasen. Aber wenn ein Rennfahrer in allen Disziplinen konkurriert, ist sein Programm sehr dicht.

Sie haben in dieser Saison in Kitzbühel Ihren ersten Super-G und damit Ihr erstes Speedrennen gewonnen. Wie schwer war es, als Slalomspezialist die Geschwindigkeit in den Griff zu bekommen.

In meiner Jugend waren Super-G und Abfahrt meine besten Disziplinen. Ich war eine solider Speed-Fahrer, ehe ich, so im Alter von 20, eine Serie von Verletzungen hatte. Danach habe ich mich mehr auf die technischen Disziplinen konzentriert. Eine Art Comeback in den Speed-Disziplinen war meine Silbermedaille in der Kombination bei Olympia 2006. Seitdem trainiere ich die schnellen Disziplinen wieder gezielter und habe viel Spaß dabei. Ich denke auch, dass mir es mir geholfen hat, mich in den technischen Disziplinen zu verbessern.

Hat jemand wie Sie noch Angst, vor Strecken, vor Verletzungen?

Ich habe noch immer ein wenig Angst vor sehr hohen Sprüngen in der Abfahrt. Verletzungen sind eine alltägliche Realität im Skirennsport, aber wenn man schnell Ski fahren will, muss man die Angst davor zur Seite schieben.

Das Gespräch führte Michael Eder.

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