29.11.2011 · Magdalena Neuner hat im Alter von 24 Jahren ihre eigenen Erwartungen längst übertroffen. Was nach der Heim-WM in Ruhpolding kommt? Die Biathletin lässt sich partout nicht festlegen.
Sie haben manche verschreckt - mit Rücktrittsgedanken.
Nicht ich, sondern die Presse hat die Nation verschreckt. Das Thema nervt mich langsam, weil alle nur noch fragen: wann hört sie denn nun auf? Das ganze Gespräch mit der „Bild“-Zeitung damals hat sich nur um das Thema Rücktritt gedreht, und alles, was ich gesagt habe, war, dass ich dazu nichts sagen möchte, weil ich mich erst nach der Saison entscheiden will, und dass ich es, wenn es so weit ist, früh genug mitteilen werde. Und dann finde ich es einfach schade, dass über so was wild spekuliert wird.
Es gibt also gar nichts zu spekulieren?
Mei, spekulieren kann man schon, aber es gibt doch Wichtigeres, worüber man reden sollte.
Was denn?
Sport.
Oder Ihr kleiner Abstecher in die Schauspielerei. Als Hotelgast Magdalena Neuner in der Fernsehserie „Sturm der Liebe". Wie war's?
Ein tolles Erlebnis, das mir viel Spaß gemacht hat. Es war ja nur ein Drehtag. Wir haben um halb zehn die erste Einstellung gedreht, und um 16 Uhr habe ich schon wieder im Auto gesessen. Die haben einen straffen Zeitplan und sind absolut professionell. Deswegen war ich auch aufgeregt, weil ich nicht alles durcheinander bringen wollte. Aber Gott sei Dank musste ich ja nur mich selber spielen.
Was kann man von der Schauspielerei mit in den Sport nehmen?
Das ist ein ganz anderes Metier und war einfach die Gelegenheit, mal die Leute kennenzulernen. Ob ich da was für den Sport mitnehmen kann, weiß ich nicht. Ich habe wahnsinnigen Respekt vor den Schauspielern, wie die sich so viel Text merken können. Wir müssen körperlich viel trainieren, die müssen ihren Kopf trainieren - das ist auch anstrengend.
Tut sich da etwa eine neue Perspektive für die Zeit nach der Karriere auf, wann immer die auch zu Ende gehen wird?
Ich weiß nicht, ob ich so etwas jeden Tag machen wollte. Eher nicht. Aber es würde mir schon schmeicheln, wenn es den Leuten gefällt und noch mal eine Anfrage kommen würde.
Wann kann man das Ergebnis Ihrer Schauspiel-Bemühungen sehen?
Ich glaube, zwischen Weihnachten und Neujahr.
Sie haben sich diesmal nicht wie sonst in Muonio in Finnland, sondern in Obertilliach in Österreich vorbereitet, um der Erkältungsgefahr aus dem Weg zu gehen. War denn dort genug Winter?
Im Stadion schon. Die haben in den kalten Nächten aus allen Rohren Schnee geschossen und tolle Bedingungen geschaffen. Ich war dort mit meiner Trainingsgruppe um Bernhard Kröll, und meine Nationalmannschaftskollegin Kathrin Hitzer war noch mit dabei, weil die wegen Krankheit auch nicht mit nach Muonio konnte. Das war richtig gut.
Sie haben das traditionelle Abschlusstrainingslager der deutschen Mannschaft in Finnland also nicht vermisst?
Ganz ehrlich: nein. In Obertilliach schien jeden Tag die Sonne, es war knapp über null Grad - sehr angenehm. Ich konnte übers Wochenende mal nach Hause, was mir sehr gut tut, und was noch wichtiger ist: Ich bin gesund.
Das heißt, der Weltcup-Auftakt in Östersund, bei dem Sie für gewöhnlich krank daheim auf der Couch saßen, findet diesmal tatsächlich mit Ihnen statt?
Es ist schön, dass ich endlich mal wieder in Schweden dabei bin.
Sie sind persönlich - zumindest von außen betrachtet - in einem äußerst erfolgreichen Lebensabschnitt. Dennoch: Was fehlt Ihnen im Leben?
Momentan fehlt mir eigentlich gar nichts. Sportlich ist es super, privat läuft es perfekt, ich freue mich wahnsinnig, dass es wieder losgeht. Freizeit ist natürlich in nächster Zeit weniger angesagt, aber diesen Sommer habe ich viel für mich persönlich machen können neben dem Sport. Ich kann die wenige Zeit, die ich habe, sinnvoll nutzen.
Sie haben also nicht das Gefühl, dass Sie demnächst vielleicht Ihre Jugend nachholen müssen.
Nein, das habe ich nie gehabt. Exzentrisches Feiern oder so, da bin ich nicht der Typ dafür. Ich muss nicht immer auf der Piste sein. Schöne Parties haben wir sogar manchmal im Weltcup. Ich habe momentan so eine tolle Zeit, und wenn es so bleiben würde, wäre es perfekt.
Dann könnte es aber doch noch ein bisschen weitergehen mit der Karriere...
Das lassen wir jetzt mal offen. Ich kann jedenfalls nicht sagen, dass ich nächstes Jahr definitiv dabei bin. Ich habe ja auch schon sehr viel erreicht. Ich habe mir meine Karriere immer so vorgestellt: Ich möchte einmal Weltmeisterin, Olympiasiegerin und Gesamt-Weltcupsiegerin werden. Diese Erwartungen habe ich längst übertroffen. Momentan fühlt es sich gut an, aber natürlich habe ich meine Pläne.
Pläne für das Leben danach?
Mittlerweile schon mehr als noch letztes Jahr. Vielleicht ist es ja auch altersbedingt, dass man mehr darüber nachdenkt, was man später machen will, dass man ein bisschen Lebensplanung betreibt.
Können Sie das konkretisieren? Machen Sie etwa das Praktikum beim FC Bayern München, das Ihnen Uli Hoeneß indirekt angeboten hat?
Das werde ich wahrscheinlich nicht machen. Erst einmal sehne ich mich nach Normalität im Leben. Das muss ja gar nichts Großartiges sein. Einfach zu Hause sein, Dinge tun, die man sonst nie machen kann. Zum Beispiel Ski fahren gehen oder im Sommer einfach in Urlaub fahren.
Glauben Sie denn, dass Ihre Popularität so schnell verschwindet, wenn Sie zurücktreten, und Sie sich normal in der Öffentlichkeit bewegen können?
Ach, eigentlich möchte ich schon in der Öffentlichkeit bleiben. Ich habe mich in den letzten Jahren daran gewöhnt, ich habe gelernt, dass es zu meinem Job dazugehört. Ich glaube auch, dass es für die Leute, die mich mögen, ganz schön ist, wenn man nach der aktiven Karriere noch präsent ist. Ich habe auch gemerkt, dass mir gewisse Dinge, wenn ich sie aus Überzeugung tue, Spaß machen. Ich gehe schon gerne mal in ein Fernsehstudio oder auf eine schöne Veranstaltung, ich gebe auch gerne mal ein Interview - solange alles im Rahmen bleibt.
Was bei Ihnen ja nicht immer der Fall war. Im Sport ist das Thema Druck und Burnout stark ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Waren Sie einmal in einer Situation, in der Ihnen alles zu viel geworden ist?
Ich weiß jetzt nicht, wo genau Burnout anfängt, aber ich war definitiv schon in einer Situation, in der mir alles über den Kopf gewachsen ist. Dieses erste Jahr mit der WM 2007 in Antholz - da bin ich aus meinem Leben rausgerissen worden. Ich wusste nicht, was richtig und was falsch ist, wer mir gut will und wer nicht. Und ich hatte teilweise auch nicht die richtigen Berater. Da habe ich manchmal im Bett gelegen und gedacht: Ich habe auf das alles keinen Bock mehr. Aber man kommt da auch raus, wenn man sich Hilfe holt.
Wer hat Ihnen geholfen?
Ich arbeite seit einigen Jahren mit einem Mentaltrainer zusammen, und das kann ich nur jedem Sportler empfehlen. Einmal, weil der Kopf eine ganz, ganz wichtige Rolle im Sport spielt. Das mentale Training hilft aber nicht nur im Sport. Da geht es um ganz andere Dinge, um die Einstellung zum Leben. Ich musste zum Beispiel an dem Komplex Presse, Sponsoren, Öffentlichkeit hart arbeiten, ehe ich mich damit zurechtgefunden habe. Ich weiß nicht, wie es nach 2007 weitergegangen wäre, wenn ich nichts unternommen hätte.
Es gibt Leute, die behaupten: Wer sich schon mit der Zeit nach der sportlichen Karriere beschäftigt, der hat sich innerlich bereits verabschiedet. Was halten Sie von dieser These?
Gar nichts. Ich finde es sehr wichtig, dass man sich Gedanken macht, was irgendwann mal ist. Ein bisschen Planung gibt einem das gute Gefühl, dass das Leben danach auch was zu bieten hat. Und meine Motivation leidet darunter überhaupt nicht. Im Gegenteil: Ich weiß nicht, ob ich jemals so motiviert in eine Saison gegangen bin wie in diese.
Kein Wunder, die WM findet schließlich in Ruhpolding statt. Wie viele Titel sollen es denn 2012 sein?
Ich möchte gerne Weltmeisterin werden im eigenen Land: Wie oft, ist nicht so wichtig. Aber einmal vor heimischem Publikum da oben stehen und die Hymne hören - auf dieses Gefühl würde ich nur ungern verzichten.