Herr Maier, nehmen wir an, Sie würden noch mal als Kind auf die Ski steigen. In welche Richtung würde es gehen: Alpin, Cross, Freestyle, Freeride?
Schwierige Frage. Ich habe eine sehr hohe Affinität zu den Alpinen, aber auch zu den Freeskiern. Skicross wäre nichts für mich, ich wollte keinen Sport auf Ski betreiben, in dem ich Körperkontakt habe. Was mich schon immer fasziniert hat, sind das Skifahren im Gelände und der Rennsport.
Warum sind die Skiverbände, warum ist Olympia plötzlich so heiß auf jugendliche Funsportarten? Ski Halfpipe und sogar Ski Slopestyle sind schon in Sotschi 2014 olympisch, obwohl es bislang kaum Verbands- und Wettkampfstrukturen gibt. Warum diese Eile?
Ich glaube, dass die Verbände überhaupt nicht scharf darauf sind, so viele Disziplinen dazuzubekommen. Das wird ihnen über das IOC und in Deutschland auch über die Sportfördersysteme aufdiktiert. In dem Moment, in dem neue Disziplinen olympisch werden, unterliegen die Verbände dem Zwang, diese Sportarten zu fördern. Im Augenblick gibt es eine Überflutung durch viele neue Sportarten. Das ist nach meinem Geschmack alles viel zu hektisch. Man muss sich, auch das ist meine persönliche Meinung, auch einmal fragen: Passt diese Flut an neuen Sportarten, die das IOC aufnimmt, überhaupt zu Olympia? Ich sehe, Freestyle-Disziplinen wie Halfpipe und Slopestyle eher kritisch im olympischen Kontext. In diesen Disziplinen stehen Freiheits- und Kreativitätsgedanken an erster Stelle.
Warum macht das IOC überhaupt einen solchen Druck?
Ein Grund mag darin liegen, dass die X-Games mittlerweile eine ernstzunehmende Konkurrenzveranstaltung zu den Olympischen Spielen geworden sind. Das IOC ist extrem kapitalorientiert, und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Drei Milliarden Menschen haben am Fernsehen Olympische Winterspiele gesehen, aber schon 500 Millionen haben die X-Games gesehen, und die Altersgruppe, die von den X-Games abgedeckt wird, ist auch die Zielgruppe der Olympischen Spiele in der Zukunft.
Wie geht ein Verband wie der DSV mit dieser Flut an neuen Disziplinen um?
Wir bauen die Strukturen offen und respektvoll auf. Wir wollen den neuen Disziplinen nicht mit den klassischen Verbandsstrukturen begegnen. Wir wollen den Spirit dieser Leute nicht unterdrücken. Sie sollen sich weiterhin auf ihre Weise darstellen können. Ich glaube, dass diese lebhaften neuen Disziplinen einem traditionellen Verband wie dem DSV auch guttun werden. Verbände unterliegen genauso einem Wandel wie alles andere auch. Wir werden auf lange Sicht von diesen neuen Disziplinen profitieren können.
Das Problem ist die Finanzierung?
Ja, das bereitet uns Probleme, und zwar massive Probleme. Eine Nationalmannschaft kostet den Verband in der Grundförderung in etwa 500 000 Euro. Ein Verband wie der DSV, der nicht über die öffentliche Hand finanziert wird, bekommt für Trainingslehrgänge, Wettkämpfe und Gehälter der Trainer und Betreuer keine Staatsmittel. Gefördert werden hingegen Trainingsstätten. Natürlich ist das für uns dann eine extrem große Belastung, wenn der DSV eine Skicross-, eine Halfpipe- und eine Slopestyle-Nationalmannschaft aufbauen soll. In all diesen Disziplinen ist es schwer zusätzliche Mittel zu erwirtschaften, vor allem was die Sponsorengelder betrifft.
Aber Sie sollen mit diesen neuen Disziplinen gleich Medaillen gewinnen.
Der Deutsche Olympische Sportbund will die erfolgreichste olympische Wintersportnation stellen. Dieser Anspruch ist konsequent und nachvollziehbar. In Vancouver 2010 hat man aber gesehen, dass die traditionellen Sportarten extrem umkämpft sind, während die Medaillen in den Trendsportarten noch relativ leicht zu gewinnen waren. Die Kanadier haben den Medaillenspiegel gewonnen, obwohl sie in den meisten traditionellen Sportarten leer ausgegangen sind, sie haben die entscheidenden Medaillen in den neuen Sportarten geholt. Und jetzt ist es eben die Absicht des Deutschen Olympischen Sportbundes, und das ist legitim und berechtigt, dass wir in diesen neuen Disziplinen wettbewerbsfähig sein sollen. Unser Problem ist, dass der DOSB die Hauptkosten dafür auf die Verbände verlagert.
Was die neuen Disziplinen verbindet, ist ein hohes Maß an Spektakel und Risikobereitschaft. Sie sind durch die Bank gefährlich, der Tod der Freestylerin Sarah Burke hat das gerade wieder bestätigt. Wie sehen Sie den Status quo dieser Sportarten?
Die X-Games zeichnen sich durch ein extrem hohes Risiko aus. Je spektakulärer der Sturz, desto besser. Es gibt keine Rücksicht auf Verluste. Aber wenn die Disziplinen olympisch werden und wir sie fördern, dann können wir nicht eine Nationalmannschaft aufbauen und finanzieren in einer Disziplin, in der einer dem anderen ungestraft das Schienbein abfährt. Wir können und wollen keine Gladiatorenkämpfe fördern, deshalb müssen sich diese Disziplinen zuallererst in sicherheitsrelevanten Fragen entwickeln. Das höchste Gut eines Verbandes ist der Sportler und seine Gesundheit. Deshalb müssen die bestehenden Reglements zum Beispiel im Skicross verändert werden. Wir wollen die Athleten schützen, gleichwohl ist es auch dann möglich, modernen und attraktiven Sport zu zeigen.
Gilt das auch für die Halfpipe? Da sind die Eiswände mittlerweile fast sieben Meter hoch.
Auch da wird sich etwas ändern müssen, das hat der Tod von Sarah Burke gezeigt. Auch in der Halfpipe muss man sich der Diskussion stellen, wohin sich der Sport entwickeln soll.
Wie kann sich das klassische alpine Skifahren in diesem jugendlich-dynamischen Umfeld positionieren?
Ich glaube, dass die alpinen Disziplinen weiterhin eine gute Zukunft haben. Aber es wird nicht mehr eine so große Auswahl an Talenten geben. Die Geburtenjahrgänge sind rückläufig, Und es werden dem alpinen Rennsport auch Talente verlorengehen an die neuen Disziplinen, das ist klar. Aber das heißt nicht, dass die eine Sportart auf Kosten der anderen ausbluten muss. Man wird sich anders aufstellen müssen, man wird die Förderkonzepte überdenken müssen, und man wird die Toleranz aufbringen müssen zu sagen: Okay, wir können jetzt nicht mehr aus vierzig Leuten pro Jahrgang aussuchen, sondern vielleicht nur noch aus zwanzig, aber wir sind dafür bestens aufgestellt. Wir müssen uns auf die Verteilung von Talenten auf mehr Disziplinen einstellen.
Das Gespräch führte Michael Eder.