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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Hannover Scorpions Eine Welle der Entgeisterung

Spieler gegen Trainer, Geldgeber gegen Manager, jeder gegen jeden: Das Eishockey in Hannover versinkt im Chaos.

© picture alliance / dpa Vergrößern Gute Stimmung war mal: In Hannover haben die Fans keine Lust mehr auf Papenburg und Krinner

Er sei ja eigentlich „ein harmoniebedürftiger Mensch", sagt Marco Stichnoth. Von dieser Selbstbeschreibung ausgehend, erscheint der Eishockeymanager fehl an seinem Platze bei den Hannover Scorpions. Der Verein, der vor zwei Jahren deutscher Meister wurde, ist mittlerweile heillos zerstritten über die Frage, wer schuld ist am sportlichen Absturz des abgeschlagenen Tabellenletzten in der Deutschen Eishockey Liga (DEL).

Auf der einen Seite des tiefen Grabens stehen vor allem die Mannschaft und die Fans, die den ungeliebten Trainer Anton Krinner zur Verantwortung ziehen und am liebsten ins ewige Eis schicken würden. Das kleinere, aber weitaus mächtigere Lager auf der anderen Seite bilden Krinner und sein Fürsprecher Günter Papenburg, der als Gesellschafter und Geldgeber der Scorpions stets das letzte Wort hat. Nachdem sich die Skorpione zunächst wochenlang gepiesackt hatten, ist mittlerweile eine Selbstzerfleischung in vollem Gange.

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Geschäftsführer Stichnoth sitzt von Berufs wegen zwar zwischen den Stühlen, hat sich allem Harmoniestreben zum Trotz aber vernehmlich gegen Krinner positioniert. „Die Welle ist sicher auch deshalb losgeschlagen, weil ich mich irgendwann öffentlich zu sportlichen Dingen geäußert habe", sagt Stichnoth. „Aber dass einem Sportlichen Leiter nach der 13. Heimniederlage nacheinander mal der Kragen platzt, ist nichts Ungewöhnliches."

15 Heimniederlagen in Serie

Vorigen Sonntag haben die Scorpions sogar die Schlappe Nummer 15 kassiert und dadurch den DEL-Negativrekord, auf den sie gerne verzichtet hätten, ebenso auf die Spitze getrieben wie die miese Stimmung. Weil es auch auswärts alles andere als gut läuft, wie am Freitag beim 2:4 in München, stehen für Hannover nunmehr elf Niederlagen aus den vergangenen zwölf Spielen zu Buche.

Anlass für den öffentlichen Ausbruch des Geschäftsführers war, dass er daran verzweifelte, wie vorhersehbar das Scorpions-Spiel für die Gegner geworden war: „Das ist ja leicht auszurechnen. Da ist der Trainer gefordert." Die Worte Stichnoths, der Krinner zuvor öffentlich geschützt hatte, wurden als klares Misstrauensvotum verstanden. Dass den Scorpions regelmäßig kurz vor Spielschluss die Luft ausgehe, so auch die öffentliche Meinung, läge vor allem an der Taktik des Trainers.

Vergangene Zeiten: 2010 wurde Hannover noch Meister - der Trainer hieß allerdings auch noch Hans Zac © picture alliance / dpa Vergrößern Vergangene Zeiten: 2010 wurde Hannover noch Meister - der Trainer hieß allerdings auch noch Hans Zach

Weil Krinner auf ein laufintensives Spiel Mann gegen Mann setze und die Eishockeyprofis dadurch immer dem Puck hinterherhetzen müssten, brechen sie eher früher als später ein. „Die Mannschaft kämpft. Aber wenn man hundert Prozent Einsatz zeigt und trotzdem nichts nach Hause bringt, läuft etwas falsch", sagt Stichnoth. Zudem missfällt es dem Manager, dass junge Spieler, die er geholt hat, wenig Einsatzzeiten erhalten. „Im sportlichen Bereich muss sich jeder seine Fehler eingestehen - und dann aber auch Lösungen finden", fordert Stichnoth.

„Ich rede doch nicht mit einem Baggerfahrer“

Inmitten des Zerwürfnisses gibt sich Anton Krinner wortkarg. Reagieren mag der Bayer nicht einmal über die bizarre Entwicklung, dass er als ebenso erfolgloser wie umstrittener Trainer von Klubeigner Papenburg soeben eine Jobgarantie für die nächste Saison erhalten hat und als Bonus auch zum Sportdirektor befördert wird. Was soll er auch sagen angesichts der Welle der Entgeisterung, die ihm entgegenschlägt?

Die Scorpions-Spieler tun ihren Unmut hinter vorgehaltener Hand kund. Sie haben an Impresario Papenburg einen Brief geschrieben, in dem sie auf Distanz gehen zum Trainer. Wie es heißt, will kein Profi ein weiteres Jahr mit Krinner zusammenarbeiten.

15 Verträge laufen zum Saisonende aus, von den restlichen Spielern denken einige über eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses nach. „Wer etwas Besseres findet, kann gerne gehen", sagt Papenburg. Auf ein zunächst avisiertes Gespräch mit der Mannschaft verzichtete der 73 Jahre alte Bauunternehmer mit den Worten: „Ich rede doch nicht mit einem Baggerfahrer, wenn ich einen Geschäftsführer habe."

Fanproteste und der Alleinentscheider

Sicher ist, dass der Geschäftsführer, der noch Marco Stichnoth heißt, nächste Saison entmachtet wird, indem Krinner die alleinige Sportliche Führung übertragen wird. Das Vertrauen, das der Manager in acht Jahren aufgebaut hatte und 2010 zum Meistertitel führte, ist aufgebraucht. Stichnoth habe die Etats in den vorigen Jahren ständig überzogen, sagt Papenburg. Bei den Scorpions-Fans, die sich früher auch des Öfteren über Worte und Taten Stichnoths irritiert zeigten, stehen in dem Konflikt hinter dem Manager. „Ohne Marco sind wir nicht mehr hier!", drohte die Anhängerschaft zuletzt plakativ. Auch ein Schild „Koan Krinner!" war zu lesen.

Beim Heimspiel am Sonntag gegen die Düsseldorfer Metro Stars kam es noch schlimmer: „Wir haben Ehre, wir haben Anstand, wir haben Stolz. Und sind dann mal weg“, stand auf einem riesigen Transparent, das den verwaisten Fanblock schmückte. Kein Getrommel für das Team, kein Applaus während des ersten Drittels, stattdessen gab es im Kanon mit den Düsseldorfer Fans Schmähungen gegen Krinner, der die Scorpions vor anderthalb Jahren nach ihrem Titeltriumph von Erfolgscoach Hans Zach übernommen hatte.

Dass die Scorpions fünf Spieltage vor Ende der DEL-Hauptrunde dabei sind auseinanderzubrechen, scheint also ausgemacht: Stichnoth wird sich die Entmachtung nicht gefallen lassen und gehen, die meisten Spieler suchen ebenfalls das Weite, und auch die sowieso nicht überaus zahlreichen Fans drohen mit Rückzug. Allen zusammen zeigt Mäzen Papenburg die kalte Schulter. Ironie der Geschichte: Der Alleinentscheider verhält sich im Sinne eines alten Bertolt-Brecht-Zitats: „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?"

Quelle: F.A.S.

 
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