Gregor Schlierenzauer hat im Alter von neun Jahren mit dem Skispringen begonnen. Die Vierschanzentournee, die Sven Hannawald 2001/2002 mit dem "Grand Slam" abschloss, war die erste, die der Tiroler bewusst vor dem Fernseher verfolgte. "Hanni wurde deshalb schnell mein Vorbild", erzählt er, "für die damalige Zeit." Elf war er damals. Nun befindet sich der Österreicher in einer vergleichbaren Situation wie Hannawald, als der vor zehn Jahren auch mit zwei Siegen im Rücken nach Innsbruck fuhr. Zur Halbzeit der 60. Tournee führt der 21 Jahre alte Tiroler, nach den Siegen in Oberstdorf und in Garmisch-Partenkirchen, überlegen.
Gregor Schlierenzauer ist Olympiasieger, Weltmeister und Gesamt-Weltcupsieger geworden. "Es ist kein Staatsgeheimnis, dass ich irgendwann die Vierschanzentournee gewinnen will", hat er schon vor dem Start gesagt. Nach zwei Springen stellt sich kaum mehr die Frage, ob er dies in diesem Jahr schafft. Vielmehr wird nur noch darüber spekuliert, ob er alle vier Wettkämpfe gewinnen kann? Genau wie einst bei Hannawald in Deutschland überschlagen sich die Medien in Österreich: "Die Tiroler Traum-Tournee".
Bei der Pressekonferenz am Montag in Innsbruck machten sich Schlierenzauer und seine Mannschaftskollegen Andreas Kofler und Thomas Morgenstern einen Spaß daraus, die elf Mikrofone vor ihnen immer demjenigen hinzuschieben, der gerade gefragt wurde. Sie sind begehrte Leute. Nicht nur die "Tiroler Tageszeitung" berichtet in diesen Tagen auf vielen Seiten über die Vierschanzentournee.
Jede Kleinigkeit wird ausgeschlachtet. Cheftrainer Alexander Pointner fürchtet jedoch nicht, dass dies seinen besten Mann aus der Erfolgsspur bringen wird. "Gregor wird von Jahr zu Jahr reifer und erfahrener", sagt er. Vor allem im vergangenen Jahr habe der Athlet in seiner Persönlichkeitsentwicklung einen gewaltigen Sprung gemacht.
„Schon immer ein außergewöhnlicher Sportler“
Sportlich war Gregor Schlierenzauer stets eine Ausnahme, in allen Altersklassen überragend. "Er war schon immer ein außergewöhnlicher Sportler", sagt der Trainer. Mit 16 Jahren ist der Junge aus dem Stubaital kometenhaft in die Weltspitze aufgestiegen. Seitdem reiht er Rekord an Rekord. Noch nie war ein Österreicher im Skispringen erfolgreicher. Mit 38 Siegen bei Weltcupspringen belegt er Platz drei der Bestenliste, vor ihm liegen nur noch der Finne Matti Nykänen (46) und Adam Malysz aus Polen (39). Beide sind nicht mehr aktiv. Besonders stolz ist Pointner darauf, "dass Gregor immer an der Weltspitze geblieben ist", keine Tiefen hatte.
Zehn Jahre nach seinem "Grand Slam" könnte Hannawald einen Nachfolger bekommen. "Momentan ist der Rekord noch das Alleinstellungsmerkmal schlechthin. Das würde ich gerne so lange wie möglich behalten", sagte Hannawald gegenüber "Bild".
"Ich würde schon mal zittern, wenn ich der Hanni wäre. Die Chance ist sehr groß, dass der Gregor die vier Triumphe schafft", sagt der aus Österreich stammende deutsche Bundestrainer Werner Schuster, der Schlierenzauer als Jugendlichen selbst betreut hat. Der Gesamterfolg sei Schlierenzauer seiner Meinung nach nicht mehr zu nehmen: "Der Gregor müsste sich schon den Fuß brechen. Sonst gibt er das Ding nicht mehr aus der Hand." 22,2 Punkte beträgt der Halbzeitvorsprung im Gesamtklassement vor Kofler.
Um Bodenhaftung bemüht
Trotz seiner Dominanz ist Schlierenzauer um Bodenhaftung bemüht. Und dies aus gutem Grund: Er kennt die Unwägbarkeiten seines Sports. Schon zweimal konnte er zwei Tournee- Springen gewinnen - und wurde dann insgesamt Zweiter (2006/2007) und Vierter (2009/2010). An die für vier Erfolge ausgelobte Rekordprämie von umgerechnet rund 820.000 Euro (eine Million Schweizer Franken) will Schlierenzauer daher nicht zu viele Gedanken verschwenden.
Ganz entziehen kann er sich dem Hype jedoch nicht. "Natürlich befasst man sich mit dem Gesamtsieg, doch es ist erst Halbzeit, und es kann sehr viel passieren. Aber wenn man ein Polster hat, schläft man gut", sagte er. Was auch für ihn spricht: Er hat in den vergangenen Jahren auf seiner Heimschanze in Innsbruck (Springen an diesem Mittwoch) und in Bischofshofen (Freitag) schon gewonnen, kennt die Anlagen genau.
Zwei Athleten für Topleistungen
Aus deutscher Sicht hat sich der Tournee-Trubel gelegt, nachdem die erhofften Podestplätze ausgeblieben sind. Severin Freund ist mit seinem siebten Platz beim Neujahrsspringen und Gesamtposition fünf bei Halbzeit der Vierschanzentournee jedoch vollkommen zufrieden. "Ich bin auf meinem Fahrplan, unter die besten Zehn zu kommen, noch gut unterwegs", sagt der 23-Jährige aus Rastbüchl. Bundestrainer Schuster gibt sich als Optimist: "Wir haben zwei Athleten, die Topleistungen bringen können." Möglicherweise fällt Freund und Richard Freitag die Jagd nach einem Podestplatz in fremdem Revier leichter als bei den deutschen Stationen.