22.01.2012 · Nach dem Wechsel von Österreichs Team ins deutsche ist Fritz Dopfer in die Weltspitze vorgestoßen. Schon jetzt spürt Felix Neureuther den internen Druck.
Von Bernd Steinle, KitzbühelEs gibt Sportler, die auftauchen wie Kai aus der Kiste, deren Karrieren geradezu explodieren. Weil sie mit 17 das wichtigste Tennisturnier der Welt gewinne oder weil sie mit 18 ihren Fußballklub zum deutschen Meistertitel führen. Und dann gibt es Karrieren, die verlaufen wie ein Reifeprozess, die langsam und kontinuierlich wachsen, ohne lauten Knalleffekt. Karrieren wie die von Fritz Dopfer.
Der 24 Jahre alte Dopfer bescherte dem Deutschen Ski-Verband (DSV) im vergangenen Dezember das beste Resultat eines Riesenslalom-Läufers seit fast 18 Jahren - er wurde Dritter in Beaver Creek. Damals staunten nicht wenige, galt Dopfer bis dahin doch eher als zuverlässiger Punktefahrer, der meist irgendwo zwischen Platz zehn und zwanzig zu Hause war.
Noch viel mehr staunten sie dann am vergangenen Wochenende. Da beendete Dopfer den Slalom von Wengen ebenfalls auf Rang drei, geschlagen nur vom kroatischen Gesamtweltcup-Sieger Ivica Kostelic und dem Olympia-Dritten André Myhrer aus Schweden. Mit anderen Worten: Dopfer war auch im Slalom in der Weltspitze angekommen.
So würde er das selbst vermutlich nicht ausdrücken. Dopfer sagt lieber: „In Wengen ist viel zusammengekommen, meine Form war richtig gut, andere haben Fehler gemacht.“ So oder so, das Ergebnis ließ keine Fragen offen: „Platz drei“, sagt Dopfer, „war riesig.“
Es war ein Ausrufezeichen mit Ankündigung. In den vergangenen Jahren hat sich der Technikspezialist vom SC Garmisch Schritt für Schritt an die Besten der Branche herangekämpft. „Das war ein langfristiger Prozess“, beschreibt Dopfer seinen Aufstieg, und auch Karlheinz Waibel, der Cheftrainer der deutschen Ski-Herren, sagt: „Er ist keiner, der von null auf hundert gegangen ist. Er hat sich Stück für Stück weiterentwickelt.“
Dopfer gilt als extrem fleißiger Athlet, er arbeitet intensiv und ausdauernd, er ist einer, der im Training voll mitzieht, mit ganzem Herzen dabei ist. „Es ist sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten“, sagt Waibel, „er ist nicht nur ein Trainingskonsumierer, es kommt auch immer eine Rückmeldung von ihm.“
Dopfer führt seine kontinuierliche Leistungsentwicklung auch darauf zurück, dass er nie ernsthaft verletzt war. „Ich konnte jahrelang immer hart und gut trainieren“, sagt er, „das war sicher ein Schlüssel, warum ich nie große Rückschläge gehabt habe.“ Seit vier Jahren arbeitet er eng mit dem Techniktrainer Albert Doppelhofer zusammen, einem Mann, den Dopfers Teamkollege Felix Neureuther als „knallharten Hund und sehr guten Trainer“ beschreibt, als einen, „der uns und auch sich selbst alles abverlangt“.
Davon profitieren alle Beteiligten. „Bei uns ist momentan ein Zug dahinter, der sehr positiv ist“, sagt Neureuther, in diesem Winter schon Zweiter in Zagreb und Dritter in Alta Badia. „Wir geben uns nicht schnell zufrieden, sondern wollen immer weitermachen, so lange, bis wir da sind, wo wir hinwollten.“
Die besondere Konstellation im Team, hier der Aufsteiger Dopfer, da die etablierte Nummer eins Neureuther, wirkt offenbar auf beide beflügelnd. Neureuther ist in Dopfer ein teaminterner Rivale erwachsen, mit dem er sich messen und dessen Trainingsfleiß er als zusätzlichen Ansporn nutzen kann.
Dopfer wiederum kann sich am Spitzenfahrer Neureuther orientieren, der zudem in der Vergangenheit durch seine Erfolge die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog, so dass sich Dopfer hinter der Frontfigur unbehelligt und ohne großen Erwartungsdruck voranarbeiten konnte. „Der Felix hat ihm da viel Windschatten geboten“, sagt Waibel.
Aus diesem Windschatten ist Dopfer nun herausgetreten. Das ist auch in Österreich mit Interesse zur Kenntnis genommen worden - dort hat Dopfer seine Ski-Karriere begonnen, unter anderem am renommierten Nachwuchszentrum des Österreichischen Verbands (ÖSV), dem Skigymnasium in Stams. Bei der Junioren-WM 2007 fuhr er in Slalom und Riesenslalom jeweils auf Platz sieben.
Noch im selben Jahr wechselte er die Seiten und entschloss sich, künftig für den DSV zu starten, weil er dort bessere Chancen sah als in der mit Talenten reich gesegneten Ski-Nation Österreich. Dopfer hat einen deutschen Vater und eine österreichische Mutter, aufgewachsen ist er erst in Oberbayern, bevor die Familie dann, als er zehn war, nach Tirol zog. Der Mann, der vom großen Nachbarn kam, fand sich im DSV schnell zurecht, und noch heute ist er dankbar für die Geduld, mit der er dort aufgebaut wurde.
Der Fall zeige auch „die Stärke unseres Systems“, sagt Waibel. „Österreich lebt von der Menge. Um sich da durchzusetzen, musst du ein guter Skifahrer und ein guter Wettkämpfer sein.“ Letzteres traf auf Dopfer eher bedingt zu, lange mangelte es ihm an Aggressivität, Angriffslust, Risikofreudigkeit, und diese Zurückhaltung machte es für ihn im prächtig besetzten ÖSV-Talentschuppen nicht einfacher. „Wir können eher individuell auf den Athleten eingehen, ihn in Ruhe entwickeln“, sagt Waibel. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, auch das kann mit entscheiden über eine Sportlerkarriere.
An diesem Sonntag tritt der Grenzgänger Dopfer beim Slalom in Kitzbühel an. Er gehe mit „einer großen Sicherheit“ an den Start, sagt er, wegen seiner Resultate und weil „ich schon jetzt mehr erreicht habe als vor der Saison erhofft“. Platz 13 im ersten Saisonrennen, dem Riesenslalom von Sölden, sei für ihn „wie ein Hallo-wach-Effekt“ gewesen, sagt Dopfer, „da hab ich gesehen, ich kann richtig schnell fahren“. Spätestens in Wengen haben das nun auch alle anderen erkannt.