06.03.2011 · Er ist in einer Gegend ohne „richtige Berge“ aufgewachsen und gehört dennoch zur Weltelite im Ski-Freestyle. Roy Kittler über flache Hänge, große Sprünge und die Verbindung von Nebenbei-Studium und Extrem-Sport.
Der deutsche Freestyler Roy Kittler hat bei den European-Freeski-Open in Laax fast die gesamte Weltspitze hinter sich gelassen. Im Slopestyle, einem Parcours über Schanzen und Hindernisse, ist der 22 Jahre alte Sachse überraschend Zweiter geworden.
Zweiter Platz beim Freeski Open, das hat vor Ihnen noch kein Deutscher geschafft, sind Sie selbst ein bisschen überrascht?
Absolut, es ist Wahnsinn, dass ich hier auf diesem hohen Niveau den zweiten Platz machen konnte. Ich bin letzte Woche in Österreich bei den Austrian Open Dritter geworden, das war schon ein Riesen-Erfolg für mich. Und jetzt Zweiter bei den European Open, wo das Level noch höher ist. Ich kann es kaum fassen.
Sie sind in der Nähe von Dresden geboren und aufgewachsen. Wie haben Sie es geschafft, so ein guter Skifahrer zu werden?
Ich hatte das Glück, dass mein Vater ein absoluter Ski-Fanatiker ist. Er war Trainer der DDR-Ski-Nationalmannschaft, meine Mutter und mein Bruder sind früher Skirennen gefahren. In der Umgebung von Dresden ist allerdings kein Berg höher als 800 Meter, das heißt eine Abfahrt dort dauert eine halbe Minute. Als ich ein bisschen älter wurde, fuhren meine Eltern mit uns oft in die „richtigen Berge“. Zu Hause bin ich außerdem Inline-Skates gefahren, auch über Rampen. Ich habe es sogar mal zu den deutschen Meisterschaften geschafft.
Und was hat Inline-Skaten mit Freestyle-Skifahren zu tun?
Die Bewegungen beim Springen und beim Sliden, dem Rutschen über Geländer, sind sehr ähnlich. Vor allem hat das Skaten bei mir aber dazu geführt, dass mir Skifahren zu langweilig wurde. Immer nur gerade den Berg runter zu fahren war nicht so mein Ding. Deswegen habe ich verschiedene andere Sachen ausprobiert. Vor acht Jahren war ich dann in Österreich auf einem Gletscher und habe zum ersten Mal Skifahrer mit speziellen Freestyle-Ski gesehen, die rückwärts über Schanzen sprangen. Das fand ich so toll, dass ich meine Eltern so lange genervt habe, bis sie mir solche Ski gekauft haben. Und seitdem bin ich nicht mehr davon losgekommen.
Trotzdem haben Sie aber immer noch in Sachsen gewohnt, wie haben Sie es in die Weltspitze geschafft?
Ich bin im Winter fast jedes Wochenende mit meinem Vater in die Berge zum Trainieren oder zu Wettkämpfen gefahren. Freitags sieben Stunden hin, Sonntags sieben zurück. In den letzten beiden Schuljahren war ich bestimmt ein halbes Jahr überhaupt nicht in der Schule. Aber solange die Noten stimmten, durfte ich immer zu den Wettkämpfen fahren.
Heute leben Sie in Innsbruck und studieren Marketing und Management. Wieso setzen Sie nicht, wie viele Ihrer Kollegen, voll aufs Skifahren?
Das habe ich in den ersten drei Jahren nach meinem Abitur gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir das nicht reicht. Ich habe nur fürs Skifahren gelebt und das war mir zu stumpf. Deswegen habe ich vor ein eineinhalb Jahren angefangen zu studieren. Und lustigerweise läuft es seitdem besser. Den größten Erfolg meiner Karriere habe ich an diesem Wochenende gefeiert.
Sie wollen also nicht wieder Vollzeit-Profi werden?
Nein, das habe ich schon gehabt und das hat mich nicht erfüllt. Ich sehe das heute ein bisschen lockerer. Vor zwei Jahren war ich den Sommer über zum Skifahren in Neuseeland. Das war super zum Trainieren, aber als ich zurück kam, hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf Winter und Schnee. Jetzt gehe ich im Sommer zwei Monate surfen und danach komme ich voll motiviert wieder und will nichts mehr als Skifahren.
Das klingt nicht nach einem sehr intensivem Studium.
Ich studiere in Innsbruck, da hat man ein bisschen mehr Verständnis für Wintersportler. Aber im Ernst: Es ist manchmal schon verdammt hart. Ich muss mich in der Zeit, die ich unterwegs beim Filmen oder auf Wettkämpfen verbringe, sehr zusammenreißen. Selbst nach einem langen Tag auf dem Berg lerne ich oft noch bis Mitternacht für die nächste Prüfung, während sich meine Teamkollegen entweder friedlich ins Bett legen oder Feiern gehen.
Wenn Sie von Ihrer Ski-Karriere erzählen, könnte man meinen, Sie wären schon ein alter Hase, dabei sind Sie erst 22 Jahre alt. Hat man da als Freestyler schon die besten Jahre hinter sich?
Das würde ich nicht sagen, aber man gehört schon zu den Älteren im Park. Es gibt genug 15-Jährige, die fast alle Älteren in Grund und Boden fahren. Man darf aber nicht vergessen, dass Freestyle-Skifahren ein Extrem-Sport ist, bei dem man sich jederzeit schwer verletzen kann. Man merkt mit zunehmendem Alter die Verschleißerscheinungen. Ich hatte bis jetzt vergleichsweise Glück, viele Freunde von mit haben sich aber auch schon richtig schwer verletzt. Ich hoffe, dass Ski-Slopestyle 2014 wirklich olympisch wird und ich mindestens bis dahin noch auf höchstem Niveau fahren kann. Das wäre ein Riesen-Ziel für mich.