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Frauen auf der Schanze Der Sprung aus der Nische

 ·  Frauen-Skispringen wird immer populärer, 200 Athletinnen trainieren mittlerweile auf professionellem Niveau für Wettkämpfe wie die laufende Weltmeisterschaft der Nordischen Skisportler.

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© dpa Vergrößern Hängepartie: Für Carina Vogt und Kolleginnen geht es langsam aufwärts

Der Versuchung, sich die Aufgabe schönzureden, erliegt Andreas Bauer nicht. Er deutet stattdessen an, dass es innerhalb des Deutschen Skiverbandes (DSV) einige Arbeitsplätze gibt, die derzeit mehr sportlichen Glanz für alle Beteiligten versprechen. Aber: „Es ist eine Herausforderung“, sagt er zu seinem Job als Bundestrainer, in dem er auch dafür sorgen soll, dass die deutschen Skisprung-Frauen bei der nordischen Ski-WM mehr erreichen, als die bisherigen Saisonergebnisse erwarten lassen.

Weltweit betreiben die Sportart maximal 200 Athletinnen auf professionellem Niveau. Wenn sich die Besten von ihnen an diesem Freitag (16 Uhr) im „Trampolino Giuseppe dal Ben“, dem Skisprungzentrum von Predazzo, auf Weitenjagd begeben, wird das deutsche Quartett mit der Medaillenvergabe wenig zu tun haben. Bauer sagt, er sei „grundsätzlich ein Optimist“, aber eben „realistisch genug“, um zu wissen, dass die von ihm betreuten Katharina Althaus (SC Oberstdorf), Ulrike Gräßler (VSC Klingenthal), Carina Vogt (SC Degenfeld) und Svenja Würth (SV Baiersbronn) lediglich Außenseiterchancen haben.  Diese Situation, die immerhin auch den Vorteil mit sich bringe, dass es keinen Erwartungsdruck gibt, „möchten wir für uns nutzen und gute Leistungen abliefern“.

Sein Kollege Werner Schuster, Trainer der deutschen Männer, ist ebenfalls ein Freund klarer Worte. Vor der WM-Premiere im Mixed-Skispringen nahm der Österreicher das vermeintlich schwache Geschlecht im eigenen Lager in die Pflicht: „In letzter Konsequenz wird die Goldmedaille über die Damen entschieden, weil die Dichte nicht so hoch ist. Ohne den Damen zu nahe treten zu wollen, da gibt es große Unterschiede. Da kann die eine der anderen schon mal zehn Meter abknöpfen“, sprach Schuster den Frauen eine entscheidende Rolle beim neu eingeführten WM-Format auf der Normalschanze an diesem Sonntag zu.

Die Grundlagenarbeit sei inzwischen abgeschlossen

Bauer, der im kommenden Jahr 50 wird, war früher selbst Weltcup-Springer. Später absolvierte er als Stellvertreter bei Altmeister Reinhard Heß seine Übungsleiter-Lehre, wurde Chefcoach der Nordischen Kombinierer. Am Standort Oberstdorf versammelte er eine kleine Gruppe an Mitstreitern um sich, mit der er auch dank der Unterstützung der Bundespolizei - bei der Gräßler, Vogt und Würth beschäftigt sind - langfristig für Aufschwung sorgen will.

Neben seinem Assistenten Christian Bruder gibt es noch einen Servicetechniker für die Ausrüstung und eine auf Stundenbasis honorierte Physiotherapeutin. Das ist, gemessen an sonstigen Spitzensportverhältnissen, wenig komfortabel. Doch für Bauer ein Fortschritt. Er sagt, bei seinem Amtsantritt vor 18 Monaten habe er „wenig bis gar nichts“ an professionellen Strukturen vorgefunden, die für eine gezielte Trainingssteuerung notwendig seien. Die Grundlagenarbeit sei inzwischen abgeschlossen.

Dank der Hilfe des Deutschen Olympischen Sportbundes und der Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt in München können die Sportlerinnen mittlerweile auch die Unterstützung von Ernährungsberatern und Psychologen in Anspruch nehmen, findet eine kontrollierte Datenaufzeichnung der Resultate statt. Dadurch könne man „systematischer an die ganze Sache“ herangehen. Die Aussicht, 2014 bei den Spielen in Sotschi erstmals Olympia-Medaillen durch Skispringerinnen zu gewinnen, bewegt immer mehr Nationen zur Förderung der Frauen, die sich von den machohaften Sprüchen eines Gian-Franco Kasper nicht die Lust am Risiko nehmen ließen.

Der Schweizer, Präsident des Internationalen Skiverbandes, hatte einst getönt, Skispringen sei nichts für Frauen, weil es ihnen bei der „Landung die Gebärmutter zerreißen“ würde. Favoritinnen in der WM-Einzelkonkurrenz sind die Japanerin Sara Takanashi und die Amerikanerin Sarah Hendrickson, die sich in den zurückliegenden Monaten als Weltcup-Siegerinnen abwechselten. Bauer hat in Ulrike Gräßler nur eine Starterin nominiert, die schon 2011 in Oslo dabei war. „Durch die schnelle Entwicklung im Damen-Skisprung hat ein Umbruch stattgefunden. Nicht alle Arrivierten konnten mit der Dynamik, die der Sport zuletzt erfahren hat, Schritt halten“, sagt Bauer.

Und er meint: „Perspektiven sind da.“ Ihn freut, dass durch die Fernsehübertragung in den kommenden Tagen eine Chance bestehe, auch bei Sponsoren Interesse zu wecken. „Wir müssen publik machen, was wir tun, dann kommt hier noch mehr Bewegung rein.“ Als Vorbild gelten ihm die deutschen Biathletinnen, die er 1992 in Albertville bei ihrer Olympia-Premiere erlebte - „und von denen niemand träumen konnte, dass sie so einen Boom entfachen würden“.

Den Schanzenrekord in Val di Fiemme hält übrigens eine Frau: Sarah Hendrickson sprang im Januar 2012 108 Meter - und damit fünfzig Zentimeter weiter als der beste Mann, der Pole Adam Malysz. „Das zeigt gut, was alles möglich ist“, findet Bauer. Doch auch wie weit die deutschen Frauen noch von Spitzenleistungen entfernt sind, ließ sich im vergangenen Winter gut erkennen: Das beste Resultat bislang glückte der Sächsin Carina Voigt. Im japanischen Ort Zao sprang sie als Dritte als Erste und Einzige aus dem Nationalteam aufs Podium. „Luft nach oben gibt es immer“, sagt Bauer, „aber wird sind alle auf dem Sprung.“ Wenn er raus aus der Nische führen würde, wäre es schon ein Erfolg.

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