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Felix Neureuther Speed mit Konstanz

 ·  Skirennfahrer Felix Neureuther ist in diesem Winter eine Bank – nicht nur im Slalom. Der einstige Draufgänger profitiert von seiner Erfahrung, den veränderten Ski und den Konkurrenten im eigenen Lager.

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© AFP Vergrößern Volle Konzentration zwischen den Toren: Neureuther beim Riesenslalom in Val d´Isere

Eigentlich hat die Hochsaison der Slalomspezialisten im alpinen Ski-Weltcup ja noch gar nicht begonnen. Richtig rund geht es bei den Kurvenkünstlern erst im Januar, dann geht es Schlag auf Schlag, jagt ein Rennen das nächste - erst der Parallelslalom in München, darauf der Slalom in Zagreb, gefolgt von der Klassiker-Trilogie Wengen, Adelboden, Kitzbühel und dem City-Event in Moskau. Und dann wird es erst so richtig ernst: bei der Ski-WM im Februar in Schladming. Für Felix Neureuther freilich ist diese Saison bereits jetzt ein Erfolg.

„Das ganze Jahr ist schon extrem positiv und super“, sagte er in Madonna di Campiglio. Da war er kurz zuvor im Nachtslalom auf Platz zwei gefahren, wie schon zehn Tage zuvor im Slalom in Val d’Isère, geschlagen diesmal nur vom überragenden österreichischen Gesamtweltcup-Sieger Marcel Hirscher. Neben diesen zwei zweiten Plätzen stehen in Neureuthers bisheriger Saisonbilanz - inklusive Riesenslalom - auch noch ein vierter und zwei siebte Ränge. Sechs Starts, fünf Top-Ten-Plätze, kein Ausfall: Felix Neureuther, das hat sich zuletzt gezeigt, ist in diesem Winter eine Bank.

Einer der besten Slalomläufer der Welt

Neureuther gilt seit Jahren als einer der besten Slalomläufer der Welt. Er hat das immer wieder bewiesen, er hat zwei Weltcup-Slaloms gewonnen, er fährt seit Jahren in der Weltspitze. Und doch ist bei vielen der Eindruck eines hochtalentierten, aber irgendwie unvollendeten Fahrers geblieben. Weil es in der Karriere des Felix Neureuther eben auch diese Rennen gab wie bei der WM 2007 in Are: Zweiter nach dem ersten Durchgang, beste Zwischenzeit im zweiten Lauf - und dann ausgeschieden. Ein Typ zwischen Genie und Wahnsinn, so hat sich der Skirennfahrer Neureuther selbst mal beschrieben, und das hieß: Wenn er ins Ziel kam, war er schnell - aber oft kam er eben nicht ins Ziel. Wegen eines kleinen Fehlers, eines Rutschers, einer Unaufmerksamkeit.

So war das auch in der vergangenen Saison. Da war der 28 Jahre alte Neureuther mit neuem Material unterwegs, vor Saisonbeginn hatte er damals den Ski-Ausrüster gewechselt. Ein goldrichtiger Schritt: Ski, Schuh und Schwung harmonierten fast perfekt. Viermal fuhr er im Weltcup aufs Podest - bevor eine Reihe von Ausfällen folgte. „Ich war letztes Jahr vom Speed her im Slalom schon sehr schnell“, sagt er, „aber es hat ein bisschen die Konstanz gefehlt in der Mitte der Saison“. Nun scheint diese Konstanz da zu sein, zusammen mit dem Speed, den er in die neue Saison mitgenommen hat. Der einstige Draufgänger profitiert inzwischen von fast zehn Jahren Weltcup-Erfahrung. Die Reife hilft ihm, auch mal beherrschter, kontrollierter, mehr mit Köpfchen zu fahren als zu einstigen Hopp-oder-Top-Zeiten.

Es passt im Moment vieles zusammen im System Neureuther, und das nicht nur im Slalom. Auch im Riesenslalom ist er so schnell unterwegs wie nie. Die nun vorgeschriebenen längeren, weniger stark taillierten Riesenslalomski kommen seiner Fahrweise entgegen. „Man muss jetzt noch spritziger sein“, sagt er, „muss noch aggressiver fahren, mit noch mehr Kantwinkel, um die Ski am Ende des Schwungs ums Eck zu bringen. Und das sind wir als Slalomfahrer eher gewohnt als ein Abfahrer.“ So trainierte der Partenkirchner vor Saisonbeginn viel Riesenslalom - das zahlt sich nun aus. Dazu kommt, dass ihm die Teamkollegen zunehmend Beine machen. In der vergangenen Saison war das vor allem Fritz Dopfer im Riesenslalom, nun ist Stefan Luitz dazugekommen, der mit Platz zwei in Val d’Isère Freund und Feind verblüffte. Aus der einstigen One-Man-Show bei den deutschen Technikspezialisten, in der alles auf den Topfahrer Neureuther zugeschnitten war, ist eine kleine, aber schlagkräftige Mannschaft geworden, die sich gegenseitig unterstützt, anspornt, beflügelt. Für den geselligen Kumpeltypen Neureuther ist das sportlich wie menschlich ein großer Gewinn. Nach Luitz’ Überraschungscoup in Val d’Isère schrieb er in seinem Blog: „Das war einer der emotionalsten Momente meiner Karriere.“

Die Saison begann deprimierend

So könnte diese Saison 2012/2013, die für Neureuther mit einem schmerzhaften Bandscheibenvorfall und der Absage beim Auftakt in Sölden so deprimierend begonnen hatte, zu einem Höhepunkt seiner langen Karriere werden. „Ich habe große Ziele“, sagt er. Da ist die WM in Schladming, da ist Olympia 2014 in Sotschi - und da ist die Tatsache, dass ihm eine Einzelmedaille bei großen Titelkämpfen, trotz aller sonstigen Erfolge, noch fehlt. Neureuther will sich nicht schon Monate oder gar Jahre im Voraus auf ein einziges Rennen fokussieren - nicht mehr, nicht nach dem verpatzten Slalom bei der lang ersehnten Heim-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen. Doch er macht auch kein Hehl daraus, wo er sich derzeit orientiert: ganz oben.

Und ganz oben, das heißt im Slalom: an Marcel Hirscher. „Ich muss jetzt trainieren, damit ich den Marcel mal packe“, sagte er am Dienstagabend. Im ersten Lauf war er da nur sechs Hundertstelsekunden langsamer gewesen als der Österreicher, „im zweiten Durchgang hab ich mich dann nicht mehr ganz getraut, voll auf Risiko zu fahren“ - flugs war Hirscher 1,6 Sekunden enteilt. „Der Hundling war ganz schön schnell heute“, musste Neureuther erkennen. Es war ein Kompliment für den Rivalen - und ein Ansporn für sich selbst: „Da muss ich noch ein bisschen arbeiten.“

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