21.01.2012 · Nach einem Tief ist Felix Neureuther in diesem Winter wieder oben angekommen. Im F.A.Z.-Interview spricht er über stressige Skitests, förderliche Konkurrenz und mutige Veränderungen.
Felix Neureuther hat vor zwei Jahren den Slalom von Kitzbühel gewonnen - es war sein erster Sieg im Ski-Weltcup. Nach der enttäuschend verlaufenen Heim-WM in Garmisch-Partenkirchen ist der 27-Jährige nun wieder in die Weltspitze vorgestoßen.
Sie haben in diesem Winter eine Reihe starker Resultate erzielt, waren Zweiter, Dritter, Vierter, Fünfter. Trotzdem waren Sie vor einer Woche nach Rang fünf in Wengen mächtig sauer auf sich selbst. Wie fällt denn mit ein bisschen Abstand Ihre Einschätzung der bisherigen Saison aus?
Nach den Problemen, die ich vor der Saison mit dem Knie hatte, bin ich sehr zufrieden. Aber wenn man ein paar gute Ergebnisse fährt, will man natürlich immer mehr. Ich weiß nicht, ob das überhaupt noch mal vorkommt, dass ich mich über einen fünften Platz so ärgere, denn das Ergebnis war eigentlich super. Die Fehler, die ich in dem Rennen eingebaut habe, waren vogelwild, und das hat mich im Nachhinein so geärgert, weil am Ende nur acht Hundertstelsekunden auf den zweiten Platz fehlten. Und ob man Zweiter wird oder Fünfter, ist halt doch ein Riesenunterschied.
Sie haben vor dieser Saison den Skiausrüster gewechselt. Welche Bedeutung hat das richtige Material für den sportlichen Erfolg?
Eine sehr große. Man kann das recht gut mit der Formel 1 vergleichen, auch wenn es nicht ganz so extrem ist. Aber wenn ein Fahrer nicht das richtige Auto hat, kann er auch nicht schnell sein. Und so ähnlich ist das bei uns auch. Ich bin jetzt sehr glücklich mit dem Material, ich muss mir keine Gedanken am Start machen, ob das passt oder nicht. Da steht man mit einem größeren Selbstvertrauen am Start, da kann man auch mal ein bisschen mehr riskieren. Und wenn dann ein Fehler wie in Wengen passiert, bin ich nicht draußen, sondern trotzdem noch relativ schnell. Wenn das Material nicht passt, kannst du so gut fahren, wie du willst, dann bist du fast chancenlos.
Das heißt, der Ski beeinflusst auch die Fahrweise?
Definitiv. Durch die Materialumstellung musste ich auch meinen Fahrstil ändern, um schnell zu sein. Die Atomic-Ski waren sehr aggressiv, da musste ich ziemlich gerade auf die Stange zufahren und einen extremen kurzen Schwung fahren, mit hohen Druckspitzen. Dadurch habe ich auch mehr Fehler gemacht, weil der Körper einen höheren Druck aushalten muss. Mit den neuen Ski verteilt sich der Druck schöner über den ganzen Schwung. Dadurch kommen nicht so hohe Druckspitzen zustande, und das Ganze fällt mir ein bisschen leichter, wird spielerischer.
Sie scheinen dadurch auch mehr Sicherheit gewonnen zu haben.
Auf alle Fälle. Bei bestimmten Schneearten hat's ja auch früher gepasst. Ich habe damals aber auch extrem viel mit dem Material getestet, habe immer wieder neue Sachen probiert, neue Ski, neue Schuhe, was an der Bindung verändert. Bei jeder Kleinigkeit, bei jeder Schneeveränderung musste ich ein anderes Setup haben. Ich konnte mich eigentlich nie auf meine Skifahrerei konzentrieren, sondern hab mich immer mehr um die Materialabstimmung gekümmert. Jetzt ist es so, dass ich ein Skimodell habe, das ich bei allen Bedingungen fahre.
Wie lange hat es gedauert, den richtigen Ski zu finden?
Ich habe drei Skimarken getestet, über einen Zeitraum von einem Monat. Ich habe da sehr viel investiert, ich hätte eigentlich an der Schulter operiert werden müssen, habe die Operation aber auf Anfang Mai verzögert, was nicht ohne Risiko war. Es ist eine große Entscheidung, die man da treffen muss, ich habe das bis ins kleinste Detail besprochen, auch mit den Trainern. Nach rund eineinhalb Monaten habe ich mich dann für Nordica entschieden.
Welche Rolle spielt dabei das eigene Gefühl, wie genau spürt man: Das ist der Richtige?
Es gibt Fahrer, die nicht so ein brutales Gefühl für das Material haben, die eigentlich mit allen Ski immer fast gleich gut gefahren sind. Und dann gibt es Fahrer, die sind sehr sensibel, wenn es ums Material geht, die die kleinste Kleinigkeit extrem spüren. So bin ich eigentlich auch. Ich habe ein ziemlich gutes Skigefühl, und bei mir muss das zusammenpassen, damit der Felix als Rennläufer funktioniert. Das macht es nicht unbedingt immer leichter.
Kann man dieses Gefühl lernen, ist es Erfahrungssache?
Als junger Fahrer ist dir das egal. Wenn's da heißt, den gleichen Ski fährt der Benni Raich, dann denkst du dir: Den Ski muss ich auch fahren. Dann bist du vom Kopf her schon so eingestellt, dass das mit dem Ski auch funktioniert. Als Junger schaust du nicht so genau, dass das vom Material her gut passt, da machst du dir gar nicht so großartig Gedanken darüber. Aber mit der Zeit fängst du eben an, dir Gedanken zu machen, und oft wird's dann viel komplizierter. Beim Skifahren spielen viele Faktoren eine Rolle, das Material, der Körper und vor allem der Kopf. Das alles muss perfekt harmonieren.
Wenn Sie die Resultate in dieser Saison sehen, ärgern Sie sich da nicht, dass Sie diesen Schritt nicht schon früher getan haben?
Im Nachhinein schon. Aber ich will die Zeit nicht missen, ich habe mit Atomic zwei Weltcuprennen gewonnen. Natürlich wäre der Schritt früher schon gut gewesen, aber ich will auch nicht die ganze Schuld dem Ski zuschieben, es war auch definitiv der Felix, der Fehler gemacht hat.
Die zweite große Veränderung vor dieser Saison war Ihre Rückkehr ins Slalom-Team, wo Sie unter anderen mit Fritz Dopfer trainieren. Man hat den Eindruck, die Veränderung hat Ihnen beiden gutgetan.
Es war für mich immer das Ziel, wieder in einem Team zu fahren. Ich war der Letzte, der immer allein herumfahren wollte. Nur war halt keine interne Konkurrenz da in den letzten Jahren. Deswegen war es der richtige Schritt, mich mit anderen Nationen zu messen. Jetzt sind die anderen Jungs so weit, dass sie wirklich auch vorne reinfahren können, und diese interne Konkurrenz hilft mir natürlich auch, weil wir uns im Training gegenseitig fordern und pushen können. Im Riesenslalom kann ich mich definitiv am Fritz orientieren, im Slalom hat sicher der Fritz mehr von mir profitiert als ich von ihm. Aber es ist gut, dass man sich gegenseitig ein bisschen anstacheln kann. Ich verliere ungern, jeder Sportler verliert ungern, deshalb wird das Niveau immer höher und höher.
Sie haben vor der Saison gesagt: Jetzt beginnt der zweite Abschnitt meiner Karriere. Welche Ziele haben Sie sich noch gesteckt?
Als ich das mit dem zweiten Abschnitt gesagt habe, war das natürlich ein bisschen mutig, da schraubt man die Erwartungen von außen ziemlich hoch, weil jeder gleich einen neuen Felix erwartet. Aber es war schon definitiv ein neuer Anfang, neues Material, neuer Trainer, es passt momentan alles super, wir harmonieren sehr gut, es macht sehr viel Spaß. Ich habe noch keine Einzelmedaille gewonnen, das ist der Traum jedes Sportlers. Und seit ich in den Weltcup gekommen bin, war es immer mein Ziel, einmal der beste Slalomläufer der Welt zu werden. Ich denke, dass man als Sportler immer die größten Ziele haben muss, um auch die größten Ziele erreichen zu können. Das ist sehr schwer, weil die Konkurrenz im Slalom extrem stark ist. Aber ich habe mir fest in den Kopf gesetzt, dass ich das eines Tages erreichen will.
Es ist mein Ziel, der beste Slalomläufer der Welt zu werden“
DANY FRANKY (danyandfrank)
- 21.01.2012, 12:44 Uhr