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Felix Neureuther im Gespräch „Der Instinkt will immer nur: Gas, Gas, Gas“

 ·  Felix Neureuther will der beste Slalomfahrer der Welt werden. Im FAZ.NET-Interview spricht er über Kopf, Material, Konzentration und den ständigen Kampf zwischen Angriff und Taktik.

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© dpa Vergrößern „Man muss immer die perfekte Schraubeneinstellung für dich selbst finden“: Felix Neureuther

Felix Neureuther galt lange als schneller, aber auch schnell ausgeschiedener Slalomfahrer. Nun hat er in dieser Saison so viele Weltcup-Punkte gesammelt wie nie zuvor: Mit 776 Zählern ist er Dritter der Gesamtwertung - obwohl er nur Slalom und Riesenslalom fährt. Bei der Ski-WM in Schladming startet der 28 Jahre alte Partenkirchner nach dem Teamwettbewerb am Dienstag noch am Freitag im Riesenslalom und am Sonntag seine Spezialdisziplin, der Slalom. Dort zählt Neureuther zu den großen Favoriten.

Sie fahren in dieser Saison außergewöhnlich konstant, sind noch kein einziges Mal ausgeschieden. Wie kam es dazu?

Hauptgrund ist, dass es vom Material her hundertprozentig passt. Ich kann mich bei jedem Rennen darauf verlassen, dass das funktioniert, was ich unter meinen Füßen habe. Das ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass man mit großen Selbstvertrauen in die Rennen geht. Auf der anderen Seite haben wir viel an der Konstanz gearbeitet, das war ja immer ein Manko in den letzten Jahren gewesen. Ich habe extrem viel Riesenslalom trainiert im Sommer, das hat mir sehr geholfen. Denn im Riesenslalom muss der Oberkörper stabiler sein, und das ist mir sehr zugutegekommen.

Sie haben sich also auch technisch verbessert?

Ja, das ist aber auch eine Folge des Materials. Ich muss nicht mehr so viel Zeit aufwenden für Materialtests, ich kann mich auf meine Technik konzentrieren und kann von Training zu Training daran arbeiten, dass die Technik besser wird. In der Vergangenheit habe ich eigentlich von Training zu Training nur geschaut, welches für mich das richtige Setup ist. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.

Sie haben sich auch im Riesenslalom enorm gesteigert. Welche Rolle spielten dabei die Materialänderungen vor dieser Saison?

Ich bin immer noch ein Kritiker der neuen Riesenslalomski, weil ich denke, dass das nicht die richtige Richtung ist, in die sich unser Sport bewegen sollte. Speziell für die Nachwuchsathleten ist es dadurch sehr schwierig geworden. Sie haben fast keine Chance mehr mit ihren körperlichen Voraussetzungen, die Ski richtig auf Druck zu bringen. Da mache ich mir große Sorgen, dass die Jugendlichen, die ja unsere Zukunft sind im Skisport, den Spaß verlieren. Mir kommt das mit den neuen Ski aber sicher zugute, weil ich es als Slalomfahrer gewohnt bin, einen viel kürzeren Druck zu fahren, viel aggressiver zu fahren, stärker die Knie in den Hang zu drücken als zum Beispiel ein Abfahrer. Das muss man mit den neuen Ski, die länger und weniger tailliert sind, noch extremer machen, damit man sie überhaupt um die Kurve bekommt. Das spielt den Slalomfahrern ziemlich in die Karten.

Im Slalom wirken Sie deutlich kontrollierter als früher. Wie lernt man so was?

Das hat sicher viel mit Erfahrung und Reife zu tun. Dass es jetzt so läuft, ist ein Prozess, in dem viele Bausteinchen zusammenpassen: das Material, ein perfektes Umfeld mit einem Spitzen-Trainerteam, die Arbeit an der Technik. Ich war nach der letzten Saison verletzungsfrei, musste nicht operiert werden, sondern konnte mich super auf die neue Saison vorbereiten.

Muss man sich Slalomfahren als ständigen Kampf vorstellen zwischen Angriff und Taktik, zwischen dem Instinkt, so schnell wie möglich zu fahren, und dem Kopf, der sagt, hier machst du mal lieber ein bisschen langsamer?

Auf alle Fälle. Der Instinkt will immer nur: Gas, Gas, Gas. Ich musste erst mal lernen, auch mal ein bisschen rauszunehmen, ein bisschen zurückzustecken. Das hat bei mir im Slalom lange gedauert. Ich wollte oft zu viel auf einmal, mir konnte es eigentlich nie schnell genug gehen. Das war im Endeffekt der größte Fehler von mir. Weil ich dadurch zu hasardieren angefangen habe und nicht vernünftig weitergearbeitet habe. Sonst wäre diese Entwicklung, wie sie jetzt da ist, sicher drei, vier Jahre früher gekommen. Man muss immer die perfekte Schraubeneinstellung für sich selbst finden, und man muss das auch körperlich und mental im Griff haben - dass man an manchen Stellen ein bisschen rausnimmt und dann wieder Vollgas fährt. Das ist unheimlich schwierig.

Lässt sich diese innere Kontrolle trainieren?

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Das Gespräch führte Bernd Steinle.

Quelle: F.A.S.
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09.02.2013, 19:20 Uhr

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