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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Felix Neureuther im Gespräch „Der Instinkt will immer nur: Gas, Gas, Gas“

 ·  Felix Neureuther will der beste Slalomfahrer der Welt werden. Im FAZ.NET-Interview spricht er über Kopf, Material, Konzentration und den ständigen Kampf zwischen Angriff und Taktik.

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© dpa „Man muss immer die perfekte Schraubeneinstellung für dich selbst finden“: Felix Neureuther

Felix Neureuther galt lange als schneller, aber auch schnell ausgeschiedener Slalomfahrer. Nun hat er in dieser Saison so viele Weltcup-Punkte gesammelt wie nie zuvor: Mit 776 Zählern ist er Dritter der Gesamtwertung - obwohl er nur Slalom und Riesenslalom fährt. Bei der Ski-WM in Schladming startet der 28 Jahre alte Partenkirchner nach dem Teamwettbewerb am Dienstag noch am Freitag im Riesenslalom und am Sonntag seine Spezialdisziplin, der Slalom. Dort zählt Neureuther zu den großen Favoriten.

Sie fahren in dieser Saison außergewöhnlich konstant, sind noch kein einziges Mal ausgeschieden. Wie kam es dazu?

Hauptgrund ist, dass es vom Material her hundertprozentig passt. Ich kann mich bei jedem Rennen darauf verlassen, dass das funktioniert, was ich unter meinen Füßen habe. Das ist ein wesentlicher Faktor dafür, dass man mit großen Selbstvertrauen in die Rennen geht. Auf der anderen Seite haben wir viel an der Konstanz gearbeitet, das war ja immer ein Manko in den letzten Jahren gewesen. Ich habe extrem viel Riesenslalom trainiert im Sommer, das hat mir sehr geholfen. Denn im Riesenslalom muss der Oberkörper stabiler sein, und das ist mir sehr zugutegekommen.

Sie haben sich also auch technisch verbessert?

Ja, das ist aber auch eine Folge des Materials. Ich muss nicht mehr so viel Zeit aufwenden für Materialtests, ich kann mich auf meine Technik konzentrieren und kann von Training zu Training daran arbeiten, dass die Technik besser wird. In der Vergangenheit habe ich eigentlich von Training zu Training nur geschaut, welches für mich das richtige Setup ist. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.

Sie haben sich auch im Riesenslalom enorm gesteigert. Welche Rolle spielten dabei die Materialänderungen vor dieser Saison?

Ich bin immer noch ein Kritiker der neuen Riesenslalomski, weil ich denke, dass das nicht die richtige Richtung ist, in die sich unser Sport bewegen sollte. Speziell für die Nachwuchsathleten ist es dadurch sehr schwierig geworden. Sie haben fast keine Chance mehr mit ihren körperlichen Voraussetzungen, die Ski richtig auf Druck zu bringen. Da mache ich mir große Sorgen, dass die Jugendlichen, die ja unsere Zukunft sind im Skisport, den Spaß verlieren. Mir kommt das mit den neuen Ski aber sicher zugute, weil ich es als Slalomfahrer gewohnt bin, einen viel kürzeren Druck zu fahren, viel aggressiver zu fahren, stärker die Knie in den Hang zu drücken als zum Beispiel ein Abfahrer. Das muss man mit den neuen Ski, die länger und weniger tailliert sind, noch extremer machen, damit man sie überhaupt um die Kurve bekommt. Das spielt den Slalomfahrern ziemlich in die Karten.

Im Slalom wirken Sie deutlich kontrollierter als früher. Wie lernt man so was?

Das hat sicher viel mit Erfahrung und Reife zu tun. Dass es jetzt so läuft, ist ein Prozess, in dem viele Bausteinchen zusammenpassen: das Material, ein perfektes Umfeld mit einem Spitzen-Trainerteam, die Arbeit an der Technik. Ich war nach der letzten Saison verletzungsfrei, musste nicht operiert werden, sondern konnte mich super auf die neue Saison vorbereiten.

Muss man sich Slalomfahren als ständigen Kampf vorstellen zwischen Angriff und Taktik, zwischen dem Instinkt, so schnell wie möglich zu fahren, und dem Kopf, der sagt, hier machst du mal lieber ein bisschen langsamer?

Auf alle Fälle. Der Instinkt will immer nur: Gas, Gas, Gas. Ich musste erst mal lernen, auch mal ein bisschen rauszunehmen, ein bisschen zurückzustecken. Das hat bei mir im Slalom lange gedauert. Ich wollte oft zu viel auf einmal, mir konnte es eigentlich nie schnell genug gehen. Das war im Endeffekt der größte Fehler von mir. Weil ich dadurch zu hasardieren angefangen habe und nicht vernünftig weitergearbeitet habe. Sonst wäre diese Entwicklung, wie sie jetzt da ist, sicher drei, vier Jahre früher gekommen. Man muss immer die perfekte Schraubeneinstellung für sich selbst finden, und man muss das auch körperlich und mental im Griff haben - dass man an manchen Stellen ein bisschen rausnimmt und dann wieder Vollgas fährt. Das ist unheimlich schwierig.

Lässt sich diese innere Kontrolle trainieren?

Man probiert, sich das im Training permanent zu erarbeiten. Slalomfahren ist ein sehr komplexer Sport, bei dem sehr viele Faktoren zusammenpassen müssen. Das ist ja auch das Schöne an unserem Sport, dass man nicht nur permanent auf dem Fahrrad sitzt und kurbelt, sondern dass so vieles perfekt zusammenpassen muss, damit was Gutes dabei rauskommt. Da spielt auch der Kopf eine ganz entscheidende Rolle. Das kann man natürlich schlecht im Sommer beim Training im Kraftraum nachahmen, sondern man probiert, sich da koordinativ drauf vorzubereiten, sich selbst immer schwierigere Aufgaben zu geben. Am ehesten, denke ich, kann man so was noch herbeiführen, wenn man sich in Extremsituationen versetzt. Ich bin zum Beispiel auf der Slackline zum Gipfel der Zugspitze gelaufen, und da muss ich sagen, das kommt vom Mentalen, vom Kopf her, schon sehr nahe heran ans Skifahren. Es ist diese extreme Konzentration, und diese Konzentration darf man keine Sekunde verlieren, sondern wirklich erst dann, wenn man am anderen Ende der Leine ist. Da erst kann man auslassen, und erst dann fällt eigentlich auch alles von einem ab. Das ist schon eine ähnliche Situation, sich auf so einer Highline zu bewegen.

Sie haben im vergangenen Winter von dem Ziel gesprochen, der beste Slalomläufer der Welt zu werden. Nun sind Sie nahe dran an diesem Ziel  ...

Darüber mache ich mir eigentlich keine Gedanken, weil ich weiß, dass ich noch nicht an meinem Maximum angekommen bin. Es gibt noch sehr viel Verbesserungspotential bei mir. Die Konkurrenz schläft nicht, und mit Marcel Hirscher ist einer da, der ein Jahrhunderttalent ist, der sicher nicht einfach zu schlagen ist. Ich probiere jeden Tag mein Bestes, um dieses Ziel zu erreichen, der beste Slalomläufer der Welt zu werden. Natürlich bin ich jetzt so nah dran wie noch nie, aber alles in allem muss man schon sagen, dass der Marcel ganz klar der große Favorit ist.

Das deutsche Technik-Team hat sich in dieser Saison viel Respekt erarbeitet. Sind Sie selbst manchmal erstaunt über die Entwicklung, die die Mannschaft in den letzten Jahren genommen hat?

Ich habe es früher immer furchtbar gefunden, wenn ich allein im Trainingslager in Neuseeland war, und ich habe schon auch hart dafür gekämpft, dass sich wieder ein Team entwickelt. Eigentlich ist es die größte Überraschung, dass wir im Riesenslalom so ein starkes Team haben. Slalomläufer hat es in Deutschland immer gegeben, aber dass wir im Riesenslalom jetzt so ein Team haben, das ist schon was sehr Schönes. Zwei Jungs, die erste Gruppe sind, und ein ganz Junger, der auf dem Weg dorthin ist - das ist ein großer Glücksfall für den Deutschen Skiverband. Der Verband darf jetzt aber nicht den Fehler machen, zu denken, dass man nun, wo es so gut läuft und die Jungen welche haben, zu denen sie aufschauen können, nicht mehr so auf die Nachwuchsarbeit schauen muss. Gerade jetzt muss man noch viel mehr auf die Jungen schauen. Das ist eine einmalige Chance für den Skiverband, und die muss er jetzt wahrnehmen.

Wie entsteht so ein starkes Team? Müssen dafür einfach zur richtigen Zeit die richtigen Leute zusammenkommen?

Ich denke, dass das bei uns hauptsächlich an den Trainern liegt. Wir haben das große Glück, dass wir ein super funktionierendes Trainer-Team haben. Die Jungs geben alles, es wird sehr professionell gearbeitet, das wirkt sich auch auf uns aus. Wir vertrauen den Trainern blind, und sie vertrauen uns genauso. Wir sind im Technikbereich bei den Herren extrem gut aufgestellt, auch mit den vielen ehemaligen Athleten, die die Jungs weiter unten trainieren. Das war in den vergangenen Jahren nicht so der Fall. Speziell in diesem Alter liegt sehr viel an den Trainern. Ich hatte das Glück, dass ich einen Vater hatte, der immer drauf geschaut hat, dass das passt mit den Trainern. Er hat nie die volle Verantwortung dem Skiverband überlassen, mein Vater hat im Hintergrund schon immer die Fäden gezogen. Fritz Dopfer ist sowieso seinen ganz eigenen Weg gegangen, er ist früher für Österreich gefahren, war am Skigymnasium in Stams. Und bei Stefan Luitz war auch sein Vater immer dabei. Man sieht, da ist immer eine Unterstützung, die das ein bisschen in die richtigen Wege leitet. Es setzen sich nicht immer nur die durch, die sich im klassischen Verbandssystem bewegen. Die Förderung der Eltern ist extrem wertvoll.

Das Gespräch führte Bernd Steinle.

Quelle: F.A.S.
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