09.02.2010 · Auch bei den am Freitag beginnenden Olympischen Winterspielen in Vancouver ist mit Betrügern auf den Siegerpodesten zu rechnen. Die ARD-Recherche „Geheimsache Doping“ brachte zwar keine neuen Erkenntnisse, kratzt aber wie vorangegangene Reportagen an der Glaubwürdigkeit des Sports.
Von Daniel MeurenAm Freitag beginnen die Olympischen Winterspiele in Vancouver - und wie seit geraumer Zeit üblich, zeigen die Öffentlich-Rechtlichen in den Tagen vor den ebenso zuschauerträchtigen wie dopingverdächtigen Sport- und Medienspektakeln zu nachtschlafener Zeit die Ergebnisse ihrer investigativen Recherchen. Den Anfang machte in der Nacht zum Dienstag die ARD mit der Reportage „Geheimsache Doping - Eiskalter Betrug - Hinter den Kulissen des Wintersports“, das ZDF zieht am Mittwoch um 23.15 Uhr mit der Reportage „Mission Gold“ nach.
Die geringe Zuschauerzahl mag der Sender dabei vielleicht sogar billigend in Kauf nehmen, um nicht am Ende noch allzu viele willige Zuschauer vom Einschalten abzuhalten, wenn von Freitag an aus Kanada die Bilder von hechelnden, schießenden, springenden, wedelnden und durch Eiskanäle rasenden Männern und Frauen vor weißem Hintergrund gezeigt werden.
Denn der Film von Hajo Seppelt, Robert Kempe und Jochen Leufgens will veranschaulichen, dass nur reichlich naive Sportfans an dopingfreien Sport glauben können und dass die Wahrscheinlichkeit eines gedopten Medaillengewinners vor allem in den ausdauerintensiven Sportarten wie Skilanglauf und Biathlon hoch ist. Dies legt vor allem das Doping-Geständnis eines erfolgreichen nordischen Skisportlers in der ARD-Reportage nahe. Dessen Wirksamkeit krankt allerdings daran, dass der „Kronzeuge“ und angebliche WM- und Olympiateilnehmer seine Identität nicht preisgibt, sondern lediglich dramatisch mit Kapuze getarnt und im Gegenlicht inszeniert aussagt - ein Stilmittel, das Seppelt nicht zum ersten Mal einsetzt. Der Sportler „aus Mitteleuropa“ bekennt, bei der Wiener Blutbank Humanplasma Eigenblutdoping begangen zu haben, die nach eigenen Worten „sauberste Form“ des Dopings - ohne Chemie oder andere Nebenwirkungen.
„Ich hatte kein schlechtes Gefühl, man hat es machen müssen, um eben international zu bestehen, genauso wie Training, Schlafen und Essen hat es einfach dazu gehört. Man wusste, dass es die anderen so ähnlich machen“, sagt der Sportler. Unter anderem womöglich auch deutsche Athleten aus dem Biathlon und Skilanglauf, wie Arnold Riebenbauer andeutet, der die Untersuchungskommission des österreichischen Skiverbands nach den Spielen von Turin 2006 leitete.
Dunkler Gestus, geheimnisvolle Wortwahl
Er behauptet mit dunklem Gestus und geheimnisvoller Wortwahl, dass in den Unterlagen Namen deutscher Sportler auftauchten, seine Kommission aber keine Befugnis für weitere Nachforschungen gehabt habe. Namen nannte Riebenbauer nicht. Diese Aussagen sind wie auch die Worte Walter Mayers, des vermutlichen Drahtziehers des österreichischen Dopingskandals während der Winterspiele von Turin 2006, keine Sensation, da die Verstrickung deutscher Sportler schon lange behauptet wird - bislang aber nicht belegt wurde.
Aber die Aussagen bringen ein wenig Licht ins Dunkel und kratzen wieder einmal an der Glaubwürdigkeit des Sports. Das ist das Verdienst der Arbeit von Seppelt, Kempe und Leufgens. In weiten Teilen wirkt die Reportage indes wie ein Remake des ebenfalls vom ARD-Dopingexperten Seppelt verantworteten Films vor der Leichtathletik-WM in Berlin im August mit dem Titel „Geheimsache Doping - Die Doping-Drahtzieher der Leichtathletik”.
Zweifelhafte Relevanz
Wie einst im August gehen die Reporter auch jetzt wieder auf Einkaufstour mit versteckter Kamera. Diese Inszenierung wirkt sehr dramatisch, weil die Zuschauer Einblick in ein düsteres Fitnessstudios in einem Keller der weißrussischen Hauptstadt Minsk erhalten. Die Relevanz von ins Deutsche übersetzten Aussagen eines Betreibers einer solchen Einrichtung für die tatsächlichen Abläufe im Weltdopingbetrieb bleibt aber reichlich zweifelhaft. Der Betreiber gibt vor, dass Sportler aus Weißrussland, baltischen Staaten und Russland bei ihm gängige Dopingmittel wie Wachstumshormon und Epo einkauften. Daraus auf - aus anderen Gründen naheliegende - Dopingvergehen russischer Wintersportler zu schließen, ist indes fragwürdig.
Spannender sind da schon die Aussagen des italienischen Staatsanwalts Raffaele Gauriniello, der die immer noch laufenden Ermittlungen zum Dopingskandal während der Olympischen Spiele von Turin im Jahr 2006 leitet. „Wenn man von Sport spricht, ist die Neigung zur Verschwiegenheit besonders verbreitet“, sagt er, um die Langsamkeit des italienischen Strafverfolgung zu erklären.
Mit „S 107“ bringt die ARD die Wada in Erklärungsnot
Ähnlich interessant ist die Geschichte vom Erwerb der Substanz „S 107“, eines für die Behandlung von Herzleiden gedachten Medikaments, das sich erst in der klinischen Testphase befindet und dennoch angeblich bereits in Sportlerkreisen zur Leistungssteigerung verwendet wird. Den Reportern gelingt es auf recht simple Art, an die Substanz heranzukommen, die laut Aussagen des Kölner Dopingforschers Mario Thevis die Muskelermüdung deutlich reduzieren und den Aufbau der Leistungsfähigkeit womöglich um 20 Prozent verbessern könnte.
Mit ihrem erfolgreichen Erwerb von „S 107“ bringen Seppelt und Kollegen die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada in Erklärungsnot. Die Dopingbekämpfer aus Lausanne sahen bislang keine Notwendigkeit, das Mittel auf die Dopingliste zu setzen und einen Nachweis für das Mittel zu erforschen. In Vancouver könnte S 107 also zu manch glänzender Medaille verhelfen. Und das Schlusswort des anonymen Dopinggeständigen könnte wahr werden: „Erwischt werden auch in Vancouver nur die, die nicht wissen wie Doping wirklich funktioniert.“